Ich liebe es, in die Dorfdisco zu gehen

Obwohl ich die Musik, die Menschen und die Getränkekarte nicht mehr verstehe.
Von Niko Kappel

In der Dorfdisco braucht es kein cooles Outfit, um am Türsteher vorbeizukommen.

Foto: Photocase / fraueva

Ihre mit Holz vertäfelte Fassade ist ein wenig abgeblättert und der Neon-Schriftzug über der Eingangstür sieht eher aus wie der eines Trödelmarktes als der eines Clubs. Trotzdem hat die Dorfdisco in meiner Heimat nach all den Jahren immer noch dienstags bis sonntags geöffnet. Anscheinend lohnt sich das für die Betreiber, der Eintritt ist immer frei.

Ich bin in einem Dorf an der schwäbischen Alb groß geworden. 7000 Menschen wohnen noch dort, ich gehöre schon länger nicht mehr dazu. Trotzdem bin ich natürlich ab und zu auf Heimatbesuch. Wenn ich dann abends noch weggehen will, gibt es, abgesehen von der nächst größeren Stadt, nur die Dorfdisco.

Jede Dorfdisco hat ihren eigenen Signature-Drink

Voll ist sie nur noch am Wochenende. Früher waren auch mittwochs viele Leute da, aber die trinken mittlerweile eher in den Bars der nächstgelegenen Stadt oder hängen in der Shishabar ab, die vor ein paar Jahren an der Hauptstraße aufgemacht hat. An diesem Freitag jedenfalls ist die Dorfdisco voll. Ich bin zu Besuch in der Heimat und wollte mit ein paar alten Freunden, die grade auch ihre Eltern besuchten, mal wieder weggehen. 

„Dorfdisco?“, heißt es dann immer. 

„Och nee, war doch letztes Mal wieder so beschissen.“ 

„Ja, hast Recht, lass’ was anderes machen.“ 

Dann wird immer ein wenig diskutiert. 

Schlussendlich stehen wir aber doch wieder vor der mit Holz vertäfelten Fassade, weil die Alternative dazu die nervige Fahrt in die Stadt oder die Parkbank neben dem Rewe gewesen wäre. Bei Ersterem müsste jemand nüchtern bleiben und für die Parkbank sind wir doch irgendwie zu alt. Also geht es am Ende hinein in den ocker-senf-gelb-gefließten Eingangsbereich. Drinnen begrüßt einen ein irgendwie holziger Geruch, gemischt mit dem von klebrig-süßem Wodka Energy, schwitzigen Menschen und billigem Deo. Es sieht ein bisschen aus wie in einer Scheune. An der Decke sind Holzbalken, an zwei Stellen sind diese durch metallisch glänzende, frisch polierte GoGo-Stangen mit Podesten auf der Tanzfläche verbunden.

Jede Dorfdisco hat ihren eigenen Signature-Drink. Bei meiner Dorfdisco heißt der „Laterne“. Die bestellen wir auch heute, ein bisschen wegen der Nostalgie, ein bisschen auch, weil einem die Laterne entgegen ihres Namens ziemlich schnell die Lichter ausknipst und das an einem Abend in der Dorfdisco leider notwendig ist. Die Laterne wird vom Barpersonal in einem Maßkrug serviert. Darin enthalten sind: Eine Flasche Weißwein, ein paar Zentiliter Kirschlikör und Sprite. Kostenpunkt: 10,20 Euro. Generell ist die Getränkekarte in der Dorfdisco sehr interessant. Alle Longdrinks kann man neben den normalen Größen auch als XL oder im Weißbierglas (!) bestellen. An der Bar steht gerade ein Trupp 18-Jähriger, die mit Wodka Maracuja anstoßen. Im Weißbierglas. Mit Strohhalmen.

In der Dorfdisco wird nicht getanzt, es wird gesprungen

Zwei Laternen später wage ich mich auf die Tanzfläche. Wobei, getanzt wird nicht wirklich, es wird eher gesprungen. Und zwar gerade zu „Hulapalu“ vom Andreas Gabalier. Die Musikauswahl ist wie immer, naja, sagen wir, interessant. Amerikanischer Bumm-Bumm-EDM, Deutsch-Pop von Culcha Candela, Gangster-Rap von Coolio und Chamillionaire und Rockmusik, die auf jedem Best-Of-Eightis Sampler zu finden ist. Wenn’s dumm läuft (und heute Abend läuft es dumm) kommt zwischendurch so etwas wie „Auf gute Freunde“ von der „Das-sind-doch-keine-Nazis“-Band Böhse Onkelz.

Jetzt, während ich die Leute zu diesem Song tanzen, beziehungsweise springen, sehe, kann ich nicht anders, als meine Zeit in der Dorfdisco zu hinterfragen. War ich auch so einer, der befeuert durch die Laterne bei den Onkelz mitgesungen hat? Bestimmt kam das mal vor. Und die Leute haben ja auch Spaß. Aber darf man zu einem Song der Böhsen Onkelz Spaß haben? Selbst wenn man erst 16 ist?

