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„Geld alleine ist nicht böse“

Aya Jaff hat ein Buch über die Börse geschrieben. Sie findet, dass wir uns alle mit der Finanzwelt auseinandersetzen müssen.
Interview von Nadja Schlüter
aya jaff kevinmuenkel cover

Mit ihrem Buch wolle sie den Leser*innen nicht erklären, wie sie schnell reich werden können, sagt Aya, sondern ihnen zeigen, wie ihr eigenes Leben und die Börse zusammenhängen.

Foto: Kevin Münkel

Aya Jaff, 24, ist vieles auf einmal: Unternehmerin, Gründerin, Coderin, Aktionärin, Studentin der Sinologie und Ökonomie. Mit 16 Jahren hat sie angefangen zu programmieren und das Börsenspiel „Tradity“ mit entwickelt, 2015 verbrachte sie mit einem Forschungsstipendium sieben Wochen im Silicon Valley und 2019 war sie eine der „30 unter 30“ auf der Forbes-Liste. Nun kommt zu ihren vielen Rollen noch die der Buchautorin dazu: Am 4. Mai erscheint „Moneymakers“. Anhand von Alltagsbeispielen, Anekdoten, Geschichte und einer Liste berühmter reicher Menschen – der „Moneymakers“ – erklärt Aya darin, wie der Handel mit Aktien funktioniert und warum er mehr mit unserem Leben zu tun hat, als viele denken.

Im Moment ist Aya bei ihren Eltern in Nürnberg, dort verbringt sie mit ihrer Schwester die Zeit der Corona-Ausgangssperre. Die Lesetour für das Buch muss ausfallen, ebenso eine geplante Reise zu einer Nachhaltigkeitskonferenz in Simbabwe. Beim Gespräch über Skype klingt Aya aber trotzdem gut gelaunt und sehr optimistisch.

jetzt: Aya, würdest du aktuell empfehlen, in Aktien zu investieren? Die Weltwirtschaft ist in der Corona-Krise ja sehr instabil.

Aya Jaff: Das ist eine gute Frage, die ich gerade auch oft im Freundeskreis gestellt bekomme. Ich sehe mich allerdings nicht in der Position, Empfehlungen geben zu können, weil ich kein Aktienprofi bin. Was ich aber sagen kann: Es sind so viele Leute an der Börse aktiv und da stecken so viele Themen drin, dass es fast unmöglich ist, dass du dich da nicht wiederfindest. Wenn du dir also generell die Frage stellst, ob du in Aktien investieren solltest, dann beschäftige dich einfach mal damit – aber nicht aus dem Wunsch heraus, reich zu werden, sondern, um die Welt um dich herum besser verstehen und einordnen zu können. Und vielleicht, ganz vielleicht, kannst du dann auch ein eigenes Vermögen aufbauen.

Und wenn jemand sagt: „Ich habe überhaupt keine Lust mich mit dem Thema Börse auseinander zu setzen“, wie reagierst du dann?

Wenn ich meinen Freunden gesagt habe: „Du musst dich damit beschäftigen“, haben sie meistens noch mehr Widerstand aufgebaut. Deswegen habe ich in meinem Buch auch versucht, mich eher spielerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. 

Inwiefern?

Ich möchte die Popkultur, die man eh schon kennt, in den Kontext der Börse setzen: „Wolf of Wallstreet“ kennt jeder – aber wer ist dieser Jordan Belfort, warum ist der kein gutes Vorbild, warum ist die Finanzkrise passiert und so weiter? Und dann nenne ich Menschen, die man auch aus der Popkultur kennt und von denen man sich inspirieren lassen kann. Für mich war das eine wichtige Erfahrung, als ich sehr jung war. 

„Man kann sein Depot so aufstellen, dass es den eigenen Charakter widerspiegelt“

Wie bist du denn auf das Thema Börse und Finanzen gestoßen?

