„Ich komme aus Deutschland und ich bin nicht schuld!“

Unsere Autorin spaziert durch New York und Washington und beschreibt, wie sich für sie das neue Amerika anfühlt.
Von Nadja Schlüter
FotO: misterQM / photocase.de

Der erste Mensch, mit dem ich spreche, nachdem das Endergebnis der US-Wahl feststeht, ist ein Taxifahrer aus Bangladesh, der mir das Herz bricht. Er fährt mich am frühen Morgen des 9. November durch New York und sagt: „Ich wollte immer, dass mein Bruder und seine Frau auch in die USA kommen – glaubst du, das geht jetzt nicht mehr?“ Er ist nicht wütend, er schimpft nicht auf Trump, er sagt nicht mal: „Jetzt werde ich meine Familie niemals herholen können!“ Sondern er stellt mir, der Deutschen, diese Frage. Daraus spricht so viel Angst. So viel Macht- und noch mehr Ratlosigkeit. 

So beginnen meine ersten 48 Stunden in den USA nach dieser Wahl. Und damit der Wahlkater. Der geprägt ist von genau diesem Gefühl: Ratlosigkeit. 

Später sitze ich in der New Yorker Metro und alle Menschen um mich herum starren ins Leere. Ja, Menschen starren morgens, wenn sie müde sind. Aber die Stille hier wiegt schwerer als sonst.  Oder ist das nur, weil ich kaum geschlafen habe und selbst so schrecklich traurig bin? Dann sitze ich im Bus nach Washington und vor mir telefoniert eine Frau. Sie sagt: „I’m just so sad“ und „How did we get to that point?“ Dann schweigt sie lange. Wahrscheinlich versucht der Mensch am anderen Ende, eine Antwort darauf zu finden, und sie ist sehr lang. Muss lang sein. Denn das ist ja alles so wahnsinnig komplex.

Auf dem Weg nach Hause in Washington spricht eine Frau meinen Freund und mich an der roten Fußgängerampel an. Sie hat gehört, dass wir Deutsch miteinander reden und testet ihre Deutsch-Kenntnisse an uns. Wir reden nicht über die Wahl und trotzdem endet unser Gespräch damit, dass sie „I can’t wait to leave this country“ ruft und winkend auf ihrem Fahrrad davonbraust. 

Zuhause treffen wir auf unsere Mitbewohnerin, die Clinton gewählt hat und vorher sehr aufgeregt war. Positiv aufgeregt. „Sie wird gewinnen und zwar haushoch!“, hatte sie prognostiziert. Und jetzt? Sagt sie, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Dass drei Viertel ihrer Kollegen heute nicht im Büro waren. Dass niemand das Licht angemacht hat. Dass sie immer wieder zum Weinen auf die Toilette gegangen ist. Dann versucht sie, sich selbst zu beruhigen, und sagt, dass schon alles irgendwie gut gehen wird. 

Ich schaue jedem Menschen ins Gesicht und frage mich: "Wie geht's dir wohl?"

Es ist das Auf und Ab, mit dem ich in der kommenden Nacht selbst kämpfe: Erst kann ich nicht einschlafen, bis ich mir immer wieder selbst das Mantra vorsage, dass das hier eine Demokratie ist und sie das schon hinkriegen werden. Dann schlafe ich ein, träume wirr und rutsche in einen dieser Halbschlaf-Momente hinein, in denen du weißt, dass etwas Schlimmes passiert ist, aber du weißt nicht mehr, was eigentlich. Meistens bist du erleichtert, wenn es dir wieder einfällt, weil es gar nicht so schlimm ist, wie du befürchtet hattest. In dieser Nacht ist es schlimmer als ich befürchtet hatte.

Am nächsten Tag, Tag zwei nach der Wahl, laufe und fahre ich durch die Stadt. Gestern war graues, kaltes Wetter, aber heute scheint die Sonne. Washington kann diese strahlenden Herbsttage mit blauem Himmel sehr gut. Ich mag sie und ich habe in den letzten Wochen, die ich hier gewohnt habe, angefangen, die USA zu mögen. Die Tatsache, dass hier Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, was man sieht, wenn man nur ein Mal kurz vor die Tür geht. Wie verschieden hier alle aussehen und sind. Dass irgendwo immer noch diese „American Dream“-Idee und die von der Einwanderungsnation schlummert. Geht das alles jetzt endgültig kaputt?

Heute schaue ich jedem Menschen ins Gesicht und frage mich: „Wie geht’s dir wohl?“ Ich finde, dass sie alle besorgt aussehen. Sage mir: „So ein Quatsch! Im Café eben haben sie doch auch ganz normal geplaudert und gelacht!“ Ich kaufe Milch und glaube, dass der Verkäufer in dem kleinen Laden an der Ecke heute besonders freundlich ist, so, als wolle er alles ein bisschen besser machen. Ich bin auch besonders freundlich, um alles ein bisschen besser zu machen. Ich lächele sehr viel, aber mein Lächeln fühlt sich festgetackert an. Zum Abschied sagt der Verkäufer „Take care“ und das sagen sie hier oft. Aber vielleicht muss man es jetzt noch viel öfter sagen. 

