Was dein persönlicher Nie-Wieder-Drink über dich aussagt

Ob Tequila, Malibu oder Berliner Luft: Jedes Trink-Trauma hat seine eigene Geschichte. Eine Typologie.
Von Sina Pousset

Illustration: Federico Delfrati

Sambuca, Korn, Bananenschnaps: Jeder hat ihn, diesen einen, fiesen Alkohol, von dem man an einem verheißungsvollen Abend mal zu viel gekippt hat. Mit dem Nie-Wieder-Drink ist es wie mit der ersten Trennung: Jeder muss da durch und immer tut es weh. Gründe für den Übersuff gibt es viele – Herzschmerz, Feierstimmung oder jugendlicher Leichtsinn. Meistens ist das Trink-Trauma allerdings ein Relikt aus früheren Zeiten, in denen man großzügig mit Alkohol experimentiert hat. Aber auch erfahrene Trinkerinnen und Trinker kann der Übersuff erfassen, zum Beispiel im Urlaub oder bei Junggesellenabschieden.

Am Morgen erwacht man dann mit dem fettesten Kater der Welt. Und der Gewissheit: Nie wieder Sambuca/Tequila/Malibu! Zurück bleibt nur der das unverkennbaren Aroma dieses einen Alkohols – gemischt mit Galle. Und ab sofort reicht dieser Geruch, um das Trauma der Nacht heraufzubeschwören. Manchmal hält das Trauma ein ganzes Leben lang. Und das ist gewissermaßen überlebensnotwendig. Denn der Traumadrink lehrt die erste und wichtigste Lektion des Alkoholkonsums: Trinke nur in Maßen. Welcher Drink dich fürs Leben versaut hat, sagt allerdings auch viel über dich aus:  

Nie wieder Malibu-Rum:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Auf der ersten Hausparty deines Lebens reicht dir ein Typ mit Milchgesicht einen Plastikbecher: „Hier – voll lecker!“ Du nippst und denkst: „Supi! Endlich ein Alkohol, der wie meine Lieblings-Caprisonne schmeckt!“ Am Ende sind alle Ananassaft-Tetrapacks aufgebraucht und du und das Milchgesicht kippen den Malibu pur. Aber da stört es schon keinen mehr.

Fühlt sich an wie: Auf einer Insel gestrandet sein. Kurz denkst du, du bist im Paradies. Dann merkst du, dass im Wasser schon die Haie um dich kreisen.

Das sagt er über dich aus: Unter der Dusche singst du bis heute Britney Spears.

Dauer des Trink-Traumas: 3-5 Jahre. Dann bist du aber eh so alt, dass keiner mehr Malibu trinkt.

Wie du drüber wegkommst: Bei einem Backpacking-Trip nach Indonesien. Echter Kokossaft schmeckt ja sooo lecker!

Nie wieder Berliner Luft:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Auf der Stufenfahrt nach Berlin wollt ihr mal so richtig eskalieren. In irgendeiner Eckkneipe bestellt dann jemand diesen Underground-Drink, den bestimmt nur Berliner kennen. Das findest du so cool, dass du sogar den Hustenreiz unterdrückst, den dir das Pfefferminzaroma augenblicklich in die Brust treibt. Obwohl ihn wahrscheinlich alle eklig finden, bestellt ihr zu jeder Runde einen Shot. Ihr seid ja schließlich in Berlin!

Fühlt sich an: als würde dir ein jemand Wrigleys-Spearmint-Sirup in die Kehle gießen.

Das sagt er über dich aus: Du bist nicht underground, du elender Mitläufer!

Dauer des Trink-Traumas: Ein Leben lang.

Wie du drüber wegkommst: Beim nächsten Berlinbesuch nur noch teuren Naturwein ohne schädliche Zusätze trinken.

Nie wieder Sekt:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Neujahr 2016, du bist gerade frisch getrennt. Aber heute beginnt dein neues Leben! Zum Beweis umklammerst du ab Mitternacht die Pulle Sekt wie deinen zukünftigen Traumpartner. Und lässt erst los, wenn die Flasche vollkommen leer ist. Mit jedem prickelnden Schluck lernt dein schweres Herz endlich wieder fliiiiegen. Du schwebst direkt in deine sektgoldene Zukunft und niemand, absolut niemand, wird dich davon abhalten. Auch nicht diese doofen Metalldinger, die sich dir auf dem Weg zum Club immer wieder in den Weg stellen.

Fühlt sich an wie: Ein Feuerwerk im Mund. Und dann wie ein Hydrant im Magen.