Über die Forbes-Liste mit den reichsten Menschen der Welt. Ich habe immer verstanden, warum Bill Gates draufsteht, denn ich kannte Microsoft, oder Jeff Bezos, denn ich kannte Amazon. Aber Warren Buffett war mir ein Rätsel, ich habe mich gefragt: Was macht diesen Mann so reich? So bin ich in diese Themen reingestolpert: Aktien, Investments, Unternehmen.

Du willst also dem Bild des „bösen Aktionärs“, das man aus der Popkultur kennt, etwas entgegensetzen. Aktuell gibt es eher Negativbeispiele: Hedgefonds-Manager haben mit der Corona-Krise Geld gemacht, weil sie auf fallende Kurse gewettet haben. Das ist moralisch mindestens fragwürdig, oder? 

Ja, klar! Es gibt Menschen in der Finanzwelt, bei denen man sich nur fragen kann: „Alter, was sind das eigentlich für Arschlöcher?“ Aber in jeder Branche gibt es schwarze Schafe, die man nicht für das Ganze verantwortlich machen sollte. Geld alleine ist nicht böse und man kann sein Depot so aufstellen, dass es den eigenen Charakter widerspiegelt.

Zum Beispiel?

Wenn ich an Nachhaltigkeit glaube, kann ich in Unternehmen investieren, die Clean Energy vorantreiben. Wenn ich mich nicht für Daytrading interessiere und nicht die ganze Zeit fanatisch Aktienkurse checken möchte, kann ich auch langfristig an die Sache rangehen, eine ausgeruhte Entscheidung treffen und mein Geld irgendwo fünf Jahre drinlassen. Es gibt nicht den Trader, sondern jeder kann ein Trader sein: Kommilitonen, Influencer, meine Oma.

Wie muss ich mir dich als Traderin vorstellen? 

Ich hole meine Aktien-App nur raus, wenn ich bestimmte News lese und mir denke: „Ich sollte jetzt in diese Aktien investieren, weil ich das Gefühl habe, da wird was draus.“ Ansonsten lasse ich die Finger davon, viel Geld in einzelne Sachen zu stecken. Ich finde, dass vor allem ETFs Sinn machen, die viele Aktien bündeln und mit denen ich auch in verschiedene Branchen investieren kann. Gerade interessiere ich mich vor allem für nachhaltige Energie, weil ich Teil der Generation „Fridays for Future“ bin. Ich glaube, dass die Welt sauberer werden muss und Unternehmen, die daran arbeiten, auch auf lange Sicht einen Aufschwung erfahren werden, mein dort investiertes Geld also nicht irgendwann komplett verschwindet.

„Ich glaube, dass man sich dem Kapitalismus stellen muss, wenn man ihn kritisiert“

Die Klimaschützer*innen, die mit „Fridays for Future“ auf die Straße gehen, sind oft sehr kapitalismuskritisch. Wie willst du die davon überzeugen, dass Kapitalismus und Nachhaltigkeit kompatibel sind? 

Der Kapitalismus hat seine Fehler und ich bin dem System gegenüber auch kritisch. Aber was kann ich denn heute und als einzelner Mensch machen? Ich kann auf der Straße protestieren, aber ich kann auch Entscheidungen für meinen Lebensstil treffen. So, wie wir uns entscheiden, vegetarisch zu leben, können wir auch über unsere Geldanlagen entscheiden und sagen: Ich investiere nicht in Kohle, sondern in Nachhaltigkeit. Und ich glaube, dass man sich dem Kapitalismus stellen muss, wenn man ihn kritisiert. Luisa Neubauer und Greta Thunberg wissen doch sicher sehr genau, was die Wall Street ist und welche Konsequenzen es hat, wenn Blackrock sagt, dass sie in Zukunft vor allem in Unternehmen investieren wollen, die einen nachhaltigen Ansatz verfolgen.

Die Börse ist männlich dominiert und als Gründerin und Programmiererin bist du ebenfalls in Bereichen unterwegs, in denen Frau in der Unterzahl sind. Suchst du dir diese Branchen extra aus?

