Diese Memes zeigen, dass Corona nicht die Klimakrise löst

Mit „We are the Virus“ machen sich viele Menschen über die Annahme lustig, dass es mit der Rettung der Umwelt so leicht sei.

Screenshot: Twitter @TPZanetic

Ist es nicht toll, wie frisch und klar sich die Luft derzeit anfühlt, wenn man morgens das Fenster öffnet? Wie Plätze, die von Tourist*innen überschwemmt waren, auf einmal in stiller Ruh in der mittaglichen Siestasonne flimmern? Und wie sich die Delfine wieder in Venedigs Kanälen tümmeln, einfach umwerfend! Fast müsste man dankbar sein, so schreiben viele in den sozialen Netzwerken, dass der Natur durch das Coronavirus die Chance gegeben wird, durchzuatmen und von Menschenmassen zu regenerieren. Und da ist so viel Unmögliches auf einmal möglich – sogar in die Spree sind jetzt Delfine heimgekehrt, das beweisen neuste Fotos!

Moment – was? Nein, die Delfine sind natürlich nicht in die Spree heimgekehrt. Und so hübsch das aussähe, sie werden es auch nie tun. Und auch in Venedig gibt es nach wenigen Wochen des Social Distancings keine Delfine. Der Unterschied zwischen den beiden Geschichten ist, dass manche Menschen die Venedig-Story, die selbstverständlich zu Internet-Fakenews zählt, zunächst geglaubt haben. Dass sich die Natur nicht unmittelbar und längerfristig erholt, nur weil ein paar Fabriken still stehen und wir in unseren Wohnungen die Kakteen jetzt öfter gießen, ist dabei ja eigentlich klar.

Unter dem Motto „We are the Virus“ beziehungsweise „Nature is healing“ machen sich User*innen von sozialen Medien nun lustig über die Annahme, dass es mit der Rettung der Umwelt so leicht sein soll. Da wird gephotoshopped, werden Bilder aus dem Zusammenhang gerissen und auch ein paar uninformierte Spekulationen abgegeben. „Wow. Die Kühe gehen ins Meer zurück. Die Natur heilt,“ schreibt etwa ein Twitterer – und das Bild würde einen rühren, wäre es nicht totaler Blödsinn.

Die Wiedererkennungsformel „We are the Virus“ spielt dabei darauf an, dass es immer noch der Mensch ist, der seit der Industrialisierung systematisch die Umwelt zerstört. Dass durch das momentane Erliegen von sozialem Leben und Tourismus, oder dem Stopp von Produktion tatsächlich der Klimawandel gestoppt wird, bezweifeln Experten*innen aber. Es bestehe vielmehr die Gefahr, dass die Politik, um dem wirtschaftlichen Abschwung in Folge von Corona entgegenzuwirken, die Klimaziele hinten anstelle und wir somit noch mehr wichtige Zeit verlieren.

Die Memes „Nature is healing“ und „We are the Virus“ sind natürlich nur Blödelei, aber helfen immerhin, auf den etwas komplexeren Zusammenhang von Corona- und Umweltkrise hinzuweisen. Und so mögen wir unsere Memes doch am liebsten: lustig, und auch ein wenig lehrreich.

Die Coronakrise kann den Kampf gegen den Klimawandel also auch zurückwerfen. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Chance: Die Einschätzungen von Wissenschaftler*innen werden nun etwa in der Politik ernster genommen. Vielleicht nutzt sie die Situation, um erneuerbare Energieressourcen zu fördern oder klimaverträgliche und nachhaltige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen. Und wer weiß: Wenn sich das nächste Mal der durch den Schiffsverkehr aufgewirbelte Dreck in den Flüssen legt, vielleicht tummelt sich darin nicht noch mehr Verschmutzung – sondern echte Delfine?

mpu

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