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1500 bis 2000 Euro netto für den Ballonfahrer

Für Wolfgang ein Traumberuf, trotz großer Nähe zu fremden Menschen und sehr vieler Heiratsanträge.
Protokoll von Valérie Müller
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    Illustration: Lucia Götz

Wolfgang ist 31 und arbeitet hauptberuflich als Ballonfahrer. Mittlerweile leitet er das Familienunternehmen Chiemseeballooning.

Die Passagiere

Jede Ballonfahrt ist eine neue Herausforderung – technisch, aber auch menschlich gesehen. Wir haben ein sehr gemischtes Publikum. Da sind Kinder dabei, aber auch 95-Jährige. Und die sind aus allen Bildungsschichten, die man sich nur vorstellen kann.

Die meisten Kunden kriegen eine Ballonfahrt geschenkt – da stehen runde Geburtstage im Vordergrund, 30er bis 80er. Dann gibt es noch die Touristen, die Urlaub am Chiemsee machen und sich spontan für eine Fahrt entscheiden. Und dann haben wir natürlich auch Heiratsanträge, jedes Jahr so zwei bis drei.

Die Heiratsanträge

Für Heiratsanträge werden meistens Exklusivfahrten gebucht. Dann kniet er sich hin und fragt sie, ob sie das restliche Leben mit ihm verbringen möchte. Das ist immer ein ganz besonderer Moment und im Ballon dann auch ein krasses Erlebnis. Ich klär vorher immer schon telefonisch ab, wie ich mich verhalten soll. Es gibt da zwei Möglichkeiten: Entweder ich fotografiere und dokumentiere alles oder ich zieh mich einfach zurück – das heißt, ich kümmere mich ums Ballonfahren und verhalte mich so, als wäre ich gar nicht dabei.

Beim ersten Mal war das tatsächlich ein komisches Gefühl, aber ich hab das jetzt schon so 15 Mal gemacht und mittlerweile ist das für mich normal geworden. Ich bin einfach sehr häufig bei Heiratsanträgen dabei, jetzt mache ich mir da auch gar keine großen Gedanken mehr. Ich selbst heirate auch bald, den Antrag habe ich aber natürlich nicht im Heißluftballon gemacht. Das wäre einfach zu vorhersehbar gewesen.

Die verrückteste Fahrt

Die schlimmste Fahrt war der missglückte Heiratsantrag. Das war eine ganz furchtbare Situation: Die ganze Sache hatten nämlich seine Schwiegereltern eingefädelt. Die hatten eine Ballonfahrt gewonnen und haben dann noch ihre Tochter und den zukünftigen Schwiegersohn dazu gebucht – wir waren also zu viert unterwegs, fünf mit mir. Normalerweise starten wir und ich erkläre was über die Region und was es so zu sehen gibt. Ich hab aber gleich schon gemerkt, die interessiert das gar nicht so wirklich. Dann hab ich sie also in Ruhe gelassen und nichts mehr gesagt und es war wirklich mucksmäuschenstill im Korb, man hat nur den Brenner gehört – und das über zehn Minuten hinweg. Das kommt eigentlich nie vor, einer sagt immer irgendwas.

Da dachte ich mir schon, dass irgendwas nicht stimmt. So nach 20 Minuten Fahrtzeit stöhnte die Tochter auf einmal auf und sagt: „Hach, dann wird es wohl doch nichts mit einem Heiratsantrag über den Wolken.“ Da ist mir erst bewusst geworden, was da eigentlich gerade läuft. Der zukünftige Schwiegersohn hatte auf höhenkrank gemacht und stand die ganze Zeit in der Ecke. Ich hatte ihm schon angeboten, dass wir jederzeit zwischenlanden können und er aussteigen kann, wenn er sich nicht wohl fühlt. Dabei hat er das gemacht, weil alle erwartet haben, dass er ihr jetzt einen Heiratsantrag macht. Hat er aber nicht. Als sie das gemerkt hat, hatten wir noch 40 Minuten Fahrtzeit vor uns. Das war definitiv die längste Ballonfahrt, die ich bis jetzt erlebt habe.

Wie man Ballonpilot wird

Ich wurde quasi in eine Ballonfahrer-Familie hineingeboren. Mein Vater hat das Unternehmen (Chiemseeballooning) 1990 gegründet, trotzdem war eigentlich nicht geplant, dass ich Ballonfahrer werde. Ich habe eine ganz normale schulische Laufbahn hinter mir, habe eine Ausbildung zum Elektroinstallateur gemacht und hab dann meine fachgebundene Hochschulreife absolviert. Danach habe ich noch Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule in Rosenheim studiert. Als ich fast 16 war, hatte mein Vater mich gefragt, ob ich nicht auch eine Ballonfahrerausbildung machen will. Da dachte ich mir erst: Das ist ein bisschen langweilig, ich will eigentlich schon was mit mehr Action – Gleitschirmfliegen oder Fallschirmspringen oder so. Andererseits war mir aber auch bewusst, dass ich schön blöd wäre, wenn ich es nicht mache, weil wir ja schon Ballone im Unternehmen haben. So richtig auf den Geschmack gekommen bin ich aber erst später durch Zufall: Ich hab bei uns im Ballonsportmagazin gesehen, dass es eine deutsche Juniorenmeisterschaft gibt. Man kann mit dem Heißluftballon tatsächlich auch Wettbewerbe fahren. Ich bin mit meinen Freunden dann durch ganz Deutschland gefahren und hab an solchen Wettbewerben teilgenommen – das hat richtig Spaß gemacht. So ist dann das Ballonfahren sehr schnell zu meiner Leidenschaft geworden und bis heute geblieben.

