Das Alkoholverbot in München trifft vor allem junge Menschen

Denn viele von ihnen haben keine Alternative zum Feiern.
Kommentar von Berit Dießelkämper
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Foto: Tobias Hase/dpa / Bearbeitung: jetzt

Das Alkoholverbot im öffentlichen Raum in München trifft besonders junge Menschen, denn sie sind es, die abends draußen an der Isar, in den Parks oder auf dem Gärtnerplatz zusammensitzen. Sie sitzen dort, weil sie keine weitläufigen Privatgrundstücke besitzen, auf denen sie feiern könnten. Sie sitzen dort, weil es aufgrund der Abstandsregeln nicht genug Platz in den Bars und Restaurants gibt, weil die Clubs immer noch geschlossen sind und weil sie es sich möglicherweise auch einfach nicht leisten können, immer nur in Bars zu trinken. Für sie bedeutet das Alkoholverbot eine enorme Einschränkung – gerade jetzt, wo Sommerferien sind und das Wetter gut ist.

Vor dem Beschluss gab es wochenlang Streit um das „Partyvolk“ in München, insbesondere am Gärtnerplatz. Anwohner hatten sich über feiernde und trinkende Jugendliche beschwert, es gab Polizeieinsätze und die Überlegung, ein Alkohol- und Aufenthaltsverbot am Gärtnerplatz zu verhängen. Daraus wurde dann jedoch nichts – auch weil man glaubte, das „Partyvolk“ würde dann einfach in die anliegenden Straßen ziehen und dort genauso weitermachen wie davor.

Junge Menschen haben eben keine Lobby. Anwohner schon, Gastronomen auch.

Dafür gibt es jetzt das Alkoholverbot für ganz München: Sollten sich innerhalb einer Woche pro 100 000 Einwohner mehr als 35 Menschen mit Corona infizieren, darf ab 21 Uhr kein Alkohol mehr zum Mitnehmen verkauft und ab 23 Uhr nicht mehr auf öffentlichen Plätzen getrunken werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Wert im Laufe dieser Woche erreicht wird. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte der Süddeutschen Zeitung, das Alkoholverbot sei zuallererst zum Schutz der Bevölkerung und solle verhindern, dass aufgrund der steigenden Neuinfektionen weitere Maßnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens notwendig werden.

Von der Politik gibt es keine Ausweichmöglichkeit für junge Menschen, keine Zugeständnisse, kein „Wir verstehen auch euch!“. Deswegen wird es für sie auch nur sehr schwer nachvollziehbar sein, warum die neuen Maßnahmen ausschließlich sie betreffen sollten – und das, obwohl es keine Belege dafür gibt, dass sich in den letzten Wochen besonders viele Menschen am Gärtnerplatz, im Englischen Garten oder an der Isar infiziert haben. Aber junge Menschen haben eben keine Lobby. Anwohner schon, Gastronomen auch.

Junge Menschen werden nicht plötzlich Geld haben, um es in Bars ausgeben zu können

Das Signal an sie ist relativ eindeutig: „Wir wollen euch hier nicht haben und es ist uns egal, wohin ihr geht.“ Aber junge Menschen werden nicht plötzlich das Geld haben, um es in Bars ausgeben zu können. Sie werden auch nicht plötzlich aufhören, sich abends zu treffen und gemeinsam Alkohol zu trinken. Sie werden vermutlich zum Feiern und Trinken in ihre Wohnungen zurückgehen – dort, wo die Ansteckungsgefahr noch viel größer ist als im Freien.

Gleichzeitig muss der Politik auch klar sein, dass wenn Corona-Maßnahmen hergenommen werden, um all die Dinge – Lärmbeschwerden, Müll, Gestank – loszuwerden, die man gerne loswerden möchte, auch alle anderen und notwendigen Maßnahmen an Glaubwürdigkeit verlieren. Möglicherweise werden junge Menschen nun langsam aufhören, die Maßnahmen der Regierung mitzutragen oder zu glauben, dass sich die Politik für sie einsetzt. Das wäre fatal, wenn man bedenkt, dass recht viele Menschen gegen die Corona-Maßnahmen und die Tatsache, dass es Corona überhaupt gibt, auf die Straße gehen.

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