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Foto: Christine Schneider, Illustration: Lucia Götz

Laura ist 30 und singt, seit sie drei Jahre alt ist. Seit ihrem Studienabschluss als Sängerin und Gesangspädagogin 2014 arbeitet sie als freiberufliche Sopranistin und steht regelmäßig auf Opern- und Konzertbühnen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Boah, krass, machst du dann auch bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘ mit?“ Oder: „Echt, das kann man studieren?“ Oder: „Aber damit kann man kein Geld verdienen, oder?“ Oft sagen die Leute auch, ich soll mal was singen. Aber das mache ich natürlich nicht.

Der Weg

Mein Vater leitet mehrere Chöre und da habe ich immer schon mitgesungen. Mit sieben oder acht Jahren, bin ich im Fernsehen auf Wagners „Ring“ gestoßen, eine Inszenierung aus der Metropolitan Opera in New York. Das fand ich wahnsinnig toll, ich war total fasziniert vom Orchester und den Sängern und wie sie zusammengewirkt haben. Ich wollte da unbedingt mitmachen. Ich glaube, das hat die Weichen gestellt: Ich habe nie wieder darüber nachgedacht, was ich sonst noch werden könnte – ich wollte einfach auf einer Bühne sein und singen und spielen. 

Mit 15 habe ich mit Solo-Unterricht angefangen und im Theater meiner Heimatstadt meine erste richtige Rolle gesungen. Später bin ich bei den meisten Aufnahmeprüfungen für Gesangs-Studiengänge durchgefallen, aber dann an einem Institut über die Warteliste doch noch reingerutscht. Darüber habe ich mich total gefreut und bin dann einen recht schwierigen Weg gegangen, weil ich sehr viel üben musste, um ähnlich gut zu werden, wie die meisten anderen.

Ingesamt habe ich drei Abschlüsse gemacht: Konzertsängerin, Opernsängerin und Gesangspädagogin. Im Studium hatte ich Musiktheorie, also Tonsatz, Gehörbildung und Musikgeschichte, dann noch Klavier, Sprechen, Schauspiel, Tanzen und natürlich Gesang. Das teilt sich auf in Unterricht mit der Gesangsprofessorin und verschiedene Korrepetitionen, also Gesang mir Klavierbegleitung. Später hatte ich dann auch noch Vorsing-Training und andere Übungen, die einen direkt aufs Berufsleben vorbereiten. Solche Schulungen, wie man nach dem Studium als Sängerin ins Berufsleben einsteigt, gab es in meinem Diplom-Studiengang aber zu wenig. Ich glaube, das hat sich mit dem Bachelor-Master-System etwas verbessert.

Die Wirklichkeit

Während des Studiums habe ich regelmäßig Konzerte gesungen und meistens bei ein bis zwei Opernprojekten pro Jahr mitgemacht. Das war extrem wichtig, denn meine höchste Qualifikation – höher als alle Abschlüsse – sind Partien, die ich auf der Bühne gesungen habe und dann auf meine Repertoire-Liste schreiben kann. Nur damit kann ich mich für weitere Engagements bewerben. Im besten Falle sind das bekannte Partien – für mich war es zum Beispiel super, als ich das „Ännchen" im „Freischütz“ singen konnte. 

Mein Repertoire definiert auch, wer ich bin: Bei der Oper wollen sie immer einen bestimmten Typ „kaufen“, das ist ein bisschen wie bei Models. Es gibt da verschiedenste Fachbezeichnungen und Schubladen. Letzte Woche hatte ich zum Beispiel ein Vorsingen für eine „deutsche Spiel-Soubrette“, das bedeutet: Die Rolle ist jung und witzig, du spielst die zweite Dame neben der dramatischen, großen Dame, und du musst gut im Schauspiel sein und eine gute Aussprache haben. Ich habe in meinem Repertoire viel, was dazu passt, also ist klar, dass ich mich da bewerben kann. Wenn die Anforderung „dramatischer Sopran“ ist, muss ich da nicht hin, weil das nicht mein Fach und nicht mein Typ ist. 

Viel Zeit in meinem Job besteht aus Akquise: Ich suche nach Rollen, die zu mir passen, und schaue, dass ich mindestens ein großes Projekt im Jahr machen kann, zum Beispiel bei Opernfestspielen. Außerdem singe ich Konzerte, vor allem in Kirchen. Die ergeben sich hauptsächlich über Anfragen aus dem Musiker-Netzwerk, das ich mir schon während des Studiums aufgebaut habe. Ich organisiere mir aber auch viel selbst, denn ich will ja im Training bleiben – ich frage also zum Beispiel Kollegen, ob wir mal zusammen was machen wollen, oder schreibe Kulturhäusern und biete ihnen ein Programm an. 

