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Heidenspaß-Party trotz Tanzverbot – hat die Kirche jetzt verloren?

Wir haben unseren Autor am Karfreitag tanzen geschickt.
Von Friedemann Karig
  • heidenspass party cover
    Foto: Alessandra Schellnegger / Bearbeitung: jetzt.de

„Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit“ (Prediger 3,4). So steht es in der Bibel geschrieben. Aber wann ist was an der Reihe? Um diese Frage zu klären, ging Assunta Tammelleo bis vor das Bundesverfassungsgericht. Sie klagte auf ihr Recht, auch an sogenannten „Stillen Tagen“, den höchsten Feiertagen der Christenheit, Tanzveranstaltungen ausrichten zu dürfen. „Wir lassen die ja auch machen, was sie wollen,“ sagt die quirlige Frau mit den grauen Locken, „zum Beispiel ein Kreuz anhimmeln und auf den Knien beten“. Sie ist Mitglied im BfG, dem Bund für Geistesfreiheit, einem Verein für die Rechte Konfessionsloser. „Also sollen sie uns auch machen lassen“, findet Tammelleo. “In geschlossenen Räumen muss doch jeder machen dürfen, was er will.“

Diese Meinung goss sie in eine Verfassungsbeschwerde. Und gewann. Das Bundesverfassungsgericht entschied 2016, dass Artikel 5 des Bayerischen Feiertagsgesetzes mit der Weltanschauungsfreiheit und der Versammlungsfreiheit unvereinbar und damit nichtig ist. Weltanschaulichen Gemeinschaften wie dem BfG muss erlaubt sein, den „Ausdruck einer weltanschaulichen Abgrenzung gegenüber des Christentums“ auch zu tanzen, sogar am Karfreitag. Nun darf der BfG also am Karfreitag in München eine Party feiern namens „Heidenspaß“. 

Das Tanzverbot ist natürlich längst mehr als eine Regel. Es ist ein metaphysisches Highnoon zwischen Vormoderne und Moderne. Je nachdem, wen man fragt, steht hier der Untergang des Abendlandes (die Magdeburger Bischöfin Ilse Junkermann sprach von einem „zivilisatorischen Rückschritt“) oder seine überfällige Befreiung vom Joch der Kirchen bevor. Und das ausgerechnet in München! In Berlin denken sie ja sowieso, in Teilen Bayerns hätte die CSU schon eine christliche Scharia eingeführt. Ausgerechnet hier also erringt die atheistische Volksfront einen wichtigen Teilsieg gegen die christlichen Unterdrücker? Das muss gefeiert und beäugt werden. Und zwar nirgendwo anders als im ersten Club am Platz, dem "Blitz", einem Monster von Technoschuppen, in das Deutsche Museum hineingebaut, mit einer Anlage, die Tote auferwecken kann. Nirgends ist München so nah am globalen Feier-Olymp dran.

Man hat das Gefühl, dass sich über das Tanzverbot vor allem die beschweren, die unterm Jahr ihren Tanzbedarf nicht ausschöpfen

Im Rest der Stadt herrscht derweil weiter himmlische Ruhe. Clubs, Bars, sogar die Restaurants haben entweder zu oder die Musik leise gedreht. Bei dieser konfliktreichen Vorgeschichte, dem juristischen Kreuzweg, der gegangen wurde, fragt man sich an diesem Abend im Blitz: Werden die himmlischen Heerscharen die Party crashen? Wird die Schweizer Garde dem heidnischen Treiben ein Ende setzen? Oder wird es doch einfach nur ein netter Abend werden?

Zu Anfang wird die potente Location aber erstmal für Inhalte genutzt. Auf einer Leinwand schauen die rund 50 Besucher „Das Leben des Brian“, das filmische Manifest der humorigen Atheisten. „Werft ihn zu Poden, den Purchen!“ Das Publikum: Funktionsjacken, graue Haare, gut gemischte Mittelschicht um die 50. Die schwarzgekleidete Szene, die sonst hier feiert, bleibt unsichtbar. 

Nach dem Film spielt endlich die Band („The Stimulators“). Schon beim ersten Lied leisten viele Gäste zivilen Ungehorsam und tanzen los. Auffallend dabei: Menschen, die sonst vermutlich eher selten tanzen gehen, demonstrieren hier für das Recht darauf. Man hat sowieso das Gefühl, dass sich über das Tanzverbot vor allem die beschweren, die unterm Jahr ihren Tanzbedarf nicht ganz ausschöpfen. Die Feier-Elite scheint fast froh über die Zwangspause. An der Bar spielen sich statt dem üblichen Sehen und Gesehenwerden andere Szenen ab, wenn der rüstige Rentner trotz Nachfrage keinen Rotwein bekommt. 

