Tausche Wohnung gegen Fahrzeug

Drei Menschen berichten von ihrem Leben im Auto, das sie aus ganz unterschiedlichen Gründen gewählt und lieben gelernt haben.
Von Maike Frye
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Fritz, 30, in seiner Mercedes G-Klasse.

Foto: Fritz Meinecke

Es gibt Menschen, die brauchen nicht viel zum Leben – weder viel Besitz, noch besonders viel Platz. Drei junge Männer haben unabhängig voneinander das Experiment gewagt und teilweise monatelang komplett in ihrem Auto gelebt. Dabei haben sie gemerkt, wie schön es sein kann, wenig zu besitzen und dass das Gefühl von Freiheit auf engem Raum oft sehr viel größer ist als in einer überteuerten Großstadtwohnung.

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„Was mich an diesem Lebensstil so gereizt hat, war die Möglichkeit jeden Tag woanders aufzuwachen“, sagt Fritz.

Foto: Fritz Meinecke

„So habe ich mich letztlich von 18 auf 3,8 Quadratmeter verkleinert“

Viel Zeit im Freien zu verbringen, ist für Outdoor-Youtuber Fritz Meinecke (30) generell nichts Ungewöhnliches. Doch im vergangenen Jahr schnappte er sich in lauen Sommernächten immer öfter Decke und Kissen und verlegte sein Bett in seinen Geländewagen – eine Mercedes G-Klasse, die er zuvor für rund 29 000 Euro gebraucht gekauft hatte. Seine Wohnung betrat er dann nur noch zum Duschen und zum Arbeiten an seinem Laptop.

Die Nähe zur Natur und das Abenteuer reizten ihn jedoch immer mehr. „Ich wollte wissen, wie es sein würde, komplett in meinem Wagen zu leben. Da ich Herausforderungen liebe, habe ich mein Auto dementsprechend selbst umgebaut. Ich habe einen Dachgepäckträger angebracht, Stauboxen für Ausrüstung, Kleidung und Lebensmittel eingebaut und die Rückbank gegen eine Schlaffläche ausgetauscht. Im Kofferraum gibt es seitdem auch eine ausziehbare kleine Küchenzeile, nur ein Kühlschrank fehlt“, so Fritz. Nach ein paar Wochen, in denen er fast nur noch in seinem Wagen übernachtete, fällte er im Juni 2019 die Entscheidung, seine Wohnung in Magdeburg endgültig zu kündigen. Schwer fiel ihm das nicht: „Ich habe schon immer minimalistisch gelebt und so habe ich mich letztlich von 18 auf 3,8 Quadratmeter verkleinert. Die 300 Euro Miete habe ich in dieser Zeit in Sprit investiert.“ Sein Büro verlegte Fritz für ein halbes Jahr in sein Auto – möglich machte das seine Selbstständigkeit als Youtuber. Mit seinem Laptop könne er flexibel von überall arbeiten.

Sein Umfeld sei von seiner Entscheidung wenig überrascht gewesen. „Es ist bekannt, dass ich gerne mal etwas Verrücktes mache“, sagt der 30-Jährige. Seine Möbel habe er bei seiner Mutter lagern können, dort sei er in der Zeit auch gemeldet gewesen. Rein rechtlich gilt allerdings: Wer sein Auto langfristig als Wohnsitz nutzt, muss entweder einen festen Stellplatz als seinen Wohnort angeben oder den bisherigen Wohnsitz abmelden. Im Personalausweis steht dann: „Ohne festen Wohnsitz“.

„Ich hatte kaum noch Privatsphäre, was mich extrem gestört hat“

Ein halbes Jahr lang hatte Fritz keine Wohnung. Den Sommer verbrachte er in Skandinavien, den Winter im Süden Europas, wo die Nächte im Auto milder sind. Zwischendurch besuchte er immer wieder Freunde in verschiedenen Städten. „Was mich an diesem Lebensstil so gereizt hat, war die Möglichkeit jeden Tag woanders aufzuwachen. Ich habe morgens in traumhaften Seen gebadet und bin dann einfach bis zum nächsten schönen Ort weitergefahren. Meine Arbeit als Youtuber erlaubte mir zum Glück diese Freiheit, da ich finanziell davon gut leben kann.“ In dieser Zeit hat Fritz auch viel Skurriles erlebt: „Einmal lag ich im Bett und der ganze Wagen hat gewackelt. Ich habe die Beleuchtung angemacht und da stand eine Kuh, die gerade mein Auto abgeleckt hat.“

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Als selbstständiger Youtuber kann Fritz von überall aus arbeiten.

Foto: Fritz Meinecke

Noch viel skurriler als die Tiere, waren jedoch die Menschen, denen er begegnet ist. Bei Youtube hat Fritz rund 879 000 Follower – unerkannt zu bleiben, war daher nicht so einfach. Was sonst viele Vorteile hat, bedeutete für ihn plötzlich das Ende seines Projekts. „Mein Wagen wurde oft erkannt, sodass Leute morgens um 6 Uhr an mein Fenster klopften, um ein Foto mit mir zu machen. Ein anderes Mal riss jemand mitten auf einer Kreuzung an meiner Beifahrertür, als ich an der Ampel stand. Ich hatte kaum noch Privatsphäre, was mich extrem gestört hat. Daher habe ich Anfang 2020 beschlossen, das Experiment zu beenden. Seitdem habe ich wieder eine Wohnung in Magdeburg, schlafe jedoch nach wie vor die Hälfte des Monats in meinem Wagen, da ich immer noch viel unterwegs bin.“

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Ingenieursstudent Maximilian* wohnte drei Monate in seinem Mercedes-Bulli.

