Alle suchen nach Gretas Scheinheiligkeit

Trolle inspizieren deshalb jedes ihrer Fotos auf Klima-Vergehen. Die Deutsche Bahn hat ihnen dabei noch geholfen.
Kommentar von Nadja Schlüter
greta trolle cover

Screenshot: Instagram/Greta Thunberg

Der Beweis dafür, dass Greta Thunberg eine scheinheilige, reiche Göre ist, die sich von einer völlig unberechtigte Erfolgswelle durch die Welt tragen lässt? Sie hat sich etwas zu Essen mit in den Zug genommen – und zwar in einer Pappschachtel! Völlig unglaubwürdig also, dass die sich wirklich für Klimaschutz einsetzt. Ist doch sonnenklar. Wer würde da widersprechen?

Antwort: So gut wie alle mit ein bisschen gesundem Menschenverstand und ohne Hang zu hysterischen Ausbrüchen auf Social Media. Leider gibt es aber, vor allem auf Twitter, viele ohne das eine und mit dem anderen. Und als Greta Thunberg am Samstag ein Foto twitterte, auf dem man sie auf dem Boden eines ICEs sitzen sah, waren diese Menschen natürlich sofort zur Stelle, um zu beweisen, dass Greta eine Heuchlerin ist. Sie suchten auf dem Foto nach Details, die das Engagement der Klima-Aktivistin zunichte machen. Sie fanden dann zum Beispiel die Essensbox, die Greta dabei hatte. Aber auch ihr Gepäck, das dann doch etwas zu viel sei „for a green teen“. Oder die Tatsache, dass auf dem Foto niemand anders zu sehen ist, der Zug also gar nicht so voll gewesen sein könne. Besonders viele posteten dazu Bilder aus Indien, auf dem Menschen sich außen an einem fahrenden Zug festklammern – und ironische Kommentare, wie den, dass Greta ihre „unbequeme Situation“ hoffentlich einigermaßen ertragen könne. 

Gretas Gegner*innen haben also eine spezielle Expertise entwickelt: Sie können besonders gut Bilder angucken. Das ist genauso lächerlich, wie es klingt, hat aber mittlerweile Methode. Die Trolle halten das mit dem Klimawandel für Quatsch oder zumindest für kein besonders dringliches Problem. Also stürzen sich auf jedes von Gretas Fotos und nehmen es auseinander, um sie der Scheinheiligkeit zu überführen. 

Angefangen hat das Ganze wohl mit einem Foto aus dem Januar 2019, das Greta im Zug auf dem Weg zum Weltwirtschaftsforum in Davos zeigte. „Lunch in Denmark“ stand drüber und darauf zu sehen waren die essende Greta und ein Tisch, auf dem sich ein veganer Salat, eine Dose Hummus, ein Becher, Toastbrot und Bananen fanden. Lupe raus und los ging’s: Salat und Hummus in Plastik? Ein To-Go-Becher? Und Bananen?? Glasklar: Umwelt- und Klimasünderin! Dass sie gerade 2000 Kilometer mit dem Zug fuhr, anstatt zu fliegen, und dadurch nur ein Fünftel des CO2-Ausstoßes zu verantworten hatte, den ein Flug verursacht hätte? Egal. Sie isst aus Plastik. Das wiegt ja wohl alles andere auf.

Immerhin erinnert ihr Umgang mit Gretas Fotos ein wenig an die Kinderbuchreihe „Wo ist Walter?“

Stimmt natürlich nicht. Greta ist mit ihrem Lebensstil, vor allem aber mit ihren Argumenten ein solches Klimaschutz-Schwergewicht, dass es fast unmöglich ist, ihr wirklich etwas entgegenzusetzen. Aber die Trolle sind sehr engagiert und häufen Detail auf Detail, damit sie irgendwann auf ihrer Seite genug Gegengewicht haben. Und natürlich jubilieren sie, wenn sie auf einem Foto, das Greta mit ihrer Mutter zeigt, im Hintergrund einen teuren Designersessel entdecken, der außerdem auch noch aus Leder ist. Der wiegt nämlich besonders viel – und noch schwerer, wenn man als Zierkissen ein Zitat aus Gretas Rede beim Klimagipfel in New York drauflegt: „Wie konntet ihr es wagen, meine Kindheit zu stehlen?“ 

Vielleicht ist diese ganze seltsame Suchbild-Kultur der Versuch der Trolle, in die Heimeligkeit eines warmen Kinderzimmers zurückzukehren. Immerhin erinnert ihr Umgang mit Gretas Fotos ein wenig an die Kinderbuchreihe „Wo ist Walter?“ oder andere Bilderbücher, in denen es neben der Geschichte auch noch ein Suchspiel für die Kleinen gibt: „Auf jeder Seite hat sich ein süßer Hamster versteckt. Findest du ihn?“ Für Dreijährige ist das eine vernünftige Aufgabe – aber sicher nicht für erwachsene Menschen, die das noch dazu voller Hass und Missgunst tun. 

Gretas Botschaft ist allumfassend und groß – und hat mit Details überhaupt nichts zu tun

Woher sonst könnte diese Detailverliebtheit also kommen? Warum durchsuchen die Trolle Gretas Fotos nach Hinweisen auf scheinbar umweltschädliches und heuchlerisches Verhalten und ihre Reden nach Zitaten, die aus dem Zusammenhang gerissen und woanders wieder eingefügt werden – und so ein unstimmiges Puzzle ergeben? Klar, Greta ist jetzt ein Star und Stars müssen immer aufpassen, was sie posten, weil da draußen so viel Missgunst ist (an dieser Stelle viele Grüße an Franz Josef Wagner!). Aber der eigentliche Grund ist, dass Greta mit einer Botschaft berühmt geworden ist, die uns alle angeht: Wir müssen unsere Art zu leben und zu wirtschaften ändern, wenn wir wollen, dass unsere Erde lebenswert bleibt. Diese Botschaft ist allumfassend und groß – und hat mit Details überhaupt nichts zu tun. Weil sich aufs Detail zu konzentrieren und Kleinigkeiten zu ändern nicht reicht, um das Klima zu retten. Und weil das vielen Menschen – zurecht – Panik macht, stürzen sie sich – zu Unrecht – aufs Detail. Verheddern sich im Kleinklein, weil das Großgroß sie überfordert. Sie versuchen, Gretas große Botschaft zu entkräften, indem sie an Kleinigkeiten in ihrem Leben herummeckern. Dabei geht es ja gar nicht um sie. Es geht um uns alle.

Das Schlimmste am aktuellen Foto-Fall ist, dass die Deutsche Bahn mit ihrer ungeschickten Reaktion die Trolle noch befeuert hat: Sie schrieb, Greta habe einen Sitzplatz in der ersten Klasse gehabt (was wohl stimmte – aber erst, nachdem sie eine Weile auf dem Boden sitzen musste, worüber sie sich, das nur nebenbei, gar nicht beklagt hat). Die Bahn gab den Hetzer*innen so die Möglichkeit, nicht nur noch lauter „Heuchlerin!“ zu schreien, sondern mindestens genauso laut „Fake News!“ zu beklagen. Beim nächsten Bild werden sie nicht nur nach Details suchen, sondern immer und immer wieder den DB-Tweet drunter posten und die Authentizität des Fotos an sich in Frage stellen. Es wird also nicht leichter werden für Greta.

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