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Foto: Joe Gardner / Unsplash; Bearbeitung: Janina Schmidt

Während meines Studiums habe ich in einer WG gewohnt. Zusammen mit Niki und Ludwig. Das Herzstück unserer Wohnung war die große Wohnküche, in der immer Zigarettendunst in der Luft hing. Dort verbrachten wir gemeinsame Wein-Abende, feierten Partys oder stritten, wenn jemand den Putzplan nicht einhielt. Das ganze Programm eben.

Vor gut drei Jahren sind wir nach und nach ausgezogen. Seitdem sehen wir uns selten, aber mindestens einmal im Jahr auf dem Christkindlmarkt in unserem alten Viertel. Als wir uns letztes Jahr dort getroffen haben, schwelgten wir in WG-Erinnerungen. Nach dem dritten Glühwein hatten wir so große Sehnsucht nach der früheren Wohnung, dass Niki vorschlug: „Dann gehen wir doch einfach hin. Ist doch gleich ums Eck.“

Wir haben das dann wirklich gemacht, wir sind da hingegangen. Und das empfehle ich jedem: Besuch deine alte Wohnung! In dieser halben Stunde habe ich mehr über mich und meine aktuelle Lebenssituation gelernt, als in den vergangenen drei Jahren. Denn jede Wohnung, die man mal bewohnt hat, ist ein besonderer Ort. Dort trifft das neue Ich auf das alte Ich, in einer gewohnten Umgebung, die dann plötzlich in ihrer Vertrautheit etwas Neues offenbart.

Ich fühlte mich, als wäre ich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist

Das Klingelschild fanden wir auf Anhieb. Ich weiß nicht mehr, was Niki zu der Stimme am anderen Ende gesagt hat – aber sie hat es geschafft, dass der Türöffner brummte. An der Wohnungstür im dritten Stock stand ein junger Kerl, Anfang zwanzig, mit zerzausten Haaren, einem Bartansatz und einer engen Röhrenjeans. Wir erklärten, dass wir die WG-Gründer waren und gerne mal wieder die Wohnung sehen würden. Etwas überrumpelt, aber auch amüsiert, ließ er uns hinein.

Und dann standen wir in unserer ehemaligen Wohnküche mit den altmodischen, aber sehr geräumigen Küchenschränken, dem kitschigen Gewürzkarussell und der von Niki handbemalten Eckbank. Es war alles noch da. Ich fühlte mich, als wäre ich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist. Auf der Eckbank saßen die beiden Mitbewohnerinnen und rauchten. „Hier hat sich ja nichts geändert. Wie immer qualmen die Mädels alles voll“, sagte Ludwig – denn genau das hatten Niki und ich auch immer gemacht.

 

Wir begannen, alles genauestens zu untersuchen. Die WG-Bewohner beobachteten uns und hörten interessiert zu. Denn zu jeder Entdeckung fiel uns eine kleine Anekdote ein. In den Schränken fanden wir unsere Töpfe mit dem Thermometer im Deckel, die wir gemeinsam auf dem Flohmarkt gekauft hatten. Die Alkoport-Aufkleber an Ludwigs Zimmertür klebten noch wie am ersten Tag. Bis heute weiß keiner, welcher von Ludwigs betrunkenen Kumpels sie da hingepappt hat. Sogar die robuste Hängepflanze über dem Tisch hatte mehr oder weniger überlebt. Sie kam damals schon mit sehr wenig Wasser aus. Ludwig schien recht zu haben: Es hatte sich tatsächlich nichts geändert.

 

Hier lebten neue Menschen mein altes Leben

 

Niki und ich sind mittlerweile Nichtraucher, aber schnorrten uns in der Küche eine Zigarette. Auf die alten Zeiten. Doch sie schmeckte gar nicht so richtig. Ich musste daran denken, wie oft wir nachts diskutiert hatten, wer jetzt zum Zigarettenholen geht. Keiner wollte raus. Und in dem Moment merkte ich, dass sich doch etwas verändert hatte: ich.

 

Hier stand ich, rauchend wie mein altes Ich, aber merkte, dass ich froh war, damit doch eigentlich aufgehört zu haben. Während sich der Qualm in der Küche verteilte, fiel mir außerdem auf, wie chaotisch und unordentlich es hier war – und dachte an mein sauberes, aber gemütliches Zuhause. Ich musste feststellen: Irgendwie war ich spießig geworden. Aber irgendwie fühlte es sich gut an.

 

Während der Zigarette erzählten uns die Bewohner aus ihrem Studentenleben. Es ging um Klausurvorbereitungen, Studentenpartys und die Frage, wann man zu verkatert ist, um eine Vorlesung zu besuchen. Plötzlich kamen sie mir jung vor. Oder kam ich mir alt vor? Ich hatte doch eben auch noch hier gewohnt! Hätte ich sie in einer gewöhnlichen Bar getroffen, wäre das nicht passiert, da wären wir uns auf Augenhöhe begegnet. Aber hier, in meiner alten WG, war das anders. Hier lebten neue Menschen mein altes Leben. Und ich merkte, wie alt dieses Leben wirklich schon war.

 

Ich bin da rausgewachsen

 

Natürlich ging ich auch in mein ehemaliges Zimmer. Wo früher mein Bett war, stand jetzt ein Schreibtisch und ihr Bett hatte die neue Mieterin in die Ecke beim Fenster gerückt, in der damals meine bunte Schlafcouch stand. An dem Fenster habe ich oft gesessen, und darauf gewartet, dass Stefan, meine damalige Affäre, anrief oder eine Nachricht schickte. Er hatte eine Freundin und mir versprochen, dass er sie verlässt. Ich habe ihm geglaubt und gewartet. Vergeblich. Damals war ich das wandelnde Elend. Aber als ich in meinem alten Zimmer stand, musste ich beim Gedanken daran lachen. Weil mir das so heute nicht mehr passieren würde. Ich bin da rausgewachsen. Aus dem Zimmer und daraus, auf jemanden zu warten, der mich gar nicht will.

 

Seit diesem Tag sehe ich mich selbst anders. Gut, ich bin vielleicht ein bisschen  spießig geworden. Aber ich weiß jetzt eben auch, dass ich mit beiden Beinen im Leben stehe. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Fast so schön wie nach ein paar Jahren wieder in der alten Wohnung zu stehen. Ich kann das nur empfehlen. Beides.

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