Horrormitbewohner: Der Möchtegern-Casanova

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf/Janina Schmidt

Wohnsituation: Zweier-WG in Berlin

Geschlecht und Alter des Mitbewohners: männlich, Ende 20

Horror-Stufe: 8 von 10

Bevor ich in ein schönes und günstiges Zimmer in einer Zweier-WG in Berlin zog, traf ich mich mit meiner Vormieterin, um ihr ein paar Möbel abzukaufen, und fragte sie bei dieser Gelegenheit, wie mein neuer Mitbewohner so sei. Sie sagte, Paul (Name geändert) sei generell sehr entspannt und unkompliziert. Sie habe einen Putzplan eingeführt, aber ansonsten die vergangenen eineinhalb Jahre ohne Probleme mit ihm zusammengelebt. Auch seine Freundin sei sehr nett.

Nach meinem Einzug verlief die erste Woche auch sehr entspannt und ich fühlte mich sofort wohl. Eines Tages teilte mir Paul mit, dass er seine Freundin zum Abendessen eingeladen habe. An besagtem Abend verließ er genau zehn Minuten vor dem geplanten Eintreffen seiner Freundin das Haus, um Essen einzukaufen. Also öffnete ich ihr die Tür und bot ihr einen Tee an. Wir kamen ins Gespräch, aber relativ schnell hatte ich ein komisches Gefühl. Denn diese Freundin hätte mein Zwilling sein können, so ähnlich sah sie mir, und sie hatte sogar den gleichen Beruf wie ich. Erst fand ich das ein bisschen witzig, aber hatte dann das Gefühl, dass mich die Freundin überhaupt nicht mochte. Ihre Kommentare wurden immer schnippischer, bis Paul zurückkam und ich die beiden in Ruhe essen ließ.

Am nächsten Abend traf ich Paul in der Küche und er fragte mich, ob ich eigentlich einen Freund hätte. Ich steckte gerade in der Anfangsphase einer Beziehung, wollte aber nicht wirklich darüber sprechen, darum verneinte ich die Frage. Daraufhin sagte Paul, wenn ich mich einmal nach einer Umarmung sehnen würde, könnte ich mich gerne an ihn wenden. Ich fand diesen Vorschlag ziemlich schräg, reagierte abweisend und verließ das Zimmer. Ich sprach mit einer Freundin darüber und sie sagte, dass mein Mitbewohner das bestimmt nur rein freundschaftlich gemeint hätte.  

Paul sagte, ich bräuchte keine Angst zu haben, da er niemand sei, „der auf andere draufspringen würde“  

Am nächsten Tag aß ich in der Küche zu Mittag, als sich Paul zu mir setzte und mir von seinen Schwierigkeiten erzählte, als Akademiker einen Job zu finden. Außerdem gehe es ihm im Moment wirklich schlecht. Ich fragte ihn nach dem Grund für seine Stimmung, woraufhin er tatsächlich sagte: „Mir geht es im Moment nicht gut, weil ich zwar eine Freundin habe, aber ich finde, du bist attraktiver!“ Ich war fassungslos und gab ihm zu verstehen, dass es komplett daneben sei, so etwas zu sagen, zumal in einer WG. Er schien überrascht von meiner Reaktion – anscheinend hatte er erwartet, dass ich antworte: „Ich kenne dich zwar erst eine Woche, aber ich liebe dich auch und wir wohnen ja schon zusammen! Lass uns dein Zimmer als Schlaf- und meines als Wohnzimmer nutzen!“  

Die Tage danach waren die Hölle. Ich ging Paul aus dem Weg, er ging abends lange aus und eines Morgens fand ich ihn bei offener Tür halbnackt schlafend auf seinem Bett. Als wir uns einmal kurz begegneten, sagte er, ich bräuchte keine Angst vor ihm zu haben, da er niemand sei, „der auf andere draufspringen würde“. Damit war für mich die letzte Hoffnung gestorben, den Vorfall ignorieren zu können, und ich zog aus, so schnell ich konnte. In den Wochen danach hatte ich keine richtige Wohnung, Prüfungsphase an der Uni und Paul weigerte sich, mir meine Kaution zurückzuzahlen – kurzum: Es ging mir furchtbar.

Monate später, als ich das Ganze einigermaßen verdaut hatte, kontaktierte ich auch meine Vormieterin und erzählte ihr, was vorgefallen war. Daraufhin sagte sie, dass sie ein extrem schlechtes Gewissen hätte und sich bei mir entschuldigen müsste. Denn Paul hatte bei ihr die gleiche Masche abgezogen, ihr jedoch hoch und heilig versprochen, so etwas nie wieder zu machen. 

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym zu bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

 

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