Mit dem Erwachsenwerden ist es ein bisschen wie mit dem Fahrradfahren: Zu Beginn ist man total euphorisch, aber wenn man dann doch hinfällt, ist es sehr schön, wenn Mama oder Papa einen von der Straße aufheben und ein Pflaster auf die aufgeschlagenen Knie kleben. Das Hinfallen beim Erwachsenwerden kann ganz unterschiedlich aussehen und manchmal muss man auch gar nicht wirklich hinfallen, um von den Eltern aufgehoben zu werden. Wir haben mit fünf Menschen gesprochen, die wieder zu Hause bei ihren Eltern eingezogen sind. Darüber, ob das sehr schön war, weil man sich ganz neu kennengelernt hat, oder ob das ganz schlimm war, weil Eltern leider manchmal sehr schlimm sein können.

„Plötzlich stand mein Vater in Unterhosen  im Gang und hat gerufen, ob ich alleine bin“ 

Karolin, 34, wollte, nachdem ihre Ehe scheiterte, nur kurz bei ihren Eltern unterkommen. Mittlerweile lebt sie seit zweieinhalb Jahren dort, weil sie einfach keine Wohnung findet – auch, wegen ihrer drei Katzen.

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„Als ich meine Ehe beendet hatte, musste ich ganz schnell ausziehen, weil ich sonst einen Rückzieher gemacht hätte. Deswegen bin ich erst einmal zu meinen Eltern gezogen. Das war für mich das Allerschlimmste. Am Anfang haben wir uns sehr viel gestritten. Auch, weil meine Eltern der Meinung waren, dass ich total versagt habe. Mittlerweile haben wir uns ein bisschen eingespielt und aneinander gewöhnt.

Ich fühle mich wieder so wie mit 19. Wenn ich das Haus verlasse, fragt meine Mutter: „Wo gehst du hin? Wann kommst du wieder? Mit wem bist du weg?“ Und wenn man permanent wie eine 19-Jährige behandelt wird, verhält man sich irgendwann auch zwangsläufig wieder wie eine und wird trotzig. 

Wenn ich in mein Zimmer will, muss ich am Schlafzimmer meiner Eltern vorbei und das geht nicht, ohne dass sie mich hören. Eine ganz krasse Situation war, als ich mir irgendwann erlaubt habe, einen neuen Mann mit nach Hause mitzubringen. Das war noch nicht einmal als Beziehung gedacht, ich habe einfach nur jemanden kennengelernt. Als meine Eltern dann spitzgekriegt haben, dass ich jemanden mitgebracht habe, stand plötzlich mein Vater in Unterhosen unten im Gang und hat hochgerufen, ob ich alleine bin oder wer da jetzt mitgekommen sei. Das mit dem wilden Junggesellinnenleben ist aber auch auswärts nicht so einfach möglich, weil ich regelmäßig nach Hause muss, um die Katzen zu füttern oder, weil meine Mutter mich anruft und fragt, ob ich noch komme.

Sie sehen mich auf jeden Fall nicht als die erwachsene Frau an, die ich eigentlich bin. Gleichzeitig erwarten sie aber, dass ich mich mehr um sie kümmere als früher. Im Moment ist die Situation für mich so absolut nicht mehr erträglich, aber mit meinen drei Katzen eine Wohnung zu finden ist beinahe unmöglich.“

„Ich bin sehr froh, wieder Zeit mit meinen Eltern zu verbringen“

Lea, 26, ist im letzten Versuch durch ihre Prüfung gefallen und musste dann erst einmal wieder nach Hause – das tut ihr, wie sie merkt, aber sehr gut.

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Foto: privat

„Bevor ich von Zuhause ausgezogen bin, hat mich dort alles so sehr genervt, dass ich einfach nur noch weg wollte. Ich bin dann zum Studieren in eine andere Stadt und das lief anfangs auch super. Irgendwann bekam ich allerdings ziemliche Motivationsprobleme. Meine Bachelorarbeit war schon geschrieben und ich musste nur noch zwei Prüfungen bestehen, aber plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob das Studium überhaupt das Richtige für mich ist. Ich war gerade im Ausland, als ich erfahren habe, dass ich eine der Prüfungen im letzten Versuch nicht bestanden habe und exmatrikuliert wurde. Ich war deswegen ziemlich fertig und bin noch eine Weile im Ausland geblieben, bevor ich zurück zu meinen Eltern gezogen bin.

Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und wieder zu Hause zu wohnen ist eigentlich sehr schön. Natürlich streiten wir und mir wäre es lieber, auf eigenen Beinen zu stehen, aber ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, hier unterzukommen. Die Reaktion meiner Eltern auf meinen Wiedereinzug war kein „Juhu, Party!“,  aber sie konnten es verstehen. Ich glaube, dass sie sich auch ein bisschen Sorgen machen, weil sie möchten, dass ich alleine zurechtkomme. Aber sie wissen ja auch, dass das nicht für immer so sein wird.

