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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Ich fand alkoholfreies Bier immer furchtbar. Vor allem, weil es für mich unmittelbar mit den muskulösen Waden von Männern über 50 zusammenhing. Denn der einzige Ort, wo ich effektiv mit alkoholfreiem Bier konfrontiert wurde, waren in den ersten 18 Jahren meines Lebens Sportwettkämpfe. Und dort passierte immer das gleiche: Braun gebrannte Typen in engen Radlerhosen und Klickschuhen schoben ihr Rennrad zum Vereinsheim des lokalen Sportvereins auf irgendeinem Dorf. Klack, Klack, Klack machte es, wenn sie liefen, und ihre Wadenmuskulatur war angespannt. Sie stellten ihr Rad ab, gesellten sich zu Ihresgleichen. Kurz darauf reichten sie sich Flaschen mit einem hellgelben Getränk, gebraut irgendwo in Bayern, furchtbar isotonisch, mit vielen Vitaminen. Ein echter Kraftdrink für echte Sportler. Auf das Klack, Klack, Klack folgte das Klirr, Klirr, Klirr, wenn sie miteinander anstießen. Danach roch es überall nach Schweiß und nach Malz. Bah.

Ich war lange nicht mehr in Vereinsheimen und die Rennradmänner mit den durchtrainierten Waden sind aus meiner Wahrnehmung verschwunden. Doch die absolute Uncoolness von alkoholfreiem Bier, die habe ich verinnerlicht. Bis vor Kurzem. Plötzlich habe ich alkoholfreies Bier zu schätzen gelernt. Ganz ohne Rennrad, Radlerhosen und Schweißgeruch.

Ich google „Alkoholiker“ – und das ist wirklich deprimierend

Es gibt immer mal wieder den Moment, in dem man sein eigenes Trinkverhalten reflektiert. Waren die letzten fünf Abende mit Freunden in Kneipen und Clubs zu viel? Habe ich zu viel getrunken? Habe ich vielleicht sogar zu viel GESOFFEN? Wenn der Kater irgendwann kommt und der Körper kraftlos und schlaff auf dem Bett hängt und es ganz sicher nie wieder verlassen möchte, lautet die Antwort ganz klar: Ja! Doch es folgt immer der nächste Geburtstag, der nächste Stammtisch, der nächste irgendwas. Es gibt ja immer einen Anlass zu trinken. Manchmal macht mir das Angst. Ich google „Alkoholiker“ – und das ist wirklich deprimierend. Oft beschließe ich danach, beim nächsten Mal einfach nicht mitzutrinken. Aber Lust auf Bier habe ich trotzdem. Und nun?

Irgendwann passierte Folgendes: In der Ecke des Kiosk-Kühlschranks, vor dem ich unentschlossen hin und her wippte, standen verwaist und unberührt all die Biere ohne Alkohol. Fünf Sorten, Pils, Helles, Hefeweizen, 0%! Niemand schien sich in den letzten Tagen für sie interessiert zu haben. Das hat mir leid. Ich griff zu.

Resultat einige Stunden darauf in einer lustigen Runde: Mein erstes Alkoholfreies war fast leer. Es schmeckte super. Der Kronenkorken des zweiten flog kurz darauf durch die Luft. Seit diesem Abend macht mir alkoholfreies Bier Spaß. Es hat sich eine neue Welt eröffnet.

Endlich kann ich wieder experimentieren, wie damals, als ich noch nicht wusste, ob ich jetzt Pils- oder Schwarzbier-Trinker werden möchte. Denn um sich vom isotonischen Sportlerbier zum perfekten alkoholfreien Kneipengesöff vorzutasten, dauert es eine Weile. Ich musste und wollte mich ohne Beratung durch eine Menge Sorten probieren, die zu malzig, zu süß, zu „schmeckt nach gar nichts“ waren, habe in Bioläden, Discountern, Spätis und online (es gibt sogar alkoholfreie „Craft Beer-Pakete“ mit verschiedenen Sorten) nach neuen Entdeckungen gesucht, bis irgendwann die Erleuchtung kam. Das perfekte alkoholfreie Bier, ein herbes Pils einer Brauerei aus dem niedersächsischen Jever, das es glücklicherweise fast überall gibt, löste echte Glücksgefühle aus. Obwohl ich das alkoholhaltige Bier dieser Marke ansonsten gar nicht mag.

Beim Small Talk muss ich einfach die Flasche mit dem 0,0-Prozent-Aufdruck in der Hand halten

Wozu einen Kater und ein schlechtes Gewissen in Kauf nehmen, wenn’s auch ohne geht und so gut schmeckt? Noch viel lustiger ist, wie exotisch es für einige Menschen zu sein scheint, wenn jemand nachts auf einer Party oder in einer Kneipe alkoholfreies Bier trinkt. Wenn mir kein geeignetes Small-Talk-Thema einfällt, muss ich einfach die Flasche mit dem 0,0-Prozent-Alkohol-Aufdruck sichtbar in der Hand halten und die Leute springen darauf an. „Warum trinkst du so was?“, „Schmeckt das nicht total scheiße?“, „Für mich ist alkoholfreies Bier kein richtiges Bier!“ oder „Respekt, dass du keinen Alkohol trinkst“, sind die ersten Reaktionen. Danach muss ich einfach nur stehen bleiben und warten. Irgendjemand steigt sowieso in die Diskussion ein. Menschen dabei zuzuhören, wie sie betrunken über den Inhalt der Flasche in meiner Hand streiten, ist ziemlich unterhaltsam. Dafür lohnt sich die eigene Nüchternheit umso mehr.

Vor einigen Wochen habe ich mich geschämt. Ja wirklich, so richtig. Die Flasche mit dem 0,0-Prozent-Alkohol-Aufdruck umklammerte ich fest mit der Hand und dachte an die Rennradmänner. Eigentlich haben sie alles richtiggemacht damals im Vereinsheim. Ich war der Trottel mit den Vorurteilen. Seit einigen Tagen habe ich das Bedürfnis, eine Radtour zu machen und einen Kasten Alkoholfreies zu spendieren. Irgendwann wird es passieren. Es wird Klack und Klirr machen und nach Malz riechen. Wahrscheinlich wird mich dann irgendein Teenager uncool finden. Aber das ist mir egal.

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