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Abhängig von den Eltern – trotz eigenen Jobs

Eine Kindergärtnerin, eine Physiotherapeutin und eine Studentin erzählen, wie es ist, als Erwachsene noch immer auf das Geld der Eltern angewiesen zu sein.
Von Sara Tomsic
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Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Foto

Anne sitzt auf einer Bank, neben ihr eine kleine grüne Spielzeugschaufel und ein Eimerchen, ihre Tochter Leonie sitzt im Sandkasten und formt „Schildkrötenkuchen“. Die 29-Jährige ist alleinerziehend, über den Vater ihrer Tochter will sie nicht reden. Über ihre Geldsorgen spricht sie schon offener – Aber es soll trotzdem nicht jeder wissen, dass gerade sie so viele davon hat. Sie heißt daher in dieser Geschichte anders als im echten Leben, genau wie alle anderen Protagonistinnen und Protagonisten. Ihre Augen sind müde, ihr Pferdeschwanz ein bisschen verwuschelt. Anne ist Kindergärtnerin, sie arbeitet seit ein paar Monaten wieder und verdient 1150 Euro netto im Monat, fast die Hälfte davon geht für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung drauf. Ihr Job ist befristet. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. 

So wie Anne geht es vielen jungen Leuten, die in den vergangenen Jahren einen sozialversicherungspflichtigen Job antraten. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben im Jahr 2019 mindestens 32 Prozent aller Neuangestellten nur einen befristeten Vertrag erhalten (PDF zur Studie). Besonders betroffen sind Arbeitnehmer*innen zwischen 25 und 39 Jahren, 37 Prozent von ihnen begannen ihre Jobs mit befristeten Verträgen. Bei den unter 25-Jährigen waren es 33 Prozent. Frauen sind dabei häufiger befristet angestellt als Männer, diese Beobachtung ließ sich auch schon in den vergangenen Jahren machen.

Befristung und schlechte Bezahlung sind Probleme, die eine ganze Generation umtreiben. Nicht nur in Deutschland: Eine 2016 veröffentlichte Studie des Guardian zu Gehältern weltweit fand heraus, dass junge Menschen der Generation Y heute deutlich weniger verdienen als Gleichaltrige vor 30 Jahren. Früher hatten die Jungen mehr Geld zur Verfügung als der Landesdurchschnitt. Heute haben sie bis zu 19 Prozent weniger. Immerhin kommt Deutschland im Gegensatz zu anderen untersuchten Ländern nicht ganz so schlecht weg. Hier sind die verfügbaren Einkommen der 25- bis 29-Jährigen im Vergleich zum landesweiten Durchschnitt „nur“ um fünf Prozent gesunken.

400 Euro bekommt Anne jeden Monat von ihren Eltern dazu. Sie sagt: „Ich streite mich oft mit ihnen darüber, wie ich das Geld ausgebe“

Die Geldsorgen junger Leute ziehen sich durch verschiedenste Lebenssituationen (Ausbildung, Studium, erste Jobs) und machen vor allem eines: abhängig von den Eltern. Anne ist immer noch auf deren Unterstützung angewiesen. „Jedes Jahr dachte ich mir: Bald wird es besser.“ Wurde es aber nicht. 400 Euro bekommt Anne jeden Monat von ihren Eltern dazu. Der Beziehung tut das schon lange nicht mehr gut. „Ich streite mich oft mit ihnen darüber, wie ich das Geld ausgebe. Sie mischen sich ständig ein, das ist die dunkle Seite dieses Deals“, sagt sie. Anne ist angewiesen auf das Geld. Das weiß sie. Sie pult ein Holzstück aus der Bank, auf der sie sitzt, und kratzt damit Kreise in die Sitzfläche. „Manchmal macht mich das echt krank“, sagt sie. „Ich frage mich oft: Was bin ich für eine Mutter, wenn ich nicht mal allein für mein Kind sorgen kann?“

Wenn andere Mütter über teure Kinderschuhe, musikalische Früherziehung oder Urlaub sprechen, kann Anne nur danebenstehen und verlegen lächeln. Für sie ist all das nicht im Budget. Solche Situationen sind Anne unangenehm. „Noch unangenehmer ist es aber, wenn meine Mutter auch vor den Augen meiner Tochter immer alles bezahlt: Eis, Kleidung, Zooeintritt.“ Anne ist überzeugt davon, dass die vierjährige Leonie das mitkriegt.

Geld von den eigenen Eltern zu bekommen, kann vieles bedeuten: Liebesbeweis und Sicherheit oder Demütigung und Abhängigkeit

Vor einigen Wochen waren Anne, Leonie und Annes Mutter in der Stadt. Die Kleine tapste neben dem Kinderwagen her. Zu dritt kamen sie an einem Spielwarenladen vorbei. Leonie entdeckte einen Teddybären, der ihr gefiel. „Anstatt mich zu fragen, hat sie an ihrer Oma gerüttelt, auf den Teddy gezeigt und gefragt, ob sie den haben darf“, sagt Anne. 