Daneben mache ich noch verschiedene andere Sachen: Zwei Tage in der Woche arbeite ich in einem Mini-Job in einer Anwaltskanzlei und einen Nachmittag pro Woche in der Musikschule. Dort gebe ich Einzelunterricht und leite einen Chor. Außerdem muss ich natürlich regelmäßig üben, im besten Falle an fünf bis sechs Tagen die Woche eineinhalb bis zwei Stunden pro Tag. Meistens schaffe ich das nicht ganz, weil ich eine kleine Tochter habe oder eben mit anderen Sachen wie dem Job in der Kanzlei oder Bewerbungen beschäftigt bin.

Das Geld

Wenn du bei den Salzburger Festspielen singst oder bei einer großen Agentur bist, die dich vermittelt, verdienst du eine Menge Geld. Ich bin auf einem viel niedrigeren Level – aber es ginge auch noch deutlich schlechter, das muss ich mir selbst immer wieder sagen.

Konzerte sind sehr unterschiedlich bezahlt – da geht alles zwischen 100 und 1000 Euro. Für den Unterricht an der der Musikschule bekomme ich etwa 70 Euro pro Schüler im Monat. Momentan habe ich fünf Schüler plus den Chor, für den ich pro Monat 80 Euro bekomme.  Die großen Opernprojekte werden unterschiedlich gut bezahlt. Vergangenen Sommer hatte ich ein Engagement bei recht renommierten Opernfestspielen und habe 4100 Euro brutto für vier Wochen bekommen. Davon musste ich noch den Anteil für den Agenten, die Unterkunft und die Abgaben für den Deutschen Bühnenverein abziehen. Bei einem anderen Projekt habe ich nur 1600 Euro für drei Wochen bekommen, hatte aber dafür aber auch keine weiteren Ausgaben. 

Die Verträge sind oft mit vielen Auflagen verbunden – aber man traut sich kaum, sie zu verhandeln, aus Angst, dass dann jemand anders genommen wird. Ich erlebe auch immer wieder, dass die Männer es in meiner Branche leichter haben, zu verhandeln. Zum einen haben sie den Vorteil, dass sie viel weniger sind als wir Frauen, die Konkurrenz ist also geringer. Und zum anderen sind die meisten, mit denen du verhandeln musst, auch Männer: Leitende Positionen an Konzert- und Opernhäusern sind selten mit Frauen besetzt.

Es ist schwierig zu sagen, wie viel ich monatlich verdiene, weil es jeden Monat anders ist – je nachdem, welche Konzerte anstehen, ob Schüler abspringen oder neue dazu kommen und so weiter. Aber ich würde sagen: Im Schnitt sind es etwa 1000 Euro. Und wenn es mal eng wird, habe ich noch Ersparnisse. Zur größten Not könnte ich damit eine Weile durchkommen.

Die Konkurrenz

Sopran ist die Stimmlage, in der es die meiste Konkurrenz gibt – und im Gegensatz zum Musiker, der sich sein Instrument frei wählen kann, kann ich mir als Sängerin meine Stimmlage leider nicht aussuchen und sagen: „Ich singe jetzt mal den tiefen Bass.“

Wenn ich bei einem Vorsingen bin, sind da natürlich lauter Frauen aus dem gleichen Fach – das heißt, sie sind alle so ein ähnlicher Typ wie ich, von der Stimme her, teils sogar vom Aussehen her. Oft höre ich dann beim Einsingen, wie sie die gleichen Stücke singen wie ich, und muss mir trotzdem die ganze Zeit sagen: „Aber ich kann es am besten!“ Das ist ziemlich ätzend und ziemlich schwer – und dann muss ich es auch noch hinkriegen, ohne ein Anzeichen von Selbstzweifel raus auf die Bühne zu gehen.

Ich glaube, mir fehlt leider ein bisschen das Wettbewerbs-Gen. Ich will mich nicht hinstellen und sagen: „Ich bin die Beste!“ Manchmal macht es mir schon zu schaffen, dass ich nicht so bin. Es gab Phasen, in denen ich nicht genug Engagements hatte und mich dauernd gefragt habe: Was mache ich jetzt? Was will ich erreichen? Wer bin ich eigentlich?

Aber eigentlich ist es bei mir so: Ich will einfach nur arbeiten. Und das heißt: Musik machen, singen, schauspielern. Auf ganz viele verschiedene Arten. Es war zwar mal mein Traum, Opernsängerin mit einem festen Engagement zu werden, und ich singe immer noch für feste Stellen vor. Aber ich bin mittlerweile realistisch genug, zu wissen, dass es reine Glückssache ist, eine dieser wenigen Stellen zu bekommen. Darum habe ich gelernt, auch mit meiner unsicheren freischaffenden Tätigkeit zufrieden zu sein und bin bereit, zusätzlich Geld in einem Nebenjob verdienen zu müssen.

Und was verdienen die anderen so?