Fahrradverkehr ist bald ein Studiengang

Was man da so lernt, hat uns Klaus-Martin Melzer verraten, der den Studiengang mit entwickelt.
Interview von Niko Kappel

Foto: Beate-Helena / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Von 2021 an wird man an einigen deutschen Hochschulen und Universitäten Fahrradverkehr studieren können. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte einen Höchstbetrag von 400 000 Euro Förderung pro Uni ausgeschrieben, die einen Studiengang zum Thema Fahrradverkehr anbieten will. Insgesamt 33 Unis und Hochschulen haben sich dafür beworben. Sieben Unis haben den Zuschlag bekommen, unter anderem die Technische Hochschule Wildau in Brandenburg. Wir haben mit Klaus-Martin Melzer gesprochen, der den neuen „Fahrrad-Studiengang“ plant. Er hat uns verraten, was man da lernt und woran es in Deutschland beim Thema Fahrradverkehr mangelt.

jetzt: Herr Melzer, warum muss man Fahrradverkehr studieren?

Klaus-Martin Melzer: Weil ein gut durchdachter – und damit attraktiver und akzeptierter – Fahrradverkehr eine komplexe Angelegenheit ist. Und weil man als Absolvent eines solchen Studiengangs einen Beitrag zur Verkehrswende leisten kann.

Wie sieht der neue „Fahrrad-Studiengang“ an der TH Wildau genau aus?

Zum Sommersemester 2021 schaffen wir den neuen Masterstudiengang „Radverkehr in intermodalen Verkehrsnetzen“. Intermodal heißt, dass das Fahrrad mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert wird. Man braucht drei Semester, um dort einen Master of Engineering zu erlangen. Die Bewerberinnen und Bewerber sollten einen Bachelorabschluss in einem verkehrs- oder stadtplanerischen Studiengang und Interesse an technischen Lösungen und deren Vermittlung mitbringen.

„Wir haben zum Thema Fahrradverkehr viel zu wenig Daten“

Dass das Fahrrad mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert wird, ist ja jetzt nicht unbedingt neu und Inhalt jedes Verkehrsingenieur-Studiums. Was wollen Sie anders machen?

Grundsätzlich gibt es genügend Unis, die sich mit dem Thema intermodale Verkehrsplanung beschäftigen, das ist schon richtig. Das Problem ist, dass der Radverkehr dabei nur eine Nebenrolle spielt. Wenn zum Beispiel Kreuzungen geplant werden, dann macht man sich zuerst Gedanken über die Verkehrsführung von Autos und dann wird der Fahrradweg irgendwie angepasst.

Ist das ein Problem?

Die Bevorzugung des Autos führt dazu, dass Fahrradfahren im Verkehr nur ein Nebenzweig ist. Sehr viele Dinge werden vernachlässigt, zum Beispiel das Zusammenspiel von Bike-Sharing-Systemen an Park-and-Ride-Parkhäusern oder einfachere Preismodelle, wenn es darum geht, das Fahrrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kombinieren. Bei uns soll das Fahrrad im Mittelpunkt der Verkehrsplanung stehen. Wir wollen Radverkehrsplanung neu denken, nicht nur als Nebenschauplatz des öffentlichen Verkehrs oder der Autoverkehrsführung.

Was muss in Deutschland passieren, dass das klappt?

Wir haben zum Thema Fahrradverkehr viel zu wenig Daten. Welche Gesellschaftsgruppen wollen überhaupt mit dem Fahrrad fahren? In welchen Regionen wollen die Menschen mehr Fahrrad fahren, können es aber aufgrund der Infrastruktur gar nicht? Wie bringt man Leute auf das Fahrrad, die jetzt noch im Auto sitzen? Das sind alles Fragen, denen wir nachforschen wollen.

„Wir bekommen schon jetzt Anfragen, wann und wo man sich denn bewerben kann“

Warum schafft das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur erst jetzt die nötigen Fördermittel?

Ich weiß es nicht. Eigentlich sind wir damit viel zu spät dran. Erst seit 2016 gibt es überhaupt einen nationalen Radverkehrsplan. Davor gab es noch nie ein Gesamtkonzept für den Radverkehr. Dabei fahren wir schon seit 200 Jahren Fahrrad in diesem Land. Trotzdem bin ich froh, dass das Ministerium jetzt endlich Geld in die Förderung der Radverkehrsplanung steckt.

Inwiefern sehen Sie Radfahren als politisches Thema?

Verkehr ist immer ein öffentliches und damit politisches Thema. Denken Sie nur an die Diskussionen über ein Tempolimit auf Autobahnen. Bei der Förderung des Radverkehrs geht es nicht zuletzt um die Verteilung von knappen Flächen an die verschiedenen Verkehrsträger. Wenn der Radverkehr attraktiver und sicherer werden soll, muss man an anderen Stellen liebgewordene alte Zöpfe abschneiden. Zum Beispiel müssen Parkplätze für Autos wegfallen und Geschwindigkeiten in Innenstädten für Autos verringert werden.

Sie wollen den Studiengang für 20 Personen pro Semester einrichten. Was glauben Sie, wie viele Menschen sich bewerben werden?

Wir bekommen schon jetzt Anfragen, wann und wo man sich denn bewerben kann. Da wir erst im Sommersemester 2021 starten, werden wir jetzt sehr schnell die Professur ausschreiben. Das Thema Fahrrad trifft halt den Zeitgeist. Hier, am Stadtrand von Berlin, ist das Fahrrad für so viele Menschen eine Alternative zu den überfüllten Öffis. Deswegen haben gerade viele junge Menschen auch Lust darauf, die Verkehrsplanung des Fahrrads voranzutreiben.

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