Geld von den eigenen Eltern zu bekommen, kann vieles bedeuten: Liebesbeweis und Sicherheit oder Demütigung und Abhängigkeit, manchmal alles gleichzeitig. Rational gesehen, ist es ein Anzeichen für ein krankendes System, das einer Generation viel verspricht und wenig hält. Das Geld der Eltern anzunehmen, ist für viele junge Menschen die einzige Möglichkeit, ihr Leben zu finanzieren. Gleichzeitig hilft es jedoch, ein System aufrechtzuerhalten, das jungen Berufstätigen die Möglichkeit nimmt, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Hannah Neumann ist 24 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr als Physiotherapeutin. Ihre Ausbildung haben ihre Eltern finanziert, sie hat 16.200 Euro gekostet. Hannah wohnt mit ihrem Freund in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, für die sie warm 730 Euro im Monat zahlen. Netto verdient Hannah 1217 Euro. „Neben den Bauingenieuren und Beamten in meinem Freundeskreis komme ich mir manchmal wie ein Mängelexemplar vor“, sagt sie. Große Urlaube oder Sparen? Das ist nicht drin. Die Reparatur der Waschmaschine, die Stromnachzahlung, die Zahnbehandlung – unvorhergesehene Kosten übernehmen Hannahs Eltern für sie.

Geplant war, den Eltern das Geld für die Ausbildung zurückzuzahlen. „Das kann ich vergessen“, sagt Hannah

Als sie ihre Ausbildung begann, war Hannah überzeugt von ihrem Beruf. Überzeugt genug, um 16.200 Euro ihrer Eltern dafür zu investieren. Heute, mit Mitte 20, kommen ihr manchmal Zweifel. „Meine Branche ist eine einzige Ausbeuterei. Das ganze Gesundheitssystem hinkt“, sagt sie. Es gehe ihr nicht um Luxus, sondern um ein sorgenfreies Leben und angemessene Entlohnung ihrer Arbeit. Ob sie sich manchmal schlecht gegenüber ihren Eltern fühlt? „Klar, immer“, sagt sie. „Am Anfang war geplant, dass ich das Geld Stück für Stück zurückzahle.“ Sie schnaubt. „Pff. Das kann ich vergessen.“ Ihre Eltern sagen, das sei kein Problem. Für Hannah ist es eins. Es gehe um ihren Stolz, sagt sie. „Aber nicht mal den kann ich mir grade leisten.“

Damit sich das ändert, hat Hannah eine Ausbildung zur Yogalehrerin angefangen. „Ein zweites Standbein kann nicht schaden. Ich will endlich finanzielle Sicherheit.“ Auch diese Ausbildung kostet Geld. Dieses Mal zahlt sie selbst.

Nicht nur jungen Berufstätigen geht es so wie Anne und Hannah. Die Geldsorgen beginnen oft schon vorher. So hat die Studentin Clara jetzt schon Angst vor dem Schritt ins Berufsleben. Sie wird von den eigenen Eltern finanziell unterstützt. Eine Erhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016 ergab, dass es vielen so geht. (PDF der Studie) 86 Prozent der Studierenden, die in diese Berechnung miteinbezogen wurden, bekommen Finanzspritzen von den Eltern (nicht aufgenommen wurden in die Ergebnisse Verheiratete, Teilzeit- und Zweitstudierende sowie Studierende, die noch bei den Eltern wohnen). Auch mehr als 60 Prozent der Azubis bekommen während der Ausbildung trotz Gehalt noch Geld von ihren Eltern. Das hat ein Azubireport 2016 herausgefunden. Und vermutlich hoffen sie alle, dass sich mit dem ersten „richtigen“ Job dann alles ändert.

Clara dreht an ihrem Ehering. „Als ich jünger war, dachte ich immer: ‚Wenn ich eines Tages verheiratet bin, bin ich richtig erwachsen‘“, sagt sie. Mit „richtig erwachsen“ meinte ihr damaliges Teenager-Ich vor allem: finanziell unabhängig. „Aber das ist jetzt eben nicht so.“

Dass sie sich irgendwann leisten kann, Kinder zu haben, bezweifelt Clara

Sie ist 27 Jahre alt und wünscht sich Kinder. Viele. Und eigentlich bald. Dass sie sich die irgendwann leisten kann, bezweifelt sie. „Ich möchte meinen Kindern das Gleiche bieten, was meine Eltern mir ermöglicht haben“, sagt Clara. Gleichzeitig weiß sie, dass sie deren finanzielles Niveau wohl nie erreichen wird. Seit sie aus dem Elternhaus ausgezogen ist, bekommt die Studentin monatlich 370 Euro als Unterstützung von ihren Eltern. Ohne dieses Geld würde es nicht gehen.

Clara studiert Soziale Arbeit im dualen System. Sie rechnet mit einem Einstiegsgehalt von etwa 1600 Euro netto. Ihr Mann Janik ist ebenfalls Student, Sonderpädagogik. „Zwei Berufe, null Aussicht auf Sicherheit oder Wohlstand.“ Sie wirkt erschöpft, als sie das sagt.

Ihre größte Sorge sei, dass sie später auch mit ihrer Arbeit ihr Leben nicht selbst finanzieren kann. So wie Anne und Hannah. „Ich weiß: Meine Eltern unterstützen mich gerne“, sagt Clara, „aber ich will trotzdem endlich unabhängig sein.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien in einer ursprünglichen Form bereits am 17.09.2018 und wurde am 20.09.2020 noch einmal aktualisiert.

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