Anleitung zum Weihnachtsschwänzen

Wir lieben unsere Familie, ehrlich! Wir brauchen nur mal kurz eine Pause.
Von Piet Riesenbeck
Illustration: Katharina Bitzl

Das Weihnachtsfest ist ein Familienfest. Prinzipiell ist das für die meisten Menschen schön, es sind ja selten mal wirklich alle vereint. Aber: Drei Tage Non-Stop-Gesellschaft von Onkels, Tanten und Schwippschwagern können auch sehr anstrengend sein, und man braucht da Ruhepausen, um bei Verstand zu bleiben.

Leider sind die auf dem engen Raum eines Wohnzimmers Mangelware, und um dieses Zimmer zu verlassen, braucht man eine Ausrede. Denn alle Abwesenheitsgründe, die sonst im Alltag funktionieren, zählen an Weihnachten nicht. (Schule, Uni, Arbeit, all das kann – zumindest nach Tanten-Onkelmeinung, doch jetzt mal ruhen).  

Man muss sich seine Rückzugsorte und Auszeiten also mühevoll konstruieren. Zum Beispiel mit diesem jetzt-Weinachtsschwänzer-Guide in fünf Punkten.

Letzte Einkäufe

Wer schon am Heiligabend oder am Tag davor anreist und anfängt, unter Lagerkoller zu leiden, hat die Möglichkeit, sich noch schnell vor Ladenschluss für die letzten zu erledigenden Einkäufe zu melden. Das verschafft je nach Distanz und Umfang der Erledigungen bis zu zwei Stunden Zeit. Der Haken: Spätestens um 14.30 ist man von so einer Tour allerdings zurück. Wen der Gedanke an einen Aldi-Besuch kurz vor Ladenschluss am Heiligabend abschreckt: Last-Minute-Erledigungen antizipieren und bereits am 23. besorgen. Dann trotzdem für die Aufgabe melden und ab in die Kneipe oder ins Café! Jahrelange Erfahrung ist hier natürlich von Vorteil.

Geheimniskrämerei

Was gerade an Weihnachten besonders gut geht, ist Geheimniskrämerei. Hierfür ist noch nicht mal besondere Kreativität in Sachen Ausreden gefragt. Es genügt, sich mit möglichst schwammigen, und doch offensichtlichen Äußerungen ins Zimmer zurück zu ziehen. Jeder wird denken: Aha, der muss noch Geschenke basteln oder einpacken. Das rechtfertigt es sogar, die Tür zu verschließen. Das schafft die perfekte Privatsphäre und ist zugleich authentisch. Einmal in geheimer Mission zurückgezogen, kannst du dann entspannt Netflix anschmeißen, Facebook checken oder einfach nur durchatmen. Vorausgesetzt natürlich, du musst nicht wirklich noch panisch Geschenke basteln.

Weihnachtspunsch

Weihnachten ist auch die Zeit der Rituale. Die Aufgaben sind bei der immer gleichen Prozedur in der Regel strikt verteilt. Als junger Erwachsener hat man das Recht, mit der Verantwortlichkeit für ein eigenes Ritual seinen Beitrag zum persönlichen Familienbrauchtum zu leisten. Besonders geeignet sind, logisch, zeitaufwändige Rituale, wie zum Beispiel die Zubereitung eines komplexen Weihnachtspunsches. Hier gilt: Je aufgeblähter die Rezeptur, desto besser! Für einen wirklich gelungenen Punsch ist natürlich eine ausgeklügelte Abfolge von Erhitzen und Abkühlen genauso wichtig wie regelmäßiges Abschmecken. Das heißt: Wer hierfür verantwortlich ist, hat die Pflicht, sich den gesamten Tag über immer wieder für einige Minuten vor den Herd zu setzen und aufzupassen, dass auch ja alles strikt nach Vorgabe läuft. Muss ja keiner wissen, dass man dabei nur geistesabwesend im Topf rührt und die Gedanken schweifen lässt. Spätestens im dritten Jahr ist der Punsch als Weihnachtstradition allgemein akzeptiert und die eigene Unverzichtbarkeit stellt einen von vielen anderen ungeliebten Aufgaben frei.

Tanten-Taxi-Service zum Bahnhof

Während der Vorschlag, 20 Minuten allein mit Tante Irmgard im Auto zu verbringen, um sie vom Zug abzuholen, bei dir unter normalen Umständen sofort Depressionen verursacht, ist die Rechnung bereits nach 24 Stunden Weihnachten ohne Verschnaufpause eine andere. Denn mit den 20 Minuten Rückweg vom Bahnhof mit Tante Irmgard gewinnst du 20 Minuten Hinweg, in denen du alleine im Auto sitzt. Mit „Feiertagsverkehr“ (Café oder Kneipe) lassen sich daraus gerne 40 machen. Der Haken an der Sache ist offensichtlich: Du solltest dafür einigermaßen nüchtern sein.

Dog-Sitter

Das Weihnachtsfest führt es mit sich, dass viele Menschen dafür verreisen. Das war schon anno Null so. Während Maria und Josef damals ihren Esel noch als Transportmittel brauchten, sind die meisten Haustiere heute auf solchen Reisen eher lästig. Es bleiben also reichlich Hunde, Katzen und Wellensittiche unbeaufsichtigt zurück. Wer sich bereit erklärt, für seinen Nachbarn dreimal am Tag mit dem Hund zu gehen oder den Vogel zu füttern, sammelt nicht nur Sympathiepunkte, sondern auch schön gleichmäßig verteilte Auszeiten für die gesamte Dauer der Abwesenheit. Wenn die Möglichkeit nicht besteht, kannst du dich zur Not auch an das Tierheim wenden oder per Kleinanzeige ein Gesuch aufgeben. Wenn du kaltblütig genug bist, kannst du die Gassirunde auch verkürzen und den Hund für die Dauer eines Kaffees vor der nächsten Kneipe oder dem nächsten Café anbinden.

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