Warum wir uns im Club von Pfandmarken befreien sollten

Das war’s, ihr ollen Plastiktaler!
Von Inga Pöting

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Aus einem Winkel meiner Hosentasche meldet sich um drei Uhr frühs das Pflichtgefühl in Form einer Pfandmarke. Auf der Suche nach etwas Kleingeld für das Klopersonal habe ich in die Tasche gegriffen und einen Euro sowie einen kleinen, roten Plastiktaler ans Licht befördert. Ich lege den Euro auf den Teller und werfe einen prüfenden Blick zurück in die Klokabine. Wo zum Teufel habe ich das Gegenstück zur Pfandmarke gelassen? Denn: In Kombination mit einer leeren Bierflasche lässt sich eine Pfandmarke in diesem Club in 50 Cent verwandeln. Das System, das sich in vielen Clubs etabliert hat, ist einfach, aber es funktioniert eigentlich nie: Entweder ich verliere die Bierflasche oder ich finde an der Theke die Pfandmarke nicht.

Pfandmarken sind reine Schikane. Aber ich bin nicht stark genug, um mich gegen sie zu wehren. Als Geknechtete des Systems schleppe ich deshalb meine leeren Flaschen so lange blödsinnig zwischen Tanzfläche und Toiletten herum, bis ich sie doch irgendwo abstelle und vergesse. Dafür verfolgen mich verwaiste Nicht-50-Cent-Stücke bis nach Hause. Als Abgesandte des deutschen Ordnungswahns lauern sie in Hand- und Hosentaschen und sogar auf meinem Dielentisch. „Bring uns zurück“, raunen sie, „Wir sind bares Geld, das dir gehört! Denk das nächste Mal gleich an uns, denn deine Getränke werden unnötig teuer, wenn du uns nicht einlöst.“ Ich spiele mit dem Gedanken, auf dem Weg zur Theke einfach irgendeine leere Flasche von einem Stehtisch mitgehen zu lassen. Aber wäre das nicht moralisch verwerflich? Vielleicht hat jemand anders dann in einer Viertelstunde mein Problem. Das kann ich auch betrunken nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.

Das war’s, ihr ollen Plastiktaler! Nie wieder Pfandmarkenschikane!

Auf einmal wird mir klar, was ich hier mitten in der Nacht auf der Clubtoilette alles denke und komme mir lächerlich vor. So viel Kopfzerbrechen wegen 50 Cent! Wer zehn Euro Partyeintritt und 3,50 pro Bier bezahlen kann, kann ja wohl die maximal vier Euro zusätzlich für nicht zurückgebrachtes Pfand erübrigen! Stimmt – nur leider macht dieser Gedanke gleich das nächste Fass auf. Jetzt frage ich mich, ob ich eigentlich dankbar genug dafür bin, dass ich mir regelmäßig solche Clubnächte leisten kann. Ich habe keine Antwort darauf. Verflucht sei die Pfandmarke.

Ratlos gehe ich zur Tanzfläche zurück. „Ist was nicht okay?“, fragt meine Begleitung. Ich erzähle von der Pfandmarke. Sie lacht. Dann fischt sie zwei Exemplare aus ihrer eigenen Tasche. „Befreien wir uns von dem Stress!“, ruft sie und wirft die Pfandmarken einfach über ihre Schulter. Ich bin beeindruckt. Und unsicher. Ist es okay, Pfandmarken einfach wegzuwerfen? Ist das nicht blöd für den Club? Wenn das alle machen würden ... Doch dann fällt mir die Pfandmarkensammlung auf meinem Dielentisch ein. Auf eine mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Und so lasse ich meine Pfandmarke hinterher fliegen. Dann erklärt mir meine Begleitung, die manchmal selbst in einem Club arbeitet, wozu es Pfandmarken eigentlich gibt. Nämlich nicht dafür, dass Flaschen zurück an die Theke finden, sondern: um den bescheidenen Verdienst des Thekenpersonals aufzubessern. 50 Cent extra für jede vergessene Flasche.

Ich fühle mich befreit. Ab heute werde ich Pfandmarken einfach über die Schulter werfen. Das war’s, ihr ollen Plastiktaler! Nie wieder Pfandmarkenschikane! Als Aussteigerin aus dem Pfandmarkensystem werde ich in Talkshows auftreten und Deutschlands Clubgängern zu einem unbeschwerten Nachtleben verhelfen! Oder die Pfandmarken einfach gleich nach Erhalt zurückgeben. Dann kann die Person an der Bar die 50 Cent direkt in die Trinkgeldkasse legen.

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