„Ja, also, das hab' ich dir gekauft, weil ich dachte…“

Warum wir uns an Weihnachten wieder gegenseitig unsere Geschenke erklären werden.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Katharina Bitzl / Foto: Francesca Schellhaas/photocase.de

Es wird wieder passieren. Ein von mir Beschenkter oder eine von mir Beschenkte wird das Päckchen öffnen, das ich mühevoll (weil ungeschickt) verpackt habe, wird reinschauen und „Oh“ und „Danke“ sagen und ich werde, weil ich Angst haben werde vor der Stille, die dann folgt (oder folgen könnte), und weil ich weder den Ton des „Oh“ noch den des „Danke“ deuten konnte (Klang das echt? Klang das gequält?), direkt losplappern und eine Erklärung abgeben. 

Ich werde so was sagen wie: „Ja, also, du hast doch mal gesagt, dass du nächstes Jahr gerne nach Südafrika fliegen würdest, und daran musste ich denken, als ich in dem Antiquariat bei mir um die Ecke dieses Buch gesehen habe, also, ich glaube, das ist aber auch ganz interessant, falls du doch nicht fliegst, ich fand es zumindest spannend, als ich reingeguckt habe und all die schwarz-weiß Fotos und so, und vorne steht auch eine alte Widmung drin, handschriftlich, guck mal…“

Falls jemand, der potenziell von mir beschenkt werden könnte, das liest: Keine Sorge, das war nur ein Beispiel. Du bekommst kein vergilbtes Südafrika-Buch aus dem Antiquariat von mir. Aber eine Erklärung von mir zu deinem Geschenk, die wirst du bekommen. Und es ist recht wahrscheinlich, dass auch ich eine von dir bekommen werde, wenn ich dein Päckchen öffne. Denn Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das Fest der Geschenke-Disclaimer. Menschen erklären das, was sie verschenken, oder rechtfertigen es sogar. Sie wohnen dem Auspacken mehr oder weniger als Moderator bei. Nur: Warum bloß? Und: Ist das eigentlich schlecht oder vielleicht sogar ganz gut?

Auf die erste Frage gibt es wahrscheinlich mehrere Antworten. Weil die Geschenke-Erklärung verschiedene Hintergründe haben kann. Manchmal, und das ist vielleicht der schönste Grund, ist sie einfach Teil des Geschenks oder eine Art kleines Zusatz-Geschenk: Der Schenkende hat das Präsent auf besonderem Weg erstanden oder auf besondere Weise selbst gemacht oder einen wirklich, wirklich guten Anlass, es zu verschenken. Er kann eine Geschichte zum Geschenk erzählen, sodass es nicht nackt und verloren in den Händen des Schenkenden liegt, sondern in einen Kontext gebettet wird.

Manchmal formuliert der Schenkende schon beim Verpacken innerlich eine kleine Rede, die er halten wird, wenn es ans Auspacken geht

Es kann aber auch sein, dass der Schenkende Sorge hat, dass der Beschenkte das, was im Päckchen ist, nicht sofort als zu ihm passend erkennt. Dass er erstmal nicht versteht, warum er das haben wollen oder mögen oder benutzen sollte. Um diesen Moment der Verwirrung zu überbrücken beziehungsweise gar nicht erst aufkommen zu lassen, erklärt der Schenkende lieber schleunigst, was an diesem Geschenk so toll ist. Auf dass der Beschenkte es versteht und „Aaah, wie gut!“ sagen kann. Die Erklärung ist dann auch eine Art Service an den Beschenkten, der nicht in die Verlegenheit kommt, das Geschenk drehen und wenden und erst mal scharf nachdenken zu müssen, während alle Anwesenden ihn anstarren (denn eine beliebte weihnachtliche Beschenk-Praxis ist ja, dass alle einzeln nacheinander auspacken, anstatt eine „Weihnachten bei Hoppenstedts“-mäßige Auspack-Orgie zu feiern). 

Der traurigste Anlass für die Geschenke-Erklärung ist die Angst des Schenkenden, dem Beschenkten könnte das Geschenk nicht gefallen. Vielleicht weil es ein Last-Minute-Not-Geschenk war. Oder der Schenkende einfach keine gute Idee hatte. Oder der zu Beschenkende sehr anspruchsvoll und generell schwer zufrieden zu stellen ist. Dann formuliert der Schenkende schon beim Verpacken des Geschenkes innerlich eine kleine Rede, die er halten will, wenn es ans Auspacken geht. Die weniger eine Erklärung und vielmehr eine Rechtfertigung ist. Ein Weihnachts-Geschenk-Papier aus Worten, in dem ein „Egal wie du es findest – es war echt gut gemeint und die Geste zählt, oder?“ eingewickelt ist. Um Enttäuschung vorzubeugen oder totzureden und dann schnell zum nächsten Tagesordnungspunkt (Geschenk für jemand anders, Kartoffelsalat mit Würstchen, „Weihnachten bei Hoppenstedts“ angucken) überzugehen.

Was alle Fälle verbindet, ist zum einen das Überbrücken des immer leicht unangenehmen ersten Moments nach dem Auspacken, in dem man als Beschenkter nicht so genau weiß, wie man seine Freude angemessen ausdrücken (oder seine Enttäuschung verbergen)  soll. Und zum anderen der Wunsch oder der Versuch, das Geschenk wertvoller zu machen. Ihm zu dem materiellen auch noch einen ideellen Wert zu geben. Der sogar für den Fall, dass das Geschenk nicht gefällt, unbestritten bleibt. Denn den kann niemand dem Geschenk nehmen und niemand dem Schenkenden absprechen. 

Und darum sind die Geschenke-Disclaimer auch nicht verwerflich. Egal, warum sie einem Geschenk vorangeschickt oder beigefügt werden, sie zeigen immer, dass sich jemand Gedanken gemacht hat. Und das ist etwas Gutes – sogar dann, wenn der Schenkende sich diese Gedanken nur gemacht hat, um ein mieses Geschenk aufzuwerten. Denn er hätte ja auch einfach so das miese Geschenk verschenken können, ohne viele Worte. Das wäre leichter, aber auch sehr viel liebloser gewesen. Der Disclaimer hingegen zeigt, dass dem Schenkenden wirklich etwas am Beschenkten liegt – und er vielleicht einfach nur nicht so gut im Schenken ist. 

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