Vielleicht konnte ich mich deswegen auch so gut mit meinen Eltern arrangieren. Tagsüber sind sie arbeiten und ich kann mein eigenes Ding machen. Wenn sie hier sind, muss ich natürlich akzeptieren, dass ich mich nicht so einrichten oder ausleben kann, wie in einer eigenen Wohnung. Am Anfang hat mich das ein bisschen gestört, auch weil mein altes Kinderzimmer renoviert wurde und mittlerweile eher ein Gästezimmer ist. Ich habe dann versucht, mich ein bisschen einzurichten, damit ich nicht aus dem Koffer leben muss und mich wie ein Feriengast fühle.

Früher war ich nicht so gerne hier und ich bin auch während des Studiums nur sehr selten nach Hause gekommen – das ist ja auch so eine Zeit, in der man erst einmal ein bisschen Abstand braucht. Jetzt bin ich sehr froh, wieder Zeit mit meinen Eltern zu verbringen. Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich mit der Beziehung zu seinen Eltern auseinanderzusetzen und ich merke, dass mir das gut tut.

„Vielleicht hat es meine Mutter gekränkt, dass ich jetzt selbst kochen und waschen kann und ich sie nicht mehr brauche?“

Dennis, 27, hat sein Studium abgebrochen und ein Jahr bei seinen Eltern aus Umzugskartons gelebt.

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So sieht Dennis nicht mehr aus, aber Dennis möchte hier ungern erkannt werden. Auf diesem Bild hat er aber auch noch bei seinen Eltern gewohnt. 

Foto: privat

„Kurz vor dem Vordiplom habe ich mein Architekturstudium abgebrochen, weil mir eine Berufsperspektive fehlte und ich gemerkt habe, dass mich das langfristig nicht glücklich macht. Meine Eltern haben beide nicht studiert und von vornherein gesagt: „Mach doch erst mal eine Ausbildung, dann hast du was in der Hand.“ Sie haben auf meinen Abbruch trotzdem sehr verständnisvoll reagiert, ganz anders, als ich es erwartete hatte. Weil es das Einfachste und auch Günstigste war, bin ich dann wieder bei ihnen eingezogen. Viele meiner Freunde waren noch in der Gegend und ich konnte bei einem befreundeten Architekten auf dem Bau arbeiten, sodass ich schnell wieder gut zurechtgekommen bin. Tatsächlich habe ich auch ziemlich viel Geld verdient – dafür, dass ich nur ein bisschen ohne Abschluss oder Ausbildung gejobbt habe. Von dem Geld bin ich dann drei Monate durch Asien gereist.

An sich war es gar nicht so kompliziert, wieder bei meinen Eltern zu wohnen, aber man hat schon gemerkt, dass ich mittlerweile meine eigenen Regeln und Abläufe hatte und die mit denen meiner Eltern kollidiert sind. Das waren meistens Kleinigkeiten: Wenn ich gekocht habe, hat meine Mutter mir immer erklärt, dass ich den Herd nicht auf neun stehen lassen soll, weil es vollkommen unnötig sei. Das wäre „Hitzeverschwendung“. Oder, dass meine Mutter nicht wollte, dass ich meine Wäsche selbst wasche, obwohl sie früher immer drauf bestanden hat. Vielleicht hat es sie gekränkt, dass ich jetzt zurück bin und das mit dem Kochen und Waschen alles selbst kann und ich sie nicht mehr brauche? 

Aber es war auch immer klar, dass das nur übergangsweise geht. Ich habe meine ganzen Sachen in mein altes Zimmer gequetscht und nur meinen Schreibtisch und mein Bett aufgestellt, damit ich arbeiten und schlafen kann. Die Umzugskartons habe ich nie ausgepackt und einfach die ganze Zeit aus ihnen gelebt, sogar die saubere Wäsche habe ich immer wieder dort „einsortiert“. Irgendwann habe ich mal eine Hose von ganz unten rausgezogen und die hat echt nach Karton gerochen, aber vielleicht war das einfach unterbewusst meine Art zu sagen: „Ich bleibe hier nicht lange!“ Es ist dann doch ein Jahr geworden und ich glaube, dass meine Eltern sich zwischenzeitlich ein bisschen Sorge haben, was passiert, wenn ich nichts finde, das zu mir passt. Als ich dann was hatte, waren sie sehr froh. Ich weiß aber auch, dass meine Mutter es schade fand, dass es dann wieder ein bisschen ruhiger im Haus geworden ist. Aber anders als beim ersten Auszug gab es keine Tränen.“

„Es ist nicht mehr das Zuhause, das ich früher einmal hatte“

Manjana, 25, ist für ein Praktikum vier Monate wieder zurück zu ihrer Mutter gezogen. Sie findet zu Hause sein sehr schön, nur das Drumherum nicht so.

