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Foto: dpa; Illustration: Katharina Bitzl

Den deutschen Brauereien gehen die Pfandflaschen aus, als Gründe werden der erhöhte Bierabsatz wegen der Fußball-WM und des guten Wetters genannt. Wir wissen aber: Es liegt einfach daran, dass sich niemand gerne trennt. Denn jede Trennung läuft nach demselben Muster ab. Auch die von Leergut. Diese sechs Phasen muss jeder Pfandflaschenbesitzer durchmachen.

1. Trauer (eine Woche)

Die Zeit, die du mit den Flaschen verbracht hast, war schön. Rufe dir deine liebsten Erinnerungen ins Gedächtnis und tu dir so richtig selbst leid. Denke an das erste Bier bei der Einweihungsparty, das du dir vor Nervosität aufgemacht hast. Wie gut das tat. Denke an die vielen Radler- und Speziflaschen, die du im Laufe des WM-Finales entkorkt, in Gläser gegossen, an Gäste verteilt oder selbst halb geleert hast, nur um sie dann auf der Kommode in der Ecke stehen zu lassen. Denke an den besonders intimen Moment, als du dir nach dem Sport noch ein alkoholfreies Weißbier eingeschenkt hast. Wie ihr zwei dann im stillen Einvernehmen auf der Couch saßt. Du darfst dabei auch etwas weinen. Schaue dir durch deine Tränen die hübsche Pale-Ale-Flasche an, die du vor allem wegen der kunstvollen Zeichnung darauf gekauft hast. Denn die Zeit war gut und ihr wisst beide: Sie kommt so schnell nicht wieder. Suhle dich, sag deinen Freunden ab, klirre beim Telefonat schluchzend mit ein paar Flaschen. Bestehe darauf, alleine sein zu wollen. Schäme dich nicht für deine Trauer.

2. Katharsis (ein verregneter Samstag)

Es reicht. Aus den Augen damit. Das, was an eurer Beziehung gut war, ist schon lange weg. Sammle die Pfandflaschen in der Küche zusammen und schau auch in den Jutebeutel, den du an der Isar dabeihattest. Sammle die Flaschen in stabilen Papptüten oder diesen verflixten Jutebeuteln, von denen du eh viel zu viele hast. Denn wo die Kästen sind, die dir dieses Ärgernis überhaupt ins Haus gebracht haben, hast du schon lange verdrängt. Geh in den Keller, um die Taschen dort einzusperren, denn da gehören Dinge wie Pfandflaschen nun mal hin. Überlege dir, was für ein stressiges Prinzip Pfandflaschen eigentlich sind. Wirf den Jutebeutel mit den Flaschen etwas zu heftig in eine Ecke des Kellers, zerbrich dabei die unterste Flasche. Stampfe wütend auf. Im Keller sind übrigens auch die Bier-und Spezikästen, die du vor deiner Taschenlösung überall gesucht hast. Stampfe noch etwas wütender auf und ziehe die Tür hinter dir zu. Bringe ein extra Schloss an deinem Kellerverschlag an. Gehe mit Freunden etwas trinken, um dich abzuregen. Trinke Fassbier. Aus Gläsern. Spüre, wie du wieder Lebensfreude gewinnst.

3. Einsicht (mehrere Wochen)

In deinem Leben muss sich etwas ändern und Altlasten im Keller helfen dabei nicht. Hol die Flaschen wieder rauf, mit der festen Absicht, sie wegzubringen. Stelle sie direkt an die Tür, damit du sie so schnell wie möglich zum Getränkemarkt bringst, und sie nicht wieder wochenlang da herumstehen. Lass sie vier Wochen genau an der gleichen Stelle herumstehen. Fange an, deinen Kleiderschrank auszumisten, fahre mit dem kaputten Regal zum Wertstoffhof, backe eine Prinzregententorte, streiche deine Wände farbig, verlege in der ganzen Wohnung einen neuen Boden, schreinere ein Vogelhäuschen. Seufze laut, wenn du im Vorbeigehen die Pfandflaschen siehst.

4. Aggression (jedes Mal, wenn du die Wohnung verlässt)

Nachdem du dreimal drüber gestolpert bist, erinnerst du ich wieder daran, warum du dich von diesem miesen, hinterhältigen Schrott eigentlich trennen wolltest. Jetzt steht der Mist da und lacht dich aus, während du dir den großen Zeh brichst. Brülle die Flaschen an: „Ihr wolltet mir immer nur weh tun! Ihr habt mein Leben versaut!“ Fange nochmal an zu weinen und lasse dich neben die Flaschen sinken. Ende mit dem Satz „Ihr habt mich nie wirklich geliebt“ und verlasse mit vorwurfsvollen Blicken über deine Schulter die Wohnung. (Türen knallen ist nie verkehrt).

5. Loslassen (eine halbe Stunde)

BRING. SIE. WEG. Im Getränkemarkt bist du Anfangs noch etwas traurig. Winke deinen Pfandflaschen zum Abschied. Fühle dich sehr leer. Sag zu dem Mann oder der Frau an der Kasse: „Ich habe keine Tränen mehr.“  Schau dir die vielen vollen Getränkekästen an. Blau, grün, gelb, gemustert. Entscheide dich für einen Kasten mit Flaschen, die regionalere und geschmacksintensivere Getränke enthalten als deine alten. Deine Laune bessert sich ein bisschen. Erzähle deinem neuen Kasten beim nach-Hause-gehen, dass du auch mit den alten Flaschen eine schöne Zeit hattest, in der es keinen Hass gab. Nur Geben und Nehmen und Trinken.

6. Stolz und Freude (bis der Kasten leer ist)

Lade Freunde ein, um ihnen deinen neuen Craftbeerkasten mit Flaschen im Farbton Emerald Green und skizzierten Wellensittichen darauf zu zeigen. Sei glücklich, weil sich deine Freunde so mit dir freuen. Deine neuen Pfandflaschen sind so schön, dass du in ihrem Glanz auch irgendwie schöner wirst und im Laufe des Abends auch so ausgelassen und froh wie früher. Lass dir bei der Verabschiedung von deinen Freunden sagen, wie cool und lässig der neue Bierkasten ist im Vergleich zum alten – und wie gut er aussieht. Nicke freudestrahlend und gehe mit einer Flasche ins Bett. Genieß das Gefühl, sie im Arm zu halten. Bald schon musst du nämlich zurück zu Phase eins.

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