Foto: privat

„Diese Zeit war für mich eine einzigartige Erfahrung mit einer bisher ungekannten Freiheit“

Nicht alle Menschen, die eine Zeit lang im Auto leben, tun dies jedoch um zu reisen. Für den 23-Jährigen Ingenieursstudenten Maximilian Brandt* ging es vor allem darum, nachhaltiger, freier und kostengünstiger zu wohnen. Denn vor allem in Großstädten sind Wohnungen ein knappes Gut und Mieten dafür umso teurer. Weshalb also nicht gleich eine minimalistischere Form des Lebens wagen? Von April bis Juni 2019 wohnte Maximilian deshalb in seinem Mercedes-Bulli in Hamburg. „Zwischen Bachelor und Master habe ich für ein paar Monate in der Hansestadt gearbeitet. Da mir die Wohnungssituation dort bekannt war, habe ich beschlossen von vornherein in meinem Bulli zu leben und mir den Stress der WG-Suche zu ersparen“, sagt er. Doch auch Parkplätze sind in Hamburg rar. Im Herzen von St. Pauli wurde der Student schließlich fündig, doch schon nach wenigen Tagen folgte die Ernüchterung in Form des ersten Strafzettels. „Ich stand, ohne es zu wissen, in einem Anwohnerparkgebiet und hätte dafür einen speziellen Parkausweis gebraucht.“ Um diesen beantragen zu können, muss man jedoch in dem Stadtteil behördlich gemeldet sein. Maximilian improvisierte – und fragte eine in St. Pauli gemeldete Freundin um Hilfe für den Ausweis. Im Gegenzug durfte sie seinen Wagen für Erledigungen nutzen.  

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Der Innenraum von Maximilians* Bulli.

Foto: privat

„Zu dieser Zeit hatte ich nur 70 Euro Fixkosten – diese enthielten den Parkausweis, Steuern für den Van und eine Fitnessstudiomitgliedschaft. Dort konnte ich auch duschen. Wlan habe ich über den Freifunk in meiner Straße mitgenutzt. Preislich war das kein Vergleich zu über 400 Euro für ein WG-Zimmer“, sagt Maximilian heute. Besuch habe er dennoch empfangen können. Zu zweit habe man gut im Bulli übernachten können, nachmittags sei er aber lieber draußen unterwegs gewesen. „Diese Zeit war für mich eine einzigartige Erfahrung mit einer bisher ungekannten Freiheit. Im Winter war ich jedoch dann wieder froh über mein warmes WG-Zimmer.“

„Morgens kam oft mein Professor vorbei und hat mir Kaffee ans Auto gebracht“

Manchmal braucht es jedoch nicht mal einen umgebauten Van, um einige Zeit im Auto zu leben. Das beweist Florian Vogel. Der 24-jährige Design- und Produktmanagement-Student übernachtete zwei Wochen lang in seinem Audi A3 auf dem Parkplatz der FH Salzburg. Dort war es laut Parkplatzordnung nicht verboten, das Auto über Nacht stehen zu lassen. Das rettete den Studenten: Denn Florian hatte seine Wohnung zu diesem Zeitpunkt bereits gekündigt, die Fertigstellung seiner Bachelorarbeit dauerte aber doch länger als geplant – und er brauchte für die Zeit eine Unterkunft. „Ich hatte mir mein Auto eh schon ein wenig umgebaut, habe dann noch eine Matratze reingelegt und Lichterketten für die Romantik angebracht – das war schon ziemlich gemütlich“, erzählt er.

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Der Innenraum von Florians Audi A3.

Foto: Florian Vogel

Dass er für zwei Wochen auf dem Parkplatz wohne, habe damals schnell die Runde gemacht. „Meine Freunde fanden es cool und haben einige Nächte gemeinsam mit mir auf dem Parkplatz in ihrem Auto geschlafen. Wir waren eine witzige kleine Campinggemeinschaft. Morgens kam oft auch mein Professor vorbei und hat mir Kaffee ans Auto gebracht – das war etwas kurios.“ Insgesamt kam Florian so sehr viel günstiger weg. Ein paar Lebensmittel habe er sich aus dem Supermarkt besorgt, zudem öfter bei Freunden oder in der Mensa gegessen. „Der einzige Nachteil dieses Lebens war, dass es bei schlechtem Wetter wiederum sehr beengt und chaotisch im Wagen wurde. Außerdem war die Luft bei geschlossenen Türen schnell verbraucht.“ Eine langfristige Lösung hat Florian in seinem Audi nicht gesehen, deshalb hat er sich im Herbst 2019 einen größeren Van gekauft und für zukünftige Abenteuer ausgebaut.

*Name von der Redaktion geändert

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