Horrormitbewohner: Die geizige Hippie-Heulsuse

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: Altbau, Dachgeschoss, drei Frauen, zwei Katzen 

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: weiblich, 33




Horror-Stufe: 4 von 10

Für meine Promotion bin ich vergangenes Jahr in eine neue Stadt und eine tolle Altbau-Dreier-WG gezogen, in der schon zwei Frauen wohnten – Männer wurden für das freie Zimmer nämlich gar nicht erst in Betracht gezogen. In der Wohnung herrsche prinzipielles Männer-Verbot, sagte man mir beim „Vorstellungsgespräch“. Auch wenn mich der grundsätzliche Ausschluss des anderen Geschlechts etwas stutzig machte, nahm ich die Wohnung. Das Zimmer war superschön, die Lage optimal und auch meine zwei Katzen durften mit einziehen (wie es wohl ausgesehen hätte, wenn ich statt Katzen Kater gehabt hätte?).

Als ich einzog, erfuhr ich, dass das Verbot eigentlich von nur einer meiner neuen Mitbewohnerinnen verhängt wurde: Yvonne*. Eine schlaksige Frau, mit hüftlangen Dreadlocks, Filz- Kleidung, einem starken Drang zur freien Liebe (das Männerverbot galt scheinbar nur tagsüber), einem nach Räucherstäbchen riechendem Zimmer und einem Zeitschriften-Jahresabo der „Kochen ohne Knochen“. Damit passte sie voll und ganz in meine Stereotypen-Schublade des Vollblut-Hippies. Love & Peace? Da bin ich dabei! Aber bis auf die Liebe, die sie des Nachts ihren Liebhabern zuteilwerden ließ, war vom Woodstock-Leitgedanken bald nur noch wenig zu spüren. Stattdessen musste ich nach und nach feststellen, dass ich scheinbar bei einer ziemlich geizigen Heulsuse eingezogen war. 

Alles begann mit einem Teller, der mir beim Abwaschen versehentlich zerbrach. Das sei ihrer gewesen, verkündete sie unter Tränen, und es wäre wirklich nett, wenn ich ihn ersetzen würde. Ich, neu in der WG und ziemlich erschrocken darüber, welch emotionale Wallung meine Ungeschicklichkeit bei ihr ausgelöst hatte, fragte also, wo ich den Teller denn nachkaufen könne. „Bei Ikea! Wenn’s den überhaupt noch gibt“, verkündete sie mir mit zittriger und vorwurfsvoller Stimme.

Natürlich habe ich großen Respekt vor fremdem Eigentum, aber dass jemand mit einer solchen Vehemenz auf dem Ersatz eines Ikea-Tellers besteht, machte mich etwas sprachlos. Trotzdem fuhr ich zu Ikea und kaufte ihr den Teller für 2,49 Euro (Surprise: Es gab ihn noch). 

Ein anderes Mal weigerte Yvonne sich, ihren Anteil an der WG-Einkaufsrechnung zu bezahlen, weil sie ja ihr eigenes Salz besäße. Als wir anderen zwei zum Protest ausholten, lief sie zu ihrem Fach im Küchenregal, holte eine Packung Jodsalz heraus und schüttelte dieses wie eine Maraca-Rassel vor unseren Nasen hin und her. Um weitere Streitigkeiten zu vermeiden, haben wir die 1,89 Euro unseres WG-Meersalzes nur durch zwei geteilt, anstatt durch drei. Yvonnes Tränen kullerten jedoch erneut, als ich mich mit einem etwas frechen (auf ihre schwäbische Herkunft bezogenen) Spruch weigerte, 12 Cent Rückgeld für sie zusammen zu suchen, nachdem sie ihren Beitrag von 19,88 Euro für die restlichen WG-Güter, die wir durch drei teilten, mit einem Zwanziger gezahlt hatte. 

Waren ihre Tränenausbrüche ein Druckmittel, um ihren Willen durchzusetzen?

Über all das konnte ich noch lachen. Aber das änderte sich, als der Winter einbrach. Denn ich bewohnte das kälteste Zimmer. So kalt, dass ich abends oft nicht einschlafen konnte oder mitten in der Nacht zitternd aufwachte. Grund dafür: Das Thermostat, das alle Heizungen in der Wohnung regelte, hing in Yvonnes Zimmer, das sie abschloss, wenn sie nicht zuhause war. Außerdem weigerte sie sich, es über 16 Grad einzustellen, aus panischer Angst vor einer hohen Nachzahlung. Auf meine Frage, ob es ihr denn egal sei, dass mir die Kälte bis in die Knochen fuhr und ich morgens mit Muskelverspannungen aufwache, schossen ihr wieder Krokodilstränen in die Augen und ich fühlte mich plötzlich ziemlich gemein, ihr eine solche Boshaftigkeit unterstellt zu haben. 

Aber warum weinte sie eigentlich immer sofort? Waren ihre Tränenausbrüche ein Druckmittel, um ihren Willen durchzusetzen? Oder war sie wirklich so sensibel? Genau wusste ich es nicht. Und im Zweifel bin ich eben doch für den Angeklagten. Also folgten weitere Diskussionen, sie heulte, ich blieb ratlos. Ich bibberte mich durch den Winter, und als ich mich gerade anfing daran zu gewöhnen, sah ich, dass meine gesamte Wand hinter Schrank und Bett von Schimmel befallen war. Laut Hausverwaltung hätte ich – Achtung, Ironie! – zu wenig geheizt. Wir bekamen direkt eine Rechnung für die Schimmelbeseitigung ausgestellt, für die ich mich als Untermieter zunächst nicht zuständig fühlte. Einige Tage später fand ich die Rechnung auf meinem Schreibtisch wieder und Yvonne erklärte mir, dass es schließlich mein Zimmer wäre und es ja unfair wäre, wenn alle Mitbewohnerinnen meinen Fehler ausbaden müssten! Das war das erste Mal, dass mir selbst die Tränen in die Augen schossen – vor Wut! Ich bin ausgezogen, so schnell es ging. Die Schimmelrechnung habe ich natürlich nicht übernommen. 

*Name geändert

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym zu bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt. 

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