Das Zugbier macht jede ICE-Fahrt schöner

Doch der Zauber des Zugrauschs ist nicht von Dauer.
Von Leonie Sanke

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Es ist Freitagabend, ich sitze im ICE von München nach Berlin, ein halbvolles Pils neben mir. Ich trinke Pils nur in Notfällen. Zum Beispiel, wenn der Kellner an der Theke im Bordbistro mir ein Weizen geben will, nachdem ich mit der Naivität einer Wahl-Münchnerin ein „Helles“ bestellt habe. Na gut, dann doch lieber Pils – immerhin 0,5 Liter. Nennen Sie mir einen Preis, egal, her damit. Denn nichts ist an langen Zugfahrten so schön wie das Zugbier.

Stolz auf meine sehr erwachsene Kaufentscheidung in diesem sehr erwachsenen Umfeld, trage ich mein Pils durch den schaukelnden ICE drei Waggons weiter zu meinem Platz. Selten habe ich so viele neidvolle Blicke erhascht. Der abschätzige Blick des sportlichen Fleecejacken-Trägers, der auf dem Platz neben meinem sitzt, kann mein Hochgefühl nicht trüben. Ich schiebe mich möglichst kontaktlos an ihm vorbei auf meinen Fensterplatz und nehme den ersten Schluck. Geschafft. So schlecht schmeckt Pils eigentlich gar nicht.

Schon die erste Pils-Hälfte lässt alles ein bisschen bedeutungsvoller erscheinen

Jetzt nimmt der Zauber des Zugbiers seinen Lauf. Die Landschaft im Dämmerlicht zieht noch ein bisschen schneller vorbei. Der weiche Nebel da draußen macht sich langsam auch in meinem Kopf breit. Dazu kommt ein Druck auf den Ohren, der stärker wird, während der Zug immer schneller fährt. Da ist er, der Zugrausch.

Ein halber Liter Bier hat natürlich nicht immer solche Auswirkungen auf meine Wahrnehmung. Aber wie jedes Bier nach einem langen Tag auf leeren Magen hat das abendliche Zugbier einen größeren Effekt als gewöhnlich. Und so lässt schon die erste Pils-Hälfte alles ein bisschen bedeutungsvoller erscheinen. Ich sitze nicht nur in einem Zug – ich bin auf einer Reise. Ich belausche nicht nur belanglose Zug-Gespräche – ich bin in genau diesem Moment tief verbunden mit meinen Mitreisenden. Selbst mit dem Fleecejacken-Träger. Ich sinniere über den Mikrokosmos ICE. Die ersten Roman-Ideen, die ich nie umsetzen werde, tauchen aus dem weichen Nebel auf und wieder ab. Vielleicht sollte ich mal einen Text darüber schreiben, warum das Zugbier so ein besonderes Bier ist. Ich öffne meinen Laptop und tippe die ersten Zeilen, die ich später stark überarbeiten muss. Spontane Anflüge von Kreativität gehören zu den schönen Effekten des Zugbiers. Auch wenn sich das, was dabei herauskommt, meistens nur für die Dauer des Zugrauschs einigermaßen genial anfühlt.

Der ICE-Rausch grenzt sich klar vom Regionalzugrausch ab

Ein echtes Zugbier holt man sich im Bordbistro. Denn zum gepflegten Zugrausch gehört auch, zu viel Geld für ein Getränk auszugeben, das man sich sonst nicht kaufen würde. Es geht ums Prinzip, nicht um den Rausch. Das Zugbier aus dem Bordbistro sagt: Ich bin jetzt erwachsen, ich gönn’ mir was. Das grenzt den ICE-Rausch klar vom Regionalzugrausch ab. Klar kann man sich auch im RE von Plattling nach Passau mit Dosenbier von Yorma‘s einlullen. Aber das ist etwas völlig anderes. Genau wie das Vorglühen mit 5,0er-Bier auf dem Weg zum Festival, das aus ganz anderen Gründen großartig sein kann. Denn eine Fahrt mit dem Regionalzug kann man sich kaum schön trinken. Nicht die mitfahrenden Junggesell*innenabschiede und Fußball-Fanclubs, nicht die überfüllten, stickigen Waggons, nicht die ständigen Stopps in wirklich jedem Kaff, die die Fahrt endlos erscheinen lassen. Im Regionalzug macht ein Bier rein gar nichts bedeutungsvoller – es macht die Fahrt höchstens verschwommener und noch anstrengender.

Doch auch der Zauber des „echten“ Zugbiers ist nicht von Dauer. Sobald man die ICE-Blase verlässt, endet er abrupt. Die leere Pils-Flasche, die nicht in den Tischmülleimer gepasst hat, fühlt sich plötzlich falsch an, als ich mit ihr in der einen und dem Rollkoffer in der anderen Hand in der S-Bahn stehe. Der Zauber ist verflogen, das Zugbier hat seinen Dienst getan.

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