Das sagt er über dich aus: Herzlichen Glückwunsch: Du bist Hedonist.

Dauer des Trink-Traumas: Circa ein Jahr.

Wie du drüber wegkommst: Neue Liebe, neues Glück.

Nie wieder Whisky:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Junggesellenabschied in Edinburgh. Beim dritten Whisky-Tasting in der Altstadt könnt ihr Torf- nicht mehr von Sherry-Aroma unterscheiden. Aber der Schotte mit Bart sieht so nett aus, dass einer von euch trotzdem den 80€-Whisky kauft. Auf dem Weg ins Hotelzimmer merkt ihr dann: Der darf auf eurem Billig-Rückflug am nächsten Morgen ja gar nicht mit ins Handgepäck. „Fuck it“, denkt ihr. Bis zum Flug um 4:40 Uhr sind’s eh nur noch drei Stunden.

Fühlt sich an wie: Langsames Ersticken vor einem heißen Kamin.

Das sagt er über dich aus: Du würdest für deine Freunde locker deine Niere spenden. Nur mit der Leber wird es schwierig.

Dauer des Trink-Traumas: 3-5 Jahre

Wie du drüber wegkommst: Whisky Sour!

Nie wieder Aperol Spritz:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: 14 Uhr, eine Strandbar irgendwo an der Adria. Du sitzt haselnussbraun in einem Leinenkleid am Meer, dein Dauerlächeln wird von der Sonne eingebrannt. Alle Menschen um dich herum sind schön, braun und noch unbeschwerter als du, denn vor ihnen steht ein orangefarbener Drink. Den! Willst! Du! Auch! Als du dich später gegen 18 Uhr erhebst, findest du den Weg zu deinem Airbnb nicht mehr. Aber egal. Diese Nacht und der Sommer sind noch lang.

Fühlt sich an wie: Seekrank auf der Luxusyacht.

Das sagt er über dich aus: Du solltest mal Elena Ferrante lesen.

Dauer des Trink-Traumas: Bis zum nächsten Urlaub.

Wie du drüber wegkommst: In einer Hafenstadt am Mittelmeer, in der alle Campari-Soda trinken.

Nie wieder Eierlikör:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Beim Kistenpacken kurz vorm Auszug zerrst du eine verstaubte Flasche aus dem Küchenregal, die irgendwer mal zu einer WG-Party mitgebracht hat. Sie ist randvoll. Um das Zeug in den Abfluss zu gießen, bist du viel zu gut erzogen. Mit der Schrankleiche umziehen willst du aber auch nicht. Du rufst die WG zusammen, die den Besitz kollektiv abstreitet. Es hilft nichts: Bei der letzten Nebenkostenabrechnung haut ihr die Flasche weg.

Fühlt sich an wie: Weihnachten bei Oma.

Das sagt er über dich aus: Du bist pflichtbewusst bis zur Selbstaufgabe.

Dauer des Trink-Traumas: Bis ins Rentenalter. Dann schmeckt er auf einmal wieder richtig gut.

Wie du drüber wegkommst: Deine Oma trinkt Eierlikör zum Glück auch gern allein.

Nie wieder Tequila:

Illustration: Federico Delfrati

Die Situation: Beliebige Abendveranstaltung im Alter zwischen 16 und 26. Alle sind gemütlich beim zweiten Bier, da stellt irgendwer die Flasche mit dem Hütchen auf den Tisch. Lautes Grölen. Das Trinkspiel „Never Have I Ever“ beginnt. Als nächstes hast du eine Scheibe Zitrusfrucht in der Hand und schaust doof in die Runde. Denn der Fragesteller hat Recht: Du hast tatsächlich schon mal in die Dusche gepinkelt, haha! Vor lauter Konzentration, wie man Zitronenscheibe, Salz und Shot am besten balanciert, vernachlässigst du ganz, dass bei dir gerade die Lichter ausgehen. So trinkst du dich von Rot über Gold die Getränke-Ampel runter, bis du vergisst, was zuerst kommt: Salz, Shot oder Zitrone. Aber macht nix. Tequila ist ein Event-Alkohol, der knallen muss.

Fühlt sich an wie: Eine Achterbahnfahrt zum Mond.

Das sagt er über dich aus: Du bist wahrscheinlich einer von den Menschen, die bei der WM das Fähnchen schwingen, ohne einen Spielernamen zu kennen.

Dauer des Trink-Traumas: Komplette Adoleszenz.

Wie du drüber wegkommst: Beim Mexikaner, notgedrungen.

  • teilen
  • schließen