Assunta Tammelleo und ihre MitstreiterInnen haben mit ihrem Protest den Kirchen einen Stich versetzt wie der römische Soldat dem Heiland seinerzeit mit der Lanze am Kreuz. Einen „albernen Haufen“ nannte daraufhin eine Funktionärin der evangelischen Kirche ihren Verein. Tammelleo reagiert trotzig. „Nächstes Jahr am Karfreitag würde ich gerne politisches Kabarett machen, einen der 700 an solchen Tagen verbotenen Filme zeigen. Alles das, was man eigentlich nicht darf.“ Die Reaktionen bestätigen sie. Da schreibt schon einmal ein religiöser Extremist, man solle sie „ins Arbeitslager verschiffen und erschießen“, mindestens aber solle sie auf Grund ihres italienischen Namens dahin gehen, wo sie herkomme. 

Geht es beim Tanzverbot um Respekt vor dem toten Heiland oder nur noch ums Recht haben?

Dass es im säkularen 21. Jahrhundert überhaupt einen solchen Streit gibt, liegt am vorauseilenden Gehorsam des Gesetzgebers gegenüber Gläubigen, die sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen könnten. Das Tanzen schmeckt Gott, glaubt man der Bibel, sowieso nur, wenn es zu seinen Ehren passiert. Im zweiten Buch Mose 15,20 sang und tanzte Mirjam, um den Sieg Gottes zu feiern. Im zweiten Buch Samuel 6,12-16 „tanzte David mit aller Macht vor dem Herrn“, um die Rückkehr der Lade des Herrn nach Jerusalem zu feiern. Andererseits ist Tanzen besonders dann Sünde, wenn es andere in Sünde führen soll (Matthäus 18,6). Warum der Glaube an die Botschaft der Liebe und Freiheit immer in seinen Verboten besonders greifbar wird, ist ein ungelöstes Paradox der Christenheit.

Geht es beim Tanzverbot heute also um Respekt vor dem toten Heiland und seinen Jüngern? Oder um ein wenigstens an den sogenannten „Stillen Tagen“ durch die Hintertür durchgeführten Zwang zu Keuschheit und Gottesfürchtigkeit? Oder, schlimmer Verdacht, inzwischen nur noch ums gute alte Recht haben und bekommen? 

Die Menschen im Blitz kümmert das alles immer weniger, je lauter die Band einheizt. Ein Besucher sagt, er sei nur hier, „weil ja sonst alles dicht ist.“ Je später der Abend, desto heißer läuft das Handy: „Geht was, im Blitz?“ Ein stadtbekannter Partylöwe hat eine Gesellschaft in seiner privaten Wohnung. „Die werden langsam laut, ich muss die hier rauskriegen.“ Eine andere hat Besuch aus Berlin, „denen kann ich doch nicht ernsthaft sagen, dass gar nix geht?“ So wird das Blitz langsam voller, heißer, jünger. 

„Tanzen als Ausdruck von Lebensfreude sollte niemand verbieten können,“ sagt Tammelleo in einer Pause, bevor das lateinamerikanische Showtanz-Duo (eigens aus Nürnberg angereist) dran ist. Im Nebenraum drehen ein paar Goths ihre Kreise zu sehr unchristlicher Musik. In Summe – ältere weiße Männer, die gekonnt schwarze Musik spielen plus Standardtanz plus bisschen provokant-harmlose Subkultur – ist das hier ein sehr guter Querschnitt durch die agnostische deutsche Mehrheitsgesellschaft. Und wenn Resident DJ Donna später übernimmt, dann ist auch die Szene wieder da. Die Kirchen müssen wohl akzeptieren, dass genau das hier Deutschland ist. Und sie immer weniger.

Nun mit einem Bibelzitat zu enden, ist hämisch und vielleicht sogar eine Sünde, aber es passt so gut. Jesus scholt die Ungläubigen, welche die Prophezeiung nicht hören wollten, mit den Worten: „Wir haben euch aufgespielt und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben Klagelieder gesungen und ihr wolltet nicht weinen“ (Matthäus 11,17). Wann wird eigentlich in Kirchen mal getanzt?

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