In einer WG mit einem Reichsbürger

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf/Janina Schmidt

Wohnsituation: Zweier-WG in einem hellhörigen Altbau, beide Bewohner berufstätig

Geschlecht und Alters des Mitbewohners: männlich, 27

Horror-Stufe: 7 von 10

„Deutschland hat gar keine Verfassung“, wollte mir Sascha* beim Abendessen erklären, und ich verschluckte mich an einem Stück Kräuterbutterbaguette. Bitte nicht, dachte ich. Doch es ging weiter. Eigentlich, fuhr er fort, sei die Bundesrepublik nämlich gar kein Staat, sondern eine GmbH. Zum Beweis holte er seinen Pass heraus, deutete auf das „Personal“ in „Personalausweis“ und fragte: „Wessen Bedienstete sind wir eigentlich?“

Ich brauchte ein paar Augenblicke, um diese Darbietung zu verarbeiten: Na geil, mein Mitbewohner war ein Reichsbürger. Und sein Tonfall war so belehrend, als würde er ein naives Kleinkind aufklären. Als ich Skepsis an seinen Thesen laut werden ließ, bekam ich den freundlichen Ratschlag, „der Amipropaganda doch bitte nicht alles zu glauben“.

Etwa drei Monate wohnten Sascha und ich zu diesem Zeitpunkt zusammen. Schon die vorherigen Wochen gestalteten sich weniger harmonisch, als ich mir erhofft hatte. Dabei hatte er bei der WG-Besichtigung noch einen ordentlichen Eindruck gemacht. Um seine Seriosität zu unterstreichen trug er ein Hemd und hatte sogar einen kleinen Aktenkoffer mit Unterlagen dabei: Gehaltsnachweise, Schufa-Auskunft, eben der ganze Kram, der biedere Spießbürgervermieter beglückt. Das fand ich ein bisschen putzig, aber es hat mich nicht gestört, Sascha machte ansonsten einen ruhigen, netten Eindruck. 

Doch der Ärger fing schon vor dem Einzug an, nämlich nur wenige Minuten, nachdem der Mietvertrag unterschrieben war. Eigentlich hatte Sascha seinem Vormieter zugesagt, ein Sofa und ein Regal von ihm zu übernehmen – zahlte aber schließlich keinen Cent. Nicht gerade die feine Art, dachte ich mir, aber irgendwie würde man schon miteinander auskommen. Doch meine niedrigen Erwartungen sollten noch weit unterboten werden. 

In Saschas Zimmer zog nie wirklich Leben ein. In einer Ecke lag zwar eine Matratze, in einer anderen stand ein schlichter Sessel und er hatte hübsche rote, wallende Gardinen aufgehängt. Ansonsten gab es aber keine Einrichtung. Auf der Fensterbank stand ein holzgeschnitzter, blutüberströmter Jesus mit Dornenkranz und die Wände waren nackt bis auf ein Marilyn-Monroe-Pop-Art-Poster. Besuch hat Sascha in der Zeit unseres Zusammenlebens kein einziges Mal empfangen und wenn ich Gäste einlud, lehnte er Angebote ab, sich dazuzusetzen.  

Sascha brabbelte wirres Zeugs. Er müsse leider davon ausgehen, observiert zu werden

 

Es dauerte nicht lange, bis Sascha seinem generellen Misstrauen gegenüber den Medien Ausdruck verlieh. Nirgendwo neutrale, wahrhaftige Berichte, erklärt er mir, mit nur einer lobenswerten Ausnahme: KenFM. Das fand ich schon unangenehm, aber vielleicht ließen sich ja abseits der Politik Gesprächsthemen finden. Weit gefehlt. Jeder Versuch einer Konversation endet mit einem eifrigen Monolog über ominöse einflussreiche Kreise, die das gesamte Weltgeschehen im Verborgenen steuern und all die ahnungslosen Schlafschafe versklaven. Ich erfuhr von dunklen Ritualen, von Kindermorden und Kannibalismus unter der Oberfläche der Öffentlichkeit. Weil mir das zunehmend auf die Nerven ging, reduzierte ich die Kommunikation auf ein Minimum. 

Das alles war sehr seltsam, aber mit gutem Willen noch erträglich. Wenigstens ließ er mich in Ruhe. Dachte ich zumindest. Dann aber kam ich nach Hause, und musste feststellen, dass sich einige meiner privaten Unterlagen in meinem Zimmer nicht mehr dort befanden, wo ich sie hinterlassen hatte. Sie wurden offensichtlich durchwühlt. Als ich Sascha zur Rede stellte, wurde der nervös und brabbelte wirres Zeugs von wegen, er müsse leider davon ausgehen, observiert zu werden, schließlich habe er Verwandte in Russland. 

Ich brauchte ein bisschen, um zu begreifen, dass er mich anscheinend für einen Spitzel hielt. Als jedoch diese Erkenntnis sackte, hatte ich endgültig genug . „So will ich nicht mehr weiter wohnen“, sagte ich ihm. „Du kannst ja ausziehen“, entgegnete er. 

Er hatte die Schlüssellöcher zu seinem Zimmer mit schwarzem Tesafilm abgeklebt

Und dazu wäre es dann auch beinahe gekommen. Denn bei zwei gleichberechtigten Mietern ist es quasi unmöglich, jemanden gegen seinen Willen zum Ausziehen zu zwingen. Da sich Sascha unbeweglich zeigte, hatte ich gerade grummelnd angefangen, Angebote zu durchforsten und erste Besichtigungen zu vereinbaren, als ich zufällig unserer Vermieterin im Treppenhaus begegnete. Sie fragte mich, ob ich schon einen Nachmieter für Sascha gefunden hätte. Ich verneinte irritiert. 

 

Es stellte sich heraus, dass Sascha die sechsmonatige Probezeit bei seinem neuen Arbeitgeber nicht überstanden hatte und zurück in seine Heimat ziehen wollte. Hinter meinem Rücken hatte er seinen Mietvertrag gekündigt, der Vermieterin gesagt, ich wüsste Bescheid und versichert, ich würde mich bereits um Nachfolger kümmern. Unter normalen Umständen hätte mich das verärgert. In diesem Fall war ich vor allem froh, nicht selbst umziehen zu müssen – und dass der Reichsbürger-Verschwörungsfetischist schon in zwei Wochen nicht mehr in der gleichen Wohnung leben würde. 

 

Als ich dann potenziellen Nachmietern die Räume vorführte, bemerkte ich, dass Sascha die zwei Schlüssellöcher zu seinem ehemaligen Zimmer, durch die ein wissbegieriges Agentenauge hätte spähen können, mit schwarzem Tesafilm abgeklebt hatte. Ein bisschen beleidigt bin ich immer noch, dass er mich für einen Schnüffler gehalten hat. Vor allem aber bin ich erleichtert, dass der groteske Spuk endlich vorbei ist.  

 

*Name geändert

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag eines jetzt-Lesers. Er hat darum gebeten, anonym zu bleiben, sein Name ist der Redaktion aber bekannt.

 

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