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Foto: privat

„Es ist nicht mehr das Zuhause, das ich früher einmal hatte, und wieder dort zu wohnen war sehr anders. In den vier Monaten meines Praktikums habe ich tagsüber gearbeitet und die Abende zu Hause verbracht. Meine Geschwister waren nicht mehr da und die meisten meiner Freunde kommen auch nur noch unregelmäßig zurück. Um das Gefühl von damals irgendwie wiederherzustellen, habe ich versucht, mein altes Zimmer mit vielen persönlichen Dingen gemütlich zu machen, aber das hat natürlich nicht funktioniert.  

Davon abgesehen war es aber sehr schön wieder bei meiner Mutter zu wohnen. Tatsächlich musste ich viel weniger im Haushalt helfen, weil meine Mutter alles für mich gemacht hat. Sie verwöhnt uns gerne ein bisschen und ich fand das sehr schön – auch, weil ich wusste, dass ich das alles auch allein kann. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mehr Zeit für mich brauchte, weil ich mich sehr daran gewöhnt hatte, alleine zu wohnen. 

„Ich habe das Gefühl, nicht mehr so gut dort reinzupassen.“

Zurück nach Hause zu ziehen war für mich kein Rückschritt. Ich hielt das eher für eine sehr schlaue Entscheidung, weil ich so Geld sparen und auch wieder etwas Zeit mit meiner Familie verbringen konnte. Ich kann mir sogar vorstellen, nach meinem Abschluss auch erst mal wieder nach Hause zu ziehen, um mir zu überlegen, wie ich dann weitermachen will. Was ich ein bisschen schwierig finde, ist das Dorfleben um mein Zuhause herum. Ich habe mich sehr verändert, seitdem ich ausgezogen bin, und ich habe das Gefühl, nicht mehr so gut dort reinzupassen. Langfristig bin ich in einer Stadt vermutlich glücklicher.“

„Ich finde es schön zu wissen, dass es hier einen Platz für mich gibt“

Lukas, 23, ist nach seinem Bachelorabschluss wieder zurück zu seinen Eltern gezogen und koordiniert jetzt von dort aus seine Jobsuche. 

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Foto: privat

„Im Frühjahr 2018 habe ich meinen Bachelor abgeschlossen und seitdem wohne ich wieder zu Hause bei meinen Eltern. Den Sommer über habe ich als Koch in einem Sommercamp im Ausland gearbeitet – das war auch ein Grund, erst einmal wieder nach Hause zu ziehen. Ich wollte nicht Teile meines Gehalts direkt wieder für mein WG-Zimmer ausgeben, in dem ich überhaupt nicht mehr gewohnt hätte. Als ich im August wieder zurück in Deutschland war, hatte ich eine OP geplant und ich wusste, dass ich ein bisschen Zeit brauchen werde, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich war sehr froh, dass ich das Daheim machen konnte, denn wäre ich allein in einer eignen Wohnung gewesen, wäre es ziemlich schwer gewesen, zurechtzukommen und mich zu versorgen.

Jetzt wohne ich immer noch hier und es ist kein Auszug in Sicht. Ich hoffe aber, dass sich das bald ändert. Nicht, weil es so schlimm ist, wieder zu Hause zu wohnen, sondern weil ich langsam merke, dass ich es vermisse, auf eigenen Beinen zu stehen und meinen Tag so zu planen, wie ich das gerne hätte. Außerdem hängt mit dem Auszug ja auch zusammen, dass ich einen Job finde und ich würde jetzt wirklich gerne weitermachen.

Meine Rolle hier zu Hause ist eine ganz andere als früher – viel erwachsener. Ich bin nicht mehr nur der große Bruder, sondern helfe meinen Eltern, wo ich kann. Ich gehe einkaufen, koche oder arbeite im Garten mit. Das ist für mich ein bisschen eine Gegenleistung dafür, dass ich hier wohnen darf. Das mit dem Kochen ist aber auch so eine Sache, die mich manchmal ein bisschen stört. Wir haben feste Zeiten, an denen gegessen wird, weil die jüngeren Geschwister ins Bett müssen. Mir fehlt es, dann essen zu können, wenn ich es will, oder auch mal Dinge nur für mich zu kochen, von denen ich weiß, dass alle anderen die sowieso nicht mögen. Natürlich könnte ich mich auch ausklinken und komplett mein eigenes Ding machen, aber gleichzeitig gibt mir die Familie und ihr Tagesablauf auch Orientierung, weil ich im Moment selbst nicht wirklich einen habe.

Ich freue mich, wenn ich bald wieder mein eigenes Ding machen kann, aber wenn ich noch einmal in einer ähnlichen Situation bin, würde ich sofort wieder zurück nach Hause ziehen. Warum auch nicht? Ich finde es schön zu wissen, dass es hier einen Platz für mich gibt, wenn es hart auf hart kommt.“