Nein. Ich hatte früher nie das Gefühl, dass ich nicht genauso wie ein männliches Vorbild sein kann. Dass es da ein Problem gibt, habe ich erst später bemerkt, als ich bei Tech-Konferenzen teilweise die einzige Frau war – oder die einzige, die keine Kellnerin war oder nicht in einem aufreizenden Outfit das Produkt vorgestellt hat. In der Finanzwelt ist das sogar noch schlimmer. 

Inwiefern? 

Da sind noch mehr Männer. Und: alle Männer in Anzügen. In der Tech-Welt laufen die ja auch mal mit Hoodie rum und sind mir ähnlicher, aber in der Finanzwelt hatte ich erstmal gar keinen Bezug zu den Leuten.

Wie hast du den Bezug gefunden?

So, wie ich es auch im Tech-Bereich gemacht habe: Ich habe Frauen gesucht und gefunden, die dieselben Interessen haben. In der Tech-Welt hab ich Programmier-Clubs gegründet, in denen hauptsächlich Mädchen waren. Und im Finanzbereich habe ich zum Beispiel bei der Entwicklung des Börsenspiels „Tradity“ dafür gesorgt, dass die Werbung auch Frauen anspricht: Da sollte kein Mann im Anzug auftauchen und nicht das typische Bild von „Zahlen, Macht und Wettbewerb“ vermittelt werden.

Du zitierst in deinem Buch eine Untersuchung, die ergeben hat, dass Frauen rentabler und nachhaltiger investieren. Woran liegt das?

Ich glaube, dass uns da ein Vorurteil in die Hände spielt, das wir internalisiert haben: dass Frauen nicht so risikofreudig sind. Wir gehen das „dumme Risiko“ nicht ein, sondern informieren uns vorher sehr gut. Denn wenn wir Fehler machen, wird schnell gesagt: „Wusste ich doch, dass diese Frau das eh nicht kann!“

In deinem Buch erzählst du außerdem die Geschichten verschiedener „Moneymaker*innen“, wie du diese Unternehmer*innen und Trader*innen nennst. Welche*r davon beeindruckt dich besonders?

Wenn ich jemanden hervorheben muss: Warren Buffett finde ich konsistent seit sechs Jahren cool.

Warum?

Weil er sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Zum Beispiel sind in den vergangenen Jahren viele Menschen mit Crypto-Währungen reich geworden, aber Buffett sagt: Ich verstehe die Technologie dahinter nicht, darum lasse ich die Finger davon. Und damit ist die Sache für ihn gegessen. Das finde ich wirklich cool, denn es zeigt: Wenn du von etwas keine Ahnung hast, dann musst du es auch nicht in dein Portfolio aufnehmen. 

„Unmoralisch wird es in dem Moment, in dem du jemandem ein falsches Versprechen machst“

Kylie Jenner ist auch in deiner Liste. Viele nehmen Influencerinnen wie sie nicht ernst, aber du schreibst, dass auch das eine berechtigte Art sei, Geld zu verdienen. Welchen „Wert“ erschaffen Influencer*innen denn? Und wo hört für dich die Berechtigung zum Geldverdienen auf?

Unterhaltung ist doch auch ein sehr großer Wert! Ich finde, man darf das nicht so verteufeln – ja, Kylie Jenner zieht sich halbnackt aus und zeigt ihre aufgeplusterten Lippen, aber das ist halt ihre Art, mit der sie ja anscheinend viele Leute anspricht. Unmoralisch wird es in dem Moment, in dem du jemandem willentlich und wissentlich ein falsches Versprechen machst und ihm das Geld aus der Tasche ziehst. So, wie es in der Finanzkrise passiert ist. 

Du hast dein Buch fertig geschrieben, bevor die Corona-Pandemie unsere Welt auf den Kopf gestellt hat. Wenn du jetzt nochmal von vorne anfangen könntest, würdest du ein anderes Buch schreiben?

Überhaupt nicht, ich würde alles genauso machen. Denn in jeder Krise stürzen Kurse ab, aber jede Krise geht auch vorbei. Darum gilt, was an der Börse immer gelten sollte: Ruhe bewahren, experimentierfreudig bleiben, sich informieren, und schauen, welche neuen Entwicklungen es gibt.

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