In meinem Viertel, rund um den Laden, leben viele Latinos. „Na“, denke ich, während ich an den alten Männern vorbeilaufe, die an der Ecke immer Schach spielen, „die werden ja wohl kaum Trump gewählt haben.“ Ich erwische mich dabei, wie sehr ich mich in meinen eigenen Stereotypen verfange. Bei jedem Schwarzen oder Latino denke ich: „Du warst es nicht!“ Oder: „Es tut mir so leid, für dich ist das sicher besonders beschissen!“ Ich fange an, innerlich mit mir zu schimpfen, weil das so wahnsinnig naiv von mir ist, herablassend, so unfassbar Dumme-weiße-Europäerinnen-mäßig. Aber ich weiß ja auch nicht, was jetzt richtig ist. Ich bin doch auch bloß ratlos.

Während ich mit mir selbst schimpfe, schleicht sich ein anderer Gedanke ein: Was, wenn die jetzt alle denken, dass ich ein Teil des weißen Amerika bin, das Trump gewählt hat? Ich will das nicht, weil ich ihn ja nicht gewählt hätte. Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich das Bedürfnis, sehr laut „Ich komme aus Deutschland und ich bin nicht schuld!“ zu sagen. Aber ich sehe doch nun wirklich nicht wie eine Trump-Wählerin aus, oder? Andererseits, wie sieht eine Trump-Wählerin denn überhaupt aus? Die Antwort ist vermutlich: Anders als ich. Aber auch wie ich.

Ein Mann trägt eine Jacke mit Winnie-Puuh-Aufnäher. "Ich muss gerade einfach was Fröhliches tragen", sagte er.

Wahrscheinlich verdächtigen sie mich aber sowieso nicht. Weil sie wissen, dass hier kaum jemand Trump gewählt hat. Ich kann davon ausgehen, in Washington, und noch mehr gestern in New York, unter vielen Menschen zu sein, die Clinton gewählt haben. Unter Demokraten, Linksliberalen und Ostküsten-Großstadt-Akademikern. Ich merke, wie wohl ich mich damit fühle. Dass mich das tröstet, dass es mir gefällt, unter „meinesgleichen“ zu sein. Aber zur Hölle, gerade heißt es ja auch immer, dass genau das ein sehr großer Teil des ganzen sehr großen Problems ist. Die Polarisierung, die Filterblase, die linke Empörung, die rechte Wut, der Graben dazwischen. Bestimmt hat der Mensch, mit dem die Frau im Bus telefoniert hat, so was in die Richtung auch gesagt. Alle sagen das gerade. Und diese Einsicht ist vielleicht gut und damit das einzig Gute, was ich derzeit in dem ganzen Schlamassel erkennen kann. Nur: Wenn überhaupt, dann ist es bloß eine erste Erklärung für alle, die jetzt noch in Schockstarre sind. Eine umfassende Antwort ist es nicht. Vor allem keine auf eine weitere wichtige Frage. Nämlich die, wie es jetzt weitergehen soll.

Ich gehe ins Café. Es ist verhältnismäßig leer. In manchen Gesprächen, die ich hören kann, geht es um die Wahl, natürlich. Immer mit der Grundfrage: Warum ist es soweit gekommen? Und wieder mit viel Ratlosigkeit. Aber wie es ihnen hier geht, das hört man auch aus den Zwischentönen heraus. Ein Mann fragt eine Frau: „Wie geht’s?“ und sie sagt mit einem gequälten Lächeln: „Not too bad.“ Was in den USA ungefähr so viel bedeuten dürfte wie „Scheiße“. Neben mir sitzt ein Mann, der eine blaue Jacke mit Winnie-Puuh-Aufnäher trägt. „Ich liebe deinen Aufnäher!“, sagt eine Frau zu ihm, und er antwortet: „Ja, ich muss grade einfach was Fröhliches tragen.“ Er sagt „something light-hearted“, was es besser trifft als die Übersetzung. Weil es ja allen so schwer ist im Herzen. Hier zumindest. Ich denke an die andere Hälfte dieses Landes, die jetzt feiert.

Ich gehe nach Hause. Ich hoffe, in der kommenden Nacht besser schlafen zu können. Morgen werde ich ein paar junge Trump-Wähler anrufen, die ich kenne. Ich werde ihnen sagen, wovor ich Angst habe. Vor den Konsequenzen. Vor dem, was Trump politisch will, vor seiner Immigrations-, und seiner Klimapolitik und vor ziemlich vielen Dingen, die er in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit machen will. Und auch ganz generell vor noch mehr Rassismus und Sexismus und Intoleranz und Hetze, vor noch mehr Spaltung und Hass und Wut, hier und in Deutschland, wohin ich nächsten Monat zurückkehre.

Es mag absurd klingen, aber ich hoffe, dass die Trump-Wähler mich beruhigen können. Weil sie die einzigen sind, die im Moment nicht ratlos sind und nicht traurig. Die nicht mehr dabei sind, zu erklären, wie es soweit kommen konnte, sondern schon dabei, die Zukunft zu planen. Sie scheinen ja daran zu glauben, dass jetzt alles besser wird. Vermutlich werde ich ihre Antworten überhaupt nicht mögen. Aber sie haben gerade wenigstens welche. Und vielleicht weiß ich dann, wie es weitergeht. Gewissheit ist ja immer besser als Ungewissheit. Auch wenn es eine schreckliche Gewissheit ist.

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