Die Ballonfahrerausbildung kann man sich vorstellen wie einen normalen Führerschein. Man besucht eine Ballonfahrerschule und macht eine zweiteilige Ausbildung – Theorie und Praxis. Ich hab die theoretische Ausbildung an einer Schule am Bodensee gemacht. Das war so ein zweiwöchiger Theorie-Kompaktkurs. Die praktische Ausbildung war in meinem Fall ein bisschen anders, weil wir selbst Ballone zu Hause haben. Deshalb ist der Ausbilder zu uns ins Unternehmen gekommen. Insgesamt braucht man 20 Ballonfahrstunden – also auch 20 Mal den Ballon auf- und abbauen – und 50 Starts und Landungen. Und man muss Fahrten im Sommer und Winter absolvieren, also bei über 20° und unter 0° Grad. Das ist jedes Mal ein krasser Organisationsaufwand: Man braucht ein Auto und einen Ballon, der Ausbilder muss Zeit haben und dann braucht man immer noch zwei Helfer – so einen Ballon kann man nicht alleine auf- und abbauen – und das Wichtigste: Gutes Wetter muss auch noch sein, um starten zu können.

Was man als Ballonfahrer den ganzen Tag macht

Ich verbringe höchstens ein Achtel meiner Arbeitszeit wirklich in der Luft – wobei das eigentlich das ist, was mir Spaß macht. Die meiste Zeit verbringe ich im Büro mit organisatorischen Dingen. Man muss erst mal die Termine vereinbaren – das ist fast die größte Herausforderung. Und wenn alles soweit organisiert ist, dann gibt es ein Wetter-Briefing. Da telefoniere ich mit allen Gästen nochmal und wenn das Wetter schön ist, dann geht’s los. Während der Ballonfahrt gibt es dann auch noch Verfolger. Das sind die Fahrer am Boden, die erst beim Aufbau helfen und dann im Auto hinterherfahren und uns bei der Landung wieder abholen. Neben den Ballonfahrten und der Organisation hat man auch viel Wartung, Instandhaltung und Prüfung. Vor allem der Bereich Prüfung ist in einem Luftfahrtunternehmen sehr ausgeprägt. Es wird nahezu jedes Bauteil regelmäßig geprüft. Damit verbringt man zum Beispiel im Winter sehr viel Zeit, wo man kaum Fahrten hat.

Wie man sich als Ballonfahrer selbstständig macht

In Deutschland kann man aber nicht beliebig lang gewerblich Ballon fahren – ich glaube, mit 65 Jahren darf man das schon nicht mehr. Daher hat mein Vater mich dann gefragt, ob ich das Unternehmen übernehmen möchte. Und ich habe ja gesagt. Es ist aber ein relativ langer Weg, bis man gewerblich Ballon fahren darf. Man muss erst mal 50 Ballonfahrten gemacht haben, bis man überhaupt eine gewerbliche Lizenz beantragen kann. Erst dann kann man ein Luftfahrtunternehmen gründen und braucht dafür ein relativ großes Startkapital. Das ganze Material ist nämlich sehr teuer. Man braucht ja nicht nur einen Ballon, also Korb und Hülle, sondern auch einen Anhänger, ein Gebläse, Gasflaschen, Funkgeräte, Transponder, Höhenmesser, Hülleninnentemperaturmesser und noch relativ viel Zubehör, um überhaupt starten zu können. Und dann natürlich die ganzen Zulassungen. Für einen Ballon sollte man da schon so mit 150.000 Euro rechnen.

Was man verdient

Das Gehalt ist für mich als Selbstständigen sehr schwankend– auch, weil ich immer wieder in Materialien investieren muss. Zwischen 1500 und 2000 Euro netto im Monat erreiche ich als Ballonfahrer aber meistens. Davon kann man schon ganz gut leben, ich hab aber auch noch ein zweites Standbein – wir haben in der Familie noch ein paar Wohnungen, die wir vermieten. Es ist auf gar keinen Fall ein Beruf, mit dem man reich wird.

Wenn man vor allem am Wochenende arbeitet

Mein Privatleben hat sich durch den Job nicht groß verändert, weil ich ja schon immer Teil einer Ballonfahrer-Familie war. Aber das ist schon was anderes: Man arbeitet von Montag bis Sonntag, sieben Tage die Woche. In der Hauptsaison arbeitet man circa 80 Stunden die Woche und in der Nebensaison, im Winter, ist es vielleicht mal eine 20- bis 40-Stunden-Woche.

Meine Freundin hat damit aber gar kein Problem. Die ist Lehrerin und ist dadurch nachmittags oft zu Hause und ich bin am Nachmittag auch da – wir sehen uns also schon. Und es fallen natürlich auch immer mal wieder Ballonfahrten aus. Wenn an einem Wochenende mal schlechtes Wetter ist, dann können die Fahrten nicht stattfinden und ich hab Zeit.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Meistens ist die erste Frage: „Was mache ich, wenn ich aufs Klo muss?“ Naja, zusammenkneifen halt. Wir sind ja nur etwa eine Stunde in der Luft. Und wenn es wirklich nicht mehr geht, was ich bis jetzt aber noch nicht erlebt habe und ich habe schon über 3000 Passagiere befördert, dann muss man eben zwischenlanden, wenn es die Wetterbedingungen erlauben. Wir machen aber auch immer vor dem Start noch eine gemeinsame Pinkelpause.  Bei einer Alpenüberquerung, die ja länger dauert, haben wir auch Flaschen dabei bzw. so Einweg-Urinale für Frauen. Aber das gab es auch noch nie, dass da jemand aufs Klo musste.

Und was verdienen die anderen so?