Finger weg von der Fusion!

Eine Polizeistation auf der Fusion würde viel mehr zerstören als nur ein gewöhnliches Festival.
Von Marlene Halser

Diese Schilder weisen den Weg, wird bald noch ein Polizei-Schild Ergänzung finden?

Kulturkosmos Archiv

Dass es so einfach sein würde, ein Auto kurzzuschließen, hatte ich nicht erwartet. Einfach zwei Drähte unter dem Lenkrad aneinanderhalten. Zack, schon springt der Motor an. So wie man das  aus Filmen kennt. Es war die Fusion 2016. Ich hatte gerade einen wunderschönen Mann kennengelernt. Gemeinsam schlenderten wir ziemlich übermütig über das riesige Festivalgelände, als plötzlich ein alleingelassenes Fusion-Mobil vor uns stand; eines der runtergerockten Autos, mit dem die Festival-Security flächendeckend über den ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz cruist, um den Betrieb am Laufen zu halten und um nach dem Rechten zu sehen. Aus diesem Mobil musste gerade jemand ausgestiegen sein, um irgendetwas zu erledigen.

„Komm wir fahren ein bisschen durch die Gegend“, sagte mein Begleiter und grinste mich an. Ich nickte. Wo er das mit den Drähten gelernt hatte? Egal. Ich stieg ein. Zu Bonnie und Clyde-romantisch war dieser Moment, um ihn ungenutzt vorüberziehen zu lassen. Wir lachten und fuhren los – und kamen nicht weit.

Nach wenigen Metern stoppte uns ein anderes Fusion-Mobil. „Sofort aussteigen“, sagte eine der Insassinnen und klopfte mit finsterer Miene an die Scheibe. „Seid ihr komplett bescheuert? Mitkommen!“ Schweigend fuhr man uns zum Crew-Hauptquartier. Ich war sicher, dass man uns zur Strafe des Geländes verweisen würde und bereute unsere Tat sofort.

Die Luftaufnahme zeigt den Zeltplatz des Fusion-Festivals 2018.

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Was stattdessen folgte, war eine saftige Standpauke. Darin enthalten: ein Appell an unsere Vernunft und an die Solidarität aller Beteiligten, auf der das Fusion-Festival basiert. Sie brachte uns wieder zur Räson. Wir entschuldigten uns aufrichtig, gaben den Besitzern des geklauten Mobils wie gefordert Getränke aus – und durften zu unserer großen Erleichterung weiter feiern gehen. Ein Erlebnis, das mir im Gedächtnis geblieben ist – und das seither in meiner Erinnerung als leuchtendes Beispiel in Sachen Konfliktlösung und Krisenmanagement residiert. Total effektiv, aber gleichzeitig absolut maßvoll und fair. Die Polizei war dazu nicht nötig. Im Gegenteil: Sie hätte aus einer dummen Flause wohl sofort eine Straftat gemacht – und damit allen Beteiligten mindestens diesen, wenn nicht sogar noch einige weitere Tage versaut.

Geht es nach Neubrandenburgs Polizeipräsidenten Nils Hoffmann-Ritterbusch, soll das nicht so bleiben, obwohl es bisher nie nennenswerte Probleme gab – weder mit der Polizei noch unter den BesucherInnen. „In 22 Jahren gab es keinen schweren Unfall mit gesundheitlichen Folgeschäden“, schreiben die VeranstalterInnen. „Es gab keine Schwerverletzten, keine Drogenopfer. Die laut Polizeistatistik angezeigten Gewaltdelikte in den Jahren 2011 bis 2016 lagen im Schnitt bei 2,5 Delikten pro Festival.“ Eine extrem geringe Zahl, wie auch der Polizeipräsident bei einer am Dienstag anberaumten Pressekonferenz bestätigte. Das weitaus häufigste Vergehen, das die Polizei in ihrer unmittelbar nach der Veranstaltung ausgewerteten Statistik zu verzeichnen hat, sind Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. 2018 wurden bei der Kontrolle der An- und Abreisenden 263 entsprechende Strafanzeigen erstattet; 187 mal wurden AutofahrerInnen unter Drogeneinfluss erwischt. Trotzdem fordert Hoffmann-Ritterbusch jetzt, die Polizei müsse Zugang zum Festivalgelände haben, „um Gefahren abwehren zu können“ und will dort eine bislang nicht näher spezifizierte Polizeistation einrichten.

Die VeranstalterInnen, denen das Festivalgelände seit 2003 gehört, haben am Wochenende eine Online-Petition gestartet, die bereits nach 48 Stunden mehr als 80 000 Menschen unterzeichnet hatten. Und auch von Seiten der Linkspartei und der Grünen gibt es Kritik an den Forderungen der Polizei. Die Forderungen des Polizeipräsidenten seien politisch motiviert, wie Katja Kipping, die Vorsitzende der Linkspartei schreibt. „Am 26. Mai sind nicht nur Europawahlen, sondern auch Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Hoffmann-Ritterbusch gilt als enger Vertrauter des CDU-Innenministers Caffier.“

Anders als andere Festivals ist die Fusion trotz ihrer Größe von mittlerweile 70.000 BesucherInnen von jeglicher Kommerzialisierung weitgehend verschont geblieben. Medien sind – ebenso wie die Polizei – nicht zugelassen. Entsprechend gibt es keine Berichterstattung, die etwas skandalisieren könnte. Es gibt keine Werbung, kein Sponsoring, keine Promotion, kein Fleisch an den ausnahmslos vegetarischen und damit klimafreundlichen Essensständen und keine Getränkekontrollen am Eingang. Niemand muss etwas konsumieren. Alle können alles selbst mitbringen. Das macht die Fusion auch für Menschen mit geringem Budget inklusiv.

