Ich war trotz Ausgangsbeschränkungen in einer Bar

Die gibt es nämlich auch online. Aber taugt die was?
Von Maxim Landau

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Es ist Abend, alle Menschen sollen möglichst zu Hause bleiben, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen – und ich gehe gleich in eine Bar. Eigentlich war mein Plan, mich nicht extra umzuziehen und einfach in Jogginghose und Pulli zu bleiben. Jetzt stehe ich frisch geduscht vor meinem Schrank und ziehe eine schwarze Hose und eine Jeansjacke an. Ich bin aufgeregt. Ich weiß überhaupt nicht, wen ich gleich in der Bar treffen werde und wie viele Menschen sich dort tummeln werden. Dann klappe ich meinen Laptop auf.

Die Bar, die ich besuchen will, gibt es nur online. Martin hat sie eröffnet. Am Telefon erzählt der 37-Jährige mir, dass er vor einer Woche nach einem langen Urlaub mit Freund*innen verabredet war. Weil aber alle Kneipen geschlossen