Wohin mit dem Leergut nach der Party?

Studierende haben meistens keinen eigenen Pkw. Pfandraising Wuppertal hat daraus eine Geschäftsidee gemacht.
Interview von Patricia Friedek

Annabelle Woltering (2. v.r.) engagiert sich seit einem Jahr bei den Pfandraisern. Ihr Motto: „Feier Wild, sei faul, tu Gutes.“

Foto: Jens Grossmann

Die Studenteninitiative Pfandraising Wuppertal fährt alle zwei Wochen mit ihrem „Pfandmobil” herum und holt Leergut bei Menschen zu Hause ab. Angefangen hat das 2015, als eine Wuppertaler Soziologie-Studentin ihre Projektarbeit schrieb und die Idee hatte, nach WG-Partys Pfand von anderen Studenten einzusammeln. Inzwischen ist der Verein zu elf jungen Leuten herangewachsen. Annabelle Woltering (33) ist seit einem Jahr dabei.

jetzt: Warum müsst ihr Flaschen sammeln?

Annabelle Woltering: Wir sammeln Flaschen nicht so, wie Pfandsammler auf der Straße das zum Beispiel machen. Wir holen das Pfand nicht aus Mülleimern, sondern bei Studenten-WGs, anderen Privathaushalten, bei Schulen oder Unternehmen in Wuppertal ab. Dafür kann man sich über unsere Homepage anmelden. Dann fahren wir alle 14 Tage mittwochs raus und geben die Flaschen in einem Supermarkt ab. Wir machen das, weil Pfand eine leicht zugängliche Geldquelle ist. Die Leute müssen nicht aktiv Geld spenden, sondern spenden etwas, das sie sowieso im Keller haben und dort unter Umständen drei Jahre lang verrottet, weil sie nicht dazu kommen, das Pfand selber wegzubringen.

Warum ausgerechnet Mittwochs? Studentenpartys sind doch eher am Wochenende.

Wir haben eine Kooperation mit einem Supermarkt, bei dem wir die Genehmigung haben, am Mittwochabend die Pfandautomaten für ein bis zwei Stunden zu „blockieren”, weil da nicht so viel los ist. So bekommen wir in einem Rutsch viel Geld zusammen, was wir am Ende des Monats an andere Initiativen spenden können.

Wie viel Geld nehmt ihr denn pro Tour ein?

Neulich hatten wir eine Tour, da haben wir 100 Euro eingenommen, ein anderes mal waren es dann 600. Im Schnitt sind es zwischen 300 und 400 Euro im Monat.

„Bei den Privathaushalten haben wir mittlerweile richtige Stammkunden“

Und was macht ihr mit dem Geld?

Wir versuchen, es gerecht zu verteilen. Manchmal spenden wir es an die Kinderhilfe, an die Seniorenhilfe oder an Flüchtlingsinitiativen. Zuletzt haben wir zum Beispiel ein kostenloses Seniorenfrühstück mit einer Spende unterstützt und Rhododendren in einem öffentlichen Park gepflanzt, weil sie dort durch die heißen Sommer vertrocknet sind.

Manchmal machen wir Befragungen über Facebook, in denen die Nutzer abstimmen konnten, wofür wir als nächstes spenden sollen. Insgesamt haben wir bisher an 20 bis 25 Vereine gespendet, allerdings ist alles lokal.

Euer Projekt läuft schon seit 2015. Was habt ihr seitdem erreicht?

Es hat damit angefangen, dass die Pfandraiser vor allem bei Studenten nach ihren WG-Partys das Leergut eingesammelt haben. Das hat sich herumgesprochen.  Später haben wir ein eigenes Kernprojekt entwickelt, in dem wir Deutschkurse für geflüchtete Frauen angeboten haben. Das haben wir allerdings auslaufen lassen, weil es nicht mehr gebraucht wurde. Trotzdem ist das aus unserer Sicht ein Erfolg, weil die Teilnehmer jetzt gut Deutsch sprechen. Außerdem kooperieren wir mit mehreren Schulen und Unternehmen, dort haben wir unsere eigenen Pfandraising-Mülleimer verteilt. Bei den Privathaushalten haben wir mittlerweile richtige Stammkunden. Und wir wurden sogar schonmal von Angela Merkel bei einer Veranstaltung zur Würdigung von Ehrenamtlichen für unser Engagement geehrt.

Warum sind Studenten eine gute Klientel? Die brauchen doch selber Geld.

Studenten haben meistens keinen eigenen Pkw – da kommt es ihnen gelegen, wenn wir die leeren Kästen nach der Party mit unserem Pfandmobil, einem großen Kastenwagen, abholen. Und natürlich sind Studenten auch eher offen, mal etwas auszuprobieren.

 

„Ich finde es total befriedigend, selbst angepackt zu haben, weil ich sonst den ganzen Tag im Büro sitze“

Mittlerweile seid ihr elf Leute in eurem Team. Warum lohnt es sich, bei den Pfandraisern mitzumachen? Ihr investiert ja schon viel Zeit.

Man ist pro Tour schon zwischen drei und fünf Stunden beschäftigt. Aber am Ende von einem Abend sehen wir, was wir geschafft haben, das gibt uns ein gutes Gefühl. Auch, wenn es anstrengend ist und klebt und stinkt. Ich finde es total befriedigend, selbst angepackt zu haben, weil ich sonst den ganzen Tag im Büro sitze.

Das klingt alles so, als wäre es total einfach und würde euch nur Spaß bereiten. Gibt es manchmal auch Probleme?

Probleme treten eigentlich immer auf, wenn sich Unternehmen oder Eventveranstalter spontan melden und uns sagen, wir können am selben Tag 50 Kisten abholen. Uns sind aus Gründen der Men- beziehungsweise Womenpower und unseres Pfandmobils Grenzen gesetzt.

Was macht euer Projekt besser als andere Pfandprojekte?

Ich finde, dass Pfandraising sehr transparent ist im Vergleich zu vielen anderen Projekten.  Die Leute wissen, dass die Pfandspende zu uns geht und wir das Geld für einen guten Zweck weiterspenden. Beim Pfandring zum Beispiel ist es so, dass man sein Pfand in den Ring stellt und niemand so wirklich weiß, wer sich das Pfand dort herausholt. Manche Menschen, die es wirklich brauchen, schämen sich, das Pfand dort wegzunehmen. Das ist bei uns anders.

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