„Die anderen haben sich verändert und ich schäme mich vor ihnen“

Unsere Autorin liebte stets die super-size-amerikanische, klebrig-glitzernde Variante von Weihnachten. Dann kam Greta Thunberg.
Von Florine Pfleger

Foto: ondrasch / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Konkret geht es um ein Geschenk. Es ist ein giftgrüner Schlüsselanhänger in Form einer Edamame. Sushi-Jünger wissen, wovon ich spreche. Ich habe ihn gestern in Zeitungspapier eingepackt und seitdem kauert das graue Häufchen unter meinem glitzernden Fake-Weihnachtsbaum und macht mich traurig. 

Einerseits, weil diese dämlich-tolle Sojabohnennachbildung in einer farblosen Zeitungshülle verkümmern muss, andererseits, weil ich mich für die dämlich-tolle Sojabohne schäme. Sie ist aus China, aus Plastik und in Plastik verpackt. Dieses armselige Häufchen ist der Beweis dafür, dass blindes Konsumweihnachten für mich nicht mehr funktioniert— aber das, was übrig bleibt, erstmal auch nur dünn und grau daherkommt. 

Ich weiß, Weihnachten ist im Grunde nur kapitalistischer Zirkus. Ein Hardcore-Konsumporno, an dessen Ende vor allem Ernüchterung und ein riesengroßer Berg Müll warten. Die Deutsche Umwelthilfe schätzt, dass es in Deutschland an den Weihnachtstagen zu zwanzig Prozent mehr Verpackungsmüll kommt. Nur um klarzustellen von welchen Dimensionen wir hier sprechen: 2017 schmissen wir Deutschen knapp 18,7 Millionen Tonnen an Verpackungen in den Müll.

Ich weiß das, ja. Ich weiß, dass wir dem Planeten noch unzählig anderes Böses antun im Dezember. Und trotzdem bin ich hoffnungslos, unsterblich und für immer in die Weihnachtszeit verliebt. In diese super-size-amerikanische, klebrig-glitzernde und vollkommen ignorante Variante.

Bis vor zwei Jahren war ich aufgrund meiner Verliebtheit noch maßgeblich für die Müllberge mitverantwortlich. Zweistellige Paketbestellungen und ein Geschenkpapierverschleiß, als wäre ich Santa persönlich. Plastikverpackte Dekoartikel, Glühwein aus Einwegflaschen und Batteriemüll von Lichterketten, die ich fröhlich mit neuer Energie fütterte, bis sie wieder genauso strahlten, wie meine naiven Äuglein beim Aufhängen. Beim Aufhängen an einem riesengroßen Tannenbaum. Zu Weihnachten waren meiner Konsumvöllerei nie Grenzen gesetzt. Und, ich gebe zu, es war toll.

Wäre das die Bibel, käme jetzt irgendwann die Erleuchtung

Dann kam im August 2018 eine fünfzehnjährige Schwedin und machte mir nach und nach ein immer schlechteres Gewissen. Greta Thunberg war quasi der Engel, der erschien, um mir dauernd den lang ignorierten Antagonisten meines Weihnachtswahnsinns vors Gesicht zu knallen: Unseren Planeten. 

Wäre das die Bibel, käme jetzt irgendwann die Erleuchtung „und seitdem wart sie ein neuer und umweltbewusster Mensch“. Leider glaube ich nicht an die Bibel. Ich habe mich nicht verändert. Ich bin immer noch nicht umweltbewusst. Die anderen haben sich verändert und ich schäme mich vor ihnen.

Manchmal reicht die Scham alleine, um etwas nicht mehr zu tun. 

Ich habe dieses Jahr weniger Pakete bestellt, dazu weniger Plastikartikel und mehr Second-Hand-Sachen gekauft, außerdem nutze ich Zeitungspapier statt Glitzer-Geschenkpapier. Das ist nicht viel, dafür spuckt dir jede*r Fridays-For-Future-Demonstrant*in ins Gesicht, aber es ist immerhin etwas.

Manchmal aber, wenn dann gerade keiner guckt, gehe ich online und bestelle einen Plastikschlüsselanhänger in Form einer Edamame aus China. Verdingliche mir die Scham, packe sie in Zeitungspapier und lege sie unter den Plastikbaum (den ich immerhin jedes Jahr wiederverwende). Da liegt sie dann und gibt mir ein schreckliches Gefühl. Ein schreckliches Gefühl, das nützt. Denn genau das, dieses Schamgefühl, hindert uns daran, draußen nackt masturbierend durch die Gegend zu rennen und treibt mich jetzt immer mehr zu Dingen, die ich Umweltsünderin aus reiner Erdenliebe nicht geschafft hätte. 

Auch wenn es bis jetzt nur kleine Weihnachtselfenschritte waren, der Konflikt in mir schwillt weiter an. Den Lieblingsglühwein aus der Einwegflasche süffeln, Lametta aus der Plastikpackung puhlen, meine Lichterketten aufhängen. Ich habe das dieses Jahr wieder probiert. Schon im letzten lief es weniger unbeschwert ab, doch dieses Mal war da kaum noch Leuchten in den Augen und ganz viel Fingernägelkauen. Meine weihnachtliche Konsumvöllerei geht auf ihr Ende zu. Die Klimabewegung hat sie mir vermiest. Wäre ich ein Greta-Thunberg-Hasser würde ich jetzt auf Facebook posten: Die Klimabewegung hat mir mein Weihnachten KAPUTT GEMACHT!!! Aber ich muss zugeben: es ist gut so. Es ist traurig, wie immer, wenn man sich von etwas verabschiedet, aber es ist gut so.

Glühwein macht auch aus der Mehrwegflasche betrunken, Lametta kann man sich aus Essensplastikverpackungen selber basteln, ein paar LEDs leuchten genauso schön, die alte Porzellandeko von Oma ist super und retro und Geschenke zu Fuß einkaufen viel persönlicher und gut für die Gesundheit.

 

Ach, und das mit dem Zeitungspapier kann überraschend unterhaltsam werden. Die Edamame habe ich eben neu verpackt. In eine Glosse über Sushi-Fans. Das Geschenk für Papa habe ich in einen Anti-AfD-Kommentar gehüllt. Das von der Oma in die Todesanzeige. So hat man in all der grauen Verpackungs-Tristesse doch noch etwas zu Grinsen.

  • teilen
  • schließen