Ein angenehmer Kontrapunkt zu einer auf Wachstum ausgerichteten Konsumgesellschaft

Dass das Festival in den vergangenen Jahren nicht noch weiter wuchs, ist einer bewussten Beschränkung der verkauften Tickets durch die VeranstalterInnen zu verdanken. Wer das Festival besuchen will, muss an einer Ticketlotterie teilnehmen – oder sich als freiwillige HelferIn zum Aufbau oder während des Festivals verpflichten. Ein angenehmer Kontrapunkt zu einer auf Wachstum ausgerichteten Konsumgesellschaft, die dabei ist, sich langsam aber sicher selbst zu zerstören.

Was aber wohl am wichtigsten ist: Die Fusion wird von einem Netzwerk veranstaltet, das aus bis zu 10 000 Menschen besteht, die aktiv an der Gestaltung mitwirken und so die involvierte Basis des Festivals bilden, wie Markus Reuter auf netzpolitik.org richtig schreibt. Jeder Stand, jede Bar, jede Stage, sowie die komplette Infrastruktur wird jeweils von einem weitgehend autark arbeitenden linken VeranstalterInnen-Kollektiv organisiert, das in engem Austausch mit den Kulturkosmos Müritz stehen. Ein zivilgesellschaftliches Engagement, das auf anderen Festivals sowie im „normalen“ Leben selten zu finden ist. Bitter nötig in einem Bundesland, in dem die AfD in den Umfragen bei um die 20 Prozent steht und ansonsten eher rechte Strukturen dominieren. Und ein alternatives Sicherheitskonzept, das auf Solidarität und Zusammenhalt basiert und zeigt, dass es womöglich just die Abwesenheit der Polizei ist, die eine Großveranstaltung mit 70 000 Menschen derart gut am Laufen hält.

Glückseligkeit, die nur in der gänzlichen Abwesenheit von Sorgen und Zwängen und im „kollektiven Ausnahmezustand“ möglich ist

Der Hashtag #Lärzklopfen, den tausende BesucherInnen bei Instagram unter ihre Festivalbilder setzen, skizziert das kaum mit Worten zu beschreibende Phänomen „Fusion Festival“ zumindest annähernd. Lärz, das ist die kleine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, zu der das Fusion-Gelände gehört. Und Lärzklopfen ist das Gefühl, dass einen spätestens dann überkommt, wenn man sich am letzten Juniwochenende auf den Weg zum Festivalgelände macht – und das erst dann endet, wenn man sich nach vier Festivaltagen in der realen Welt, die man zuvor höchst absichtsvoll hinter sich gelassen hatte, wieder zurechtfinden muss.

Lärzklopfen ist die Vorfreude, die einen erfasst, wenn man fix das Zelt auf dem Campingplatz errichtet hat, und zum ersten Mal das angrenzende, unfassbar weitläufige, zauberbunte und bis ins kleinste Detail liebevoll gestaltete Festivalgelände betritt. Das sind die Ausgelassenheit und das Gefühl von Freiheit, die einen erfüllen, während man eingehüllt in zischenden Trockeneisnebel, umgeben von Konfetti und Seifenblasen gemeinsam mit hunderten anderen glücklichen Menschen wie eine große, liebevolle Familie gemeinsam im Sonnenschein tanzt. Lärzklopfen, das ist eine Glückseligkeit, die nur in der gänzlichen Abwesenheit von Sorgen und Zwängen und im „kollektiven Ausnahmezustand“ möglich ist.

Der Platz der Kosmonaten auf dem Festivalgelände.

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Dass dabei, wie in Clubs und auf Partys, oft auch Drogen konsumiert werden, ist selbstredend. Das zu leugnen, oder so zu tun, als sei das ein Skandal, ist realitätsfremd. Das weiß auch die Polizei. Die Tatsache, dass es trotzdem noch nie einen drogeninduzierten Zwischenfall gegeben hat, bei dem jemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, hat mehrere Gründe: Die körperlich gefährlichste aller Drogen ist legal und heißt Alkohol. Das belegen zahllose Studien. Jedes Dorffest ist deshalb anfälliger für Auseinandersetzungen als die Fusion, auf der sich die Leute druff in den Armen liegen. Und offenbar wissen diejenigen, die auf der Fusion ballern, was sie tun und geben darüber hinaus auch extrem gut aufeinander Acht.

Die zuständigen Behörden haben den VeranstalterInnen eine Frist bis zum 16. Mai gesetzt. Bis dahin müssen sie nachweisen, dass die beanstandeten Lücken im Sicherheitskonzept, wie etwa die Beschaffenheit von Fluchtwegen, behoben sind. Erst dann fällt die endgültige Entscheidung, ob das Sicherheitskonzept der Veranstaltung auch in diesem Jahr genehmigt wird. Sollte es tatsächlich zu einer Absage kommen, stünde viel mehr als nur ein gewöhnliches Festival auf dem Spiel. Was auf der Fusion Jahr für Jahr erprobt wird, ist nicht weniger als der Versuch eines besseren, freieren und nachhaltigeren Zusammenlebens, als das in unserer Gesellschaft derzeit möglich ist.

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