Eine Partnerbörse für Meinungs-verschiedenheiten

Die Plattform „Hi From The Other Side“ bringt Menschen zusammen, die sonst nie miteinander sprechen würden.
Von Nadja Schlüter
hi from the other side
Illustration: Federico Delfrati

Als erstes sollen die Gesprächspartner einander fragen, was sie werden wollten, als sie Kinder waren. Oder wann sie sich das letzte Mal missverstanden gefühlt haben. „Wenn die Beiden nicht direkt über Politik reden, werden sie sicher erstmal einige Gemeinsamkeiten finden“, sagt Henry. „Und beginnen ihr Gespräch, ohne davon auszugehen, dass der andere böse oder dumm ist.“

Und darum geht es ihm: Henry Tsai, Student an der Harvard Business School (der weder sein Alter, noch seine politische Einstellung verraten möchte), hat die Online-Plattform „Hi From The Other Side“ gegründet. Sie soll US-Amerikaner zusammenbringen, die normalerweise nicht miteinander sprechen. Weil sie politisch unterschiedlicher Meinung sind. Weil einer Clinton und einer Trump gewählt hat. Weil sie in ihrer Filterblase leben und die Mitglieder der jeweils anderen Blase für böse oder dumm halten.

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Henry Tsai, Gründer der Plattform "Hi From The Other Side".

Foto: HFTOS

Seit der US-Wahl im vergangenen November sprechen nicht nur in den USA, sondern auch bei uns alle über diese Filterblasen und die gesellschaftliche Spaltung. Über die gegenseitigen Vorwürfe, die online und manchmal auch im echten Leben gemacht werden, ohne dass richtige, sachliche Gespräche zustande kommen. Wir haben angeblich verlernt, uns zu widersprechen, und können uns nur noch anschweigen oder anschreien. 

Aber seit der US-Wahl haben auch einige den guten Willen, das zu ändern und Menschen mit unterschiedlicher Meinung endlich wieder zusammen zu bringen. Eine so gute Bilanz wie Henry hat dabei wahrscheinlich kaum jemand: Seit Ende 2016 hat er mit „Hi From The Other Side“ 1200 Menschen miteinander verbunden, also 600 Gesprächspaare. Manche haben sich getroffen, manche haben telefoniert oder geskypt. „Ich empfehle Videotelefonate oder ein Treffen“, sagt Henry, der das Interview konsequenterweise selbst über Skype gibt. „Studien haben gezeigt, dass Menschen einander eher vertrauen, wenn sie einander sehen können. Wir sind eben soziale Wesen.“

Die Idee für „Hi From The Other Side“ hatte Henry am Tag nach der US-Wahl: Er wollte Menschen die Möglichkeit geben, schnell und mehr oder weniger unkompliziert jemanden zu finden, der nicht ihrer Meinung ist. Ihnen quasi eine Anti-Partnerbörse bieten. Er schrieb Freunden von seiner Idee und fragte, ob das verrückt sei und man ihn dafür beschimpfen würde. „Nein, das ist großartig, mach das!“, antworteten sie. Er bastelte eine erste Version, eine zweite, dann holte er seinen Freund Yasif ins Boot, einen Informatiker.

Jeder, der einen Gesprächspartner zum Diskutieren finden will, kann sich mit seinem Facebook-Account auf der Seite anmelden. Damit soll sichergestellt werden, dass es sich um echte Menschen handelt. Anschließend müssen diese echten Menschen ein kleines Formular ausfüllen. Sie geben Name, E-Mail-Adresse und Postleitzahl an, wen sie bei der Wahl unterstützt haben und mit wem sie sprechen wollen: mit einem Clinton- oder Trump-Wähler, einem Wähler einer dritten Partei oder auch einfach mit „jemandem, der nicht für meinen Kandidaten gestimmt hat“. Außerdem sollen sie noch ein bisschen von sich selbst erzählen. „Diese Anmelde-Hürde sorgt dafür, dass sich nicht jeder leichtfertig registriert. Wir wollen ja, dass sich nur Leute anmelden, die wirklich Lust haben“, sagt Henry. „Immerhin sind solche Gespräche nicht immer ganz leicht.“

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Die Plattform "Hi From The Other Side".