Heute weiß ich es auf jeden Fall besser. Gerade als ich mich verziehen will, kommt mir, nennen wir ihn mal Peter, aus meiner alten Fußballmannschaft entgegen. Er grölt Auf gute Freunde/Verlorene Liebe/Auf alte Götter/Und auf neue Ziele und will mit mir Arm in Arm auf und ab springen. Fast so wie damals, nach unserem Sieg gegen die Nachbarsgemeinde im Entscheidungsspiel um die Meisterschaft in der Kreisklasse 2b. Als ich ihm zuschreie, wie wenig okay ich diesen Song und diese Band finde, guckt er dumm. Das kann an seinem Unverständnis für völkisch anmutende Rock-Musik liegen, oder noch schlimmer, an seiner Volksliebe. Ich hoffe in diesem Moment, dass es vor allem fan den flambierten Sambucas liegt, die wir vorhin noch mitsamt Kaffee Bohne gemeinsam heruntergewürgt haben.

Am Dorfleben ist nichts schlimm

Als ich mich endlich aus Peters schwitziger Umarmung lösen kann, läuft „Summer of ’69“ von Bryan Adams. Nichts gegen diesen Song, aber wenn ihn 500 Leute, bewaffnet mit Wodka-Bull-Weißbier-Gläsern, gleichzeitig grölen, verliert er irgendwie seine Authentizität. Und das umso mehr, wenn als nächstes der neue Hit von Post Malone läuft.

In solchen Momenten frage ich mich immer wieder, was ich gerade eigentlich hier mache. Denn auch, wenn wir uns mittlerweile ein Taxi in die Stadt leisten könnten, gehen meine Freunde und ich jedes Mal in die Dorfdisco zurück. Vielleicht wegen der guten Erinnerungen von damals, mit 16: Wir wollten feiern gehen, hatten keine Ansprüche an Musik, Getränke und Gesellschaft. Dass schon damals dort alles so semigeil war, war uns nicht wichtig – was wäre auch die Alternative gewesen? Wir wollten einfach raus. Wann immer ich heute zurück in die Dorfdisco gehe, treffe ich so viele Menschen von früher oder tanze zu schlechter Musik, dass ich mich wieder wie 16 fühle.

Vielleicht schwingt aber auch ein bisschen Stolz mit. Weil ich nicht so geworden bin wie Peter, Nazi-Rock von normaler Musik unterscheiden kann und meine Longdrinks, meistens nicht mehr in Weißbiergläsern bestelle. Am Dorfleben ist nichts schlimm. Es kann schön sein, dort einfach wohnen zu bleiben, wo man aufgewachsen ist. Mir persönlich war das aber immer zu einfach. Ich dachte immer, dass es bestimmt mehr zu sehen gibt, als den ocker-senf-gelb gefließten Eingangsbereich.

Die Dorfdisco würde uns fehlen. Sie ist ein bisschen wie eine Zeitmaschine

Am Ende treffe ich noch, nennen wir ihn Micha, meinen alten Fußballtrainer. Das ist auch so eine Sache aus der Dorfdisco: Du triffst dort auf die jungen Geschwister deiner Schulfreunde, aber auch auf frisch geschiedene, Mitte Fünfzigjährige, Nachbarn. Micha jedenfalls freut sich sehr, mich zu sehen, ist betrunken und will mir einen Jägermeister ausgeben. Ich sage nicht Nein. An der Theke erzählt mir Micha, dass unten in der Stadt ein ähnlicher Laden wie die Dorfdisco aufgemacht hat. „Genau das gleiche Konzept“, sagt er. Also billiger Alkohol und kostenloser Eintritt und so schlechte Musik, dass man viel trinken muss. 

Anscheinend hat der neue Club in der Stadt ein Großteil des Bar- und DJ-Personals der Dorfdisco abgeworben. In Zukunft sollen sich hier dann nur noch freitags und samstags die Tore in den ocker-senf-gelb gefließten Eingangsbereich öffnen. Dann auch nur noch gegen Eintrittsgeld. Wenn das nicht läuft, soll die Dorfdisco ganz schließen.

 

Als ich das meinen Freunden erzähle, entscheiden wir uns doch noch ein wenig zu bleiben. Denn auch wenn wir alle froh sind, dass wir weggezogen sind – die Dorfdisco würde uns fehlen. Sie ist ein bisschen wie eine Zeitmaschine, in die wir für einen Abend steigen können und zurückkehren in die Zeit, in der wir uns vieles noch egal war. Trotzdem zeigt sie uns auch, warum es vielleicht ganz gut ist, dass wir alle irgendwann erwachsen werden. Wir bestellen nochmal eine Runde Gin Tonic. Das Weißbierglas lehnen wir aber ab.

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