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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Shit, ich habe wieder einen erwischt. Vor drei Minuten lag mein Arm noch brüderlich auf seinen Schultern, meine ersten Spucketropfen waren vom „Du brauchs dringnd n Schnabbs“-Lallen auf seinem Gesicht gelandet. Und dann das. Der Satz, der die Porzellanvase in meinem Kopf zerdeppern lässt. Die Porzellanvase, die aus der Illusion getöpfert ist, dass ich meinen Arm ganz bestimmt um den richtigen Körper geschlungen habe: „Ich hab auch ohne Alkohol Spaß.“

Gut, ich hätte es wissen müssen. Seine Augen sind viel wacher als die der restlichen Suffköpfe, die hier im WG-Zimmer herumhängen. Da ist kein Lallen in der Stimme. Er grölt nicht. Keine Spucketropfen. Er zeigt alle Symptome eines Nüchternen, aber eben eines Nüchternen der besonderen Art: des „Ich hab auch ohne Alkohol Spaß“-Menschen.

Nicht falsch verstehen: Nichts ist schlimm an Nüchternheit. Im Gegenteil, ich bewundere jeden, der auf eine Party geht, feiert, Spaß hat, sich um seine besoffenen Freunde kümmert und am nächsten Tag katerlos aufwacht. Er ist ein Genie.

Der „Ich hab auch ohne Alkohol Spaß“-Mensch gehört aber im Allgemeinen nicht zu diesen Genies. Er geht auf eine Party, erzählt jedem, wie viel Spaß er ohne Alkohol hat, geht dann viel zu früh nach Hause und wacht ohne Kater auf. Aber eben auch ohne gefeiert zu haben.

Bei Mister Kein Schnaps hätte ich sofort wissen müssen, dass er keiner der Genie-Nüchternen ist. Ihm fehlte ihr Lächeln, ihre Lockerheit, ihre gute Laune. Ihre, sagen wir: souveräne Nüchternheit. Ich hätte das erkennen müssen. Ich war ja selbst oft genug wie er.

Angefangen hat es, als ich noch von Kaff zu Kaff musste, um auf Partys, beziehungsweise Besäufnisse zu gehen. Da war ich manchmal die Fahrerin und wurde zu einem „Ich habe auch ohne…“ – okay, das ist einfach zu lang, ich kürze ab: IhaoAS-Menschen. Ich saß auf diesen Partys am Rand, nippte am Wasser, unternahm vielleicht hin- und wieder den Versuch zu tanzen und ließ es schnell wieder bleiben, weil ich mir blöd vorkam, und floh also wieder zum Wasserglas und führte gezwungene Unterhaltungen.

Wer dauernd erwähnt, wie viel Spaß er hat, der hat meistens am allerwenigsten

Spaß war das nie. Aber mir das einzugestehen, war ich auch lange nicht in der Lage. Und deshalb wurde ich zum IhaoAS'ler, ohne es zu merken. Um mir zu versichern, dass ich vollkommen cool damit war, nichts trinken zu können, habe ich diesen Satz dauernd herausposaunt. Obwohl ich eigentlich nur eines wollte: meine soziale Unlust wegtrinken.

Wer dauernd erwähnt, wie viel Spaß er hat, der hat meistens am allerwenigsten. Es ist wie bei der lahmen Familienfeier, bei der man der  Oma bestätigt, dass man sich nicht zu Tode langweilt. Das Ich hab Spaß ist nicht nur für Omi eine Rückversicherung, sondern auch für einen selbst. Ich habe Spaß, ja, ich habe Spaß, soll das Hirn noch weiter vor sich hin denken, ganz nach dem kreativen Postkartenspruch: Wenn du glücklich sein willst, dann sei es. Zu beidem gehört halt leider mehr dazu, als ganz fest dran zu glauben.

Zum Beispiel Selbstbewusstsein. Das beweisen die Genie-Nüchternen, wenn sie auf der Tanzfläche abgehen und sich nicht drum kümmern, wie scheiße sie dabei aussehen. Auch hier, bei der Party: Drei Minuten, nachdem mein Arm auf den Kein-Schnaps-Schultern lag, schwingen meine beiden Arme jetzt durch die Luft, weit weg vom IhoASler auf dem Dancefloor (wenn man so die Boombox-beschallte Mini-Küche nennen kann). Und da tanzen nicht nur Besoffskis mit mir, sondern auch nüchterne Partypeople, und zwar volle Kanone. Aus deren Mündern höre ich mal Mitgegröle oder kurzen Tanzpause-Smalltalk, aber nie diesen Satz, den ich jetzt nicht noch einmal ausschreiben kann. Sie bringen fertig, was vielen schwerfällt: aus sich raus zu gehen, ohne besoffen zu sein.

Ich glaube: Tief in ihrem Inneren wissen die IhoAS’ler das alles. Sie wissen, dass sie sich nicht trauen und dass sie ohne Alk nicht richtig feiern können. Und weil das natürlich objektiv betrachtet eine recht traurige Erkenntnis ist, müssen sie ständig das Gegenteil behaupten.

Vermutlich tun sie es deshalb auch in einer Art, wie ich sie bei Mister Kein Schnaps auf der Party und bei vielen IhoAS’lern immer wieder wahrgenommen habe.

Der IhaoAs’ler stellt sein Glas Wasser zur Seite, dreht den Kopf etwas dramatisch zu seinem Gesprächspartner und sagt seinen Satz meistens in einer prahlerisch-überheblichen Arroganz, als würde er sagen: Also ich leiste ja Entwicklungshilfe in Afrika. Und betont dabei das „Ich“ so deutlich, dass auch klar ist: Du nicht. Deinetwegen sterben Kinder.

Dieser anklagende Unterton ist ein ziemlicher Partyzerstörer. Weil die Eifersucht auf die Genie-Nüchternen dann doch irgendwie durchschwingt, nominieren sich IhaoAS'ler mit ihrer schlecht versteckten Anti-Party-Stimmung automatisch auf jeder Feier zum unbeliebtesten Gast des Abends. Und gewinnen.

Rückblickend muss ich mein besoffenes Ich also korrigieren: Mister Kein Schnapps braucht keinen Schnaps. Er braucht das, was die haben, die da nüchtern um mich herumgegroovt sind.

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