Trinkt mehr Most!

Warum die Nation endlich den Äppelwoi für sich entdecken muss.
Von Sina Pousset

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

In der Großstadt fehlt es mir an nichts. Ich kann an einem trüben Sonntagmittag tanzen gehen, bis ein Uhr morgens in der Sauna sitzen und praktisch rund um die Uhr Falafel essen. An solchen Tagen fühlt sich die Stadt an wie eine reiche, exzentrische Tante, die mir von allem ein bisschen zu viel hinterher schmeißt. Nur eines nicht: Äppelwoi.

Was klingt, als hätte man es direkt von lallenden Lippen gerissen, ist das hessische Wort für Apfelwein, also vergorenen Apfelsaft, den man dort traditionell seit dem 17. Jahrhundert herstellt. „Äppelwoi“ sage ich, obwohl ich eigentlich aus einem benachbarten Bundesland komme, viel lieber als Most. Äppelwoi – damit ist alles gesagt. Bei der ersten Silbe kniet man schon im Kuhmist. Denn hier kommt kein feindestillierter Tropfen ins Glas, sondern ein Getränk, das einen Hauch Landluft und harte Arbeit umweht. Das „Woi“ lässt sich gegen später am Abend fast bis zur Unendlichkeit dehnen. „Äpplwoooooooi“ ruft man im Chor und versteht sich östlich von Köln wie blind: Gelobt sei der Apfelwein, komm, einer geht noch rein!

Man trinkt ihn auf Holzbänken, gequetscht an fremde Schenkel. Nicht beim Tasting im Schein einer Edison-Glühbirne

 

Ich komme aus dem Süden. Hier in Berlin, im Norden, versteht mich keiner. Während ich vom Äppelwoi träume, schenkt sich meine Barbegleitung im Schummerlicht noch ein bisschen Tonic nach. Und das tut weh. Besonders, wenn die Saison näherrückt. Im Herbst und im Sommer, ach eigentlich das ganze Jahr, trinkt man in Hessen traditionsgemäß Apfelwein, 34 Millionen Liter im Jahr. 45 Millionen Liter Apfelwein werden in Deutschland produziert – wo also trinkt man die restlichen elf?

Im Prenzlauer Berg, dem Ort, an dem der Individualismus seit geraumer Zeit seinen wohlgebetteten Tod stirbt, lese ich, probierte sich mal jemand an einer Cider-Bar. Es gibt mittlerweile auch „Craft Cider“, den Kenner nördlich von Frankfurt zwischen ihre Mateflaschen schieben. Aber um das klarzustellen: Äppelwoi wird entweder selbst gemacht, oder man schaut dem Menschen, der weiß, wo die Äpfel vorher hingen, zumindest beim Konsum direkt in die Augen. Er wird auch nicht in minimalistische Retrofläschchen reingezapft, sondern kommt im Gerippten (0,3l-Glas) oder im Bembel, dem hessischen Wort für den speziellen Apfelwein-Krug. Man trinkt ihn auf Holzbänken, gequetscht an fremde Schenkel. Nicht beim Tasting im Schein einer Edison-Glühbirne. Dafür ist Äppelwoi viel zu ehrlich. Wäre er ein Mensch, er hätte nur zwei T-Shirts im Schrank.

Mit dem ersten Glas Äppelwoi ist es wie mit der ersten Packung Zigaretten

Zu einer WG-Party brachte ein Freund von mir mal einen Kanister Apfelwein von seinem Opa mit, aus Äpfeln aus dem eigenen Garten. Der Woi war stark und sauer, ein bisschen wie eine Faust im Magen, für Äppelwoi also absolut perfekt. Äppelwoi ist kompromisslos: Man trinkt ihn entweder ganz oder gar nicht. Bier schmeckt danach zu bitter, Wein zu kompliziert und Schnaps zu herb. Dieser Alkohol will dich mit Haut und Haar – und nach dem ersten Glas ist klar: Du willst ihn auch. Er sticht ein bisschen in der Nase, schmeckt frisch, vertraut, fast nach Kindheit, bis dir die Gärung ihre Rauheit in die Kehle trägt. Mit dem ersten Glas Äppelwoi ist es wie mit der ersten Packung Zigaretten: Es dauert kurz, bis man sich an den Geschmack gewöhnt, und dann ist es schon zu spät.

Unter den klassischen Feierabendgetränken verdient Äppelwoi allemal einen Platz: Äppelwoi ist mit Sprudel mindestens so spritzig wie die Weinschorle und allemal spannender als Bier. Bei anderen Alkoholsorten hat man jenseits der 16 raus, wie man sie zu konsumieren hat. Man weiß, wie viele Halbe man verträgt, dass der vierte Gin Tonic meistens der allerletzte ist und dass man vom zweiten Glas Rotwein müde wird. Äppelwoi aber setzt alle Trinkregeln außer Kraft.

Ein Glas ist mal sanft und harmlos wie ein Tetrapack Apfelsaft, mal hart und brutal wie drei Ouzo. Äppelwoi lebt: Der Gärprozess, die Herstellung und auch die Apfelsorte bestimmen, wie viel Umdrehungen sich in Kopf und Magen schrauben. Irgendwas zwischen gefühlten null und dreißig Prozent (tatsächlich sind es eher vier bis sieben). Ich habe neben einem Krug Äppelwoi schon stocknüchtern ein Geschäftsessen absolviert und mich ein anderes Mal nach einem Glas still aufs Klo verabschiedet. Denn Äppelwoi kann auch abführend wirken. Besonders in Kombination mit Zwiebelkuchen. Das sollte aber wirklich niemanden abschrecken. Ist doch schön! Äppelwoi ist ein Alkohol, bei dem man sich in den Armen liegt und dann abwechselnd aufs Klo rennt – das verbindet mehr als jedes Champagner-High.

Andere Länder haben ihren Apfelalkohol bereits lieb: Cidre gibt es in Frankreich in jedem Supermarkt, in England kann man im Pub eine ganze Auswahl an Cider bestellen, frisch gezapft vom Fass. Nur Deutschland hat noch nicht verstanden, welcher Schatz hier in Gärten und auf Wiesen wächst. Es ist Zeit, dass die Nation sich dem Äppelwoi hingibt – und zwar kollektiv. „Apfelwein-Freaks werden mehr“, schrieb die Welt 2016. Also, Kinder, wo seid ihr? Ich bin bereit.

Wer Apfelwein googelt, erhält die Adresse der Hessischen Landesvertretung in Berlin. Ist nur zwanzig Minuten mit dem Rad von mir. Ich glaube, das ist ein Zeichen.

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