Foto: HFTOS

Henry gibt zu, dass sich bisher mehr linke als konservative Amerikaner angemeldet haben. Aber an sich sei alles dabei, vom Highschool-Schüler bis zur Rentnerin. Ein Algorithmus fügt dann ungleiche Meinungs-Paare zusammen und am Ende schaut Henry noch mal selbst drauf. Er liest sich vor allem die persönlichen Angaben durch. „Ich will sichergehen, dass da jemand Nettes mitmacht. Jemand, der nicht streiten, sondern zuhören und verstehen will“, sagt er. Wer das „Erzähle etwas von dir selbst“-Feld gar nicht erst ausgefüllt hat, wird abgelehnt. Wenn Henry zustimmt, bekommt das neu geschaffene Paar eine Mail, in der sie einander vorgestellt werden, und einen Gesprächsleitfaden mit Tipps und den schon erwähnten Fragen nach Kindheitstraumjob und Missverständnissen, aber auch nach der politischen Einstellung. Nach dieser Mail können die beiden selbst entscheiden, wie sie weiter vorgehen, ob sie sich treffen oder telefonieren wollen.

Die richtig harten Fälle werden hier nicht bekehrt, aber es ist ein Anfang

Auf der Homepage kann man auch Feedback nachlesen, das Henry und Yasif bekommen und veröffentlicht haben: „Ich war erstaunt, wie ähnlich unsere Hintergründe sind“, schreibt Tony, ein Trump-Wähler. „Ich habe neue Perspektiven kennengelernt, was gut ist, denn es fehlt mir auf jeden Fall an Empathie“, ein anderer. „In den Nachrichten und den sozialen Medien sehe ich nur Hässlichkeiten und Spaltung. Es war sehr erfrischend sich mit einer Mutter, wie ich selbst eine bin und die nur zufällig eine andere politische Meinung hat, hinzusetzen und Gemeinsamkeiten zu finden“, schreibt eine Unterstützerin von Hillary Clinton.

Lauter zufriedene Menschen mit verschiedenen Meinungen also. Aber hat sich auch mal jemand gestritten und kam nicht zurecht? „Nein, und das erstaunt mich auch“, sagt Henry. „Bisher waren alle, die sich danach noch mal bei mir gemeldet haben, begeistert von dem Projekt!“ Vielleicht melden sich die, bei denen es nicht gut ausgegangen ist, auch einfach nicht mehr. Oder alle sind glücklich, weil sie sich ja gar nicht erst angemeldet hätten, wenn sie nicht grundsätzlich bereit wären, sich mit jemanden zu unterhalten, der in der anderen Fliterblase lebt. Die richtig harten Fälle werden hier also nicht bekehrt. Aber es ist ein Anfang: Weil kaum jemand Freunde aus dem entgegengesetzten politischen Spektrum hat und wohl niemand auf der Straße einfach zu irgendwem hingeht und fragt, ob er zufällig etwas anderes gewählt hat als man selbst, ist „Hi From The Other Side“ nützlich. Und vielleicht heilt der Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht, so zumindest an ein paar Stellen wieder zusammen.

Eine Expansion seines Projekts, etwa nach Deutschland, plant Henry nicht. „Aber es haben sich schon ein paar Leute aus Großbritannien gemeldet, die die Idee gerne übernehmen wollen. Denen haben wir einfach den Code gegeben. Dafür sind wir grundsätzlich offen“, sagt er. Derzeit wächst „Hi From The Other Side“ aber erstmal in den USA weiter: Vor Kurzem hat die Café-Kette Starbucks 300 Geschenk-Karten gespendet, als Anreiz. Wer mitmacht, kriegt also umsonst Kaffee – allerdings sorgt ein etwas komplizierteres QR-Code-System dafür, dass die Gutscheine nur funktionieren, wenn die zusammengeführten Partner gemeinsam zu Starbucks gehen und bestellen.

Bisher hat Henry mit seiner Seite kein Geld verdient. Er hat das auch nicht vor, sondern betont immer wieder: „Es geht mir wirklich nur darum, dass Menschen sich wieder zuhören und verstehen, anstatt sich zu verurteilen oder den anderen bloß umstimmen zu wollen!“ Und dann erzählt er noch kurz von früher, aus seiner Kindheit: „Meine Mutter hat mir immer Geschichten von Fremden erzählt, die sie getroffen hat, ganz normale Menschen mit normalen Leben. Und ich war jedes Mal begeistert davon. Ich höre einfach gerne Lebensgeschichten und ich glaube, man kommt Menschen dadurch sehr schnell sehr nah.“ Egal, wen sie gewählt haben.

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