Freundschaft zwischen Schwulen und Hetereo-Typen heißt jetzt „bromosexuell“

Und das finden nicht alle Schwulen gut.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Johannes Englmann

Kofferwörter können was Feines sein. Sie fassen zwei Sachen zusammen, die irgendwie zusammen gehören, aber lange nur zwei einzelne Namen hatten. Das Kofferwort gibt ihnen einen gemeinsamen: Brunch. Mansplaining. Besserwessi. Brexit.

Vor Kurzem hat die New York Times ein Kofferwort in Umlauf gebracht, um das dann eine Diskussion entstanden ist: „bromosexuell“. Eine „bromosexual friendship“, heißt es im Artikel dazu, sei eine Freundschaft zwischen Männern, von denen einer hetero- und einer homosexuell ist. Und das sei neu. Oder genauer: werde gerade Mainstream. Das macht der Autor des Textes daran fest, dass solche Freundschaftspaarungen jetzt auch öfter in der Popkultur auftauchen (sein Beispiel dafür sind die in Deutschland eher unbekannte Serie „Scream Queens“ und die noch unbekanntere Reality-Show „Shahs of Sunset“, in denen solche Freundespaare eine Rolle spielen). 

Solche Freundschaften, sagt der Artikel, hätten viele Vorteile: Zum Beispiel, dass die beiden Jungs sich gegenseitig die besten Wing Men seien, also dem jeweils anderen ideal beim Flirten und Anbaggern beistehen könnten – und nicht etwa im Weg, was ja, wenn das Objekt der Begierde das gleiche ist, durchaus passieren könnte. Oder, dass man so eine andere Subkultur kennenlernen und offen für Neues bleibe, weil man Freunde habe, die anders tickten als man selbst.

Klingt bis hierhin ganz gut. Bis die Kritik kam. Nicht daran, dass Schwule und Heteros befreundet sind (immerhin), sondern am Wort. In einem schwulen Subreddit schrieb ein Nutzer, dass die Hetero-Homo-Freundschaft so zu einem „Phänomen“ hochgehypt und von anderen, „normalen“ Freundschaften unterschieden werde. Der Begriff „bromosexuell“ definiere eine Freundschaft allein über die sexuelle Orientierung. Und zwar nur, weil eine davon nicht hetero sei. Das sei so ähnlich, wie immer noch einen Unterschied zwischen „Ehe“ und „Homo-Ehe“ zu machen – obwohl das doch alles einfach Ehen seien.

Auch auf Twitter findet man Kommentare, die nach Augenrollen klingen: „Meine Hetero-Freunde werden sich freuen, dass es jetzt endlich einen Namen für unsere Freundschaft gibt“, zum Beispiel. Oder direkter: „Hört auf, uns in Gruppen einzuteilen.“

Und an sich haben die Kritiker ja Recht. Das Herausheben und Loben dieser Freundschaftspaarung erinnert ein bisschen an den seltsamen – auch vom Autor des NYT-Artikels erwähnten – Mythos von der Frau mit dem schwulen besten Freund. Eine Zeit lang war es unter Frauen ja mal sehr hip, sich einen homosexuellen Kumpel zu wünschen, weil mit dem sicher alles „ganz einfach“ sei (wegen keine Verknall-Gefahr) und er einen ja bestimmt „viel besser verstehen könne“. Was natürlich Käse ist, weil auch jeder schwule beste Freund ein komplexer Mensch ist. Und nicht nur schwul und sonst nix.

Weil das Internet aber zum Glück nicht immer nur  Krawallmedium ist, gab es auf Reddit auch wieder Gegenrede zur Gegenrede. Diese zum Beispiel: „Du übersiehst dabei, dass so eine Art von Beziehung noch vor einer Generation unmöglich gewesen wäre“, schreibt ein Nutzer. „Darum ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen und es zu feiern.“

Bestimmt gab es schon immer „Bromosexuelle“ – sie wussten nur oft nicht, dass sie welche sind

Und weil sich leichter feiern lässt, was man benennen kann, ist ein Begriff wiederum sehr nützlich. Ein Punkt, den auch der NYT-Artikel herausstellt: Homophobie, vor allem in ihren aggressivsten Varianten, war und ist oft von Männern gegen Männer gerichtet. Dass es jetzt öfter Freundschaften, also ein entspanntes Verhältnis zwischen Schwulen und Heteros gibt, und das auch in der Popkultur porträtiert wird, ist also ein Zeichen von Fortschritt. Und darf darum auch ruhig extra benannt werden. Um darauf aufmerksam zu machen. Damit es wirklich alle mitkriegen. Bis man nicht mehr darauf aufmerksam machen muss, weil es völlig normal ist.

Denn natürlich ist es so: Es gab die „Bromosexuellen“ schon immer – aber vor allem der heterosexuelle Teil wusste es oft nicht. Ein junger Lehrer sagte der New York Times, vor seinem Coming-Out sei eine seiner größten Ängste gewesen, dadurch seine männlichen Freunde zu verlieren. Denn – und damit wären wir wieder bei der männlichen Homophobie – das Vorurteil, schwule Männer könnten ihre Finger nicht von anderen Männern lassen, ist nicht nur sehr eklig, sondern leider auch sehr hartnäckig.

Und das macht ein Coming-Out, das sowieso schon schwer genug ist, nicht leichter. Auch vor den eigenen Freunden nicht. Oder gerade vor denen. Aber je größer die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität ist, desto mehr Menschen trauen sich, sich zu öffnen. Und dann gibt es auch mehr "Bromosexuelle", die wissen, dass sie welche sind.

Das neue Kofferwort ist also insgesamt wohl eher als Ehrung gemeint und nicht als Stigmatisierung. Und das ist gut. Bleibt ein kleines Problem: Es ist gar nicht neu. Den Begriff gibt es schon seit Jahren. Und wenn man zum Beispiel den Hashtag #bromosexual zurückverfolgt oder im Urban Dictionary nachliest, dann meinte er eigentlich immer: eine dicke Freundschaft zwischen Jungs, die von außen betrachtet auch eine schwule Beziehung sein könnte – aber nie-, nie-, niemals eine ist. „Bromosexual friendship“ war also ein Synonym für ein anderes, gängigeres Kofferwort: „Bromance“.

Aber irgendwie auch schön, wenn „bromosexuell“ ab sofort nicht mehr unbedingt bedeuten muss, dass zwei superheterosexuelle Freunde sich dauernd bestätigen müssen, dass sie beide superheterosexuell sind. Sondern wenn der Begriff jetzt gekapert wird und auch heißen kann: Hier sind ein schwuler und ein nicht-schwuler Typ befreundet. Und am schönsten wird es, wenn dann bald alle merken, dass man, wenn man von außen draufschaut, überhaupt nicht erkennen kann, um welche Art von „Bromosexuellen“ es sich bei den zwei Typen da drüben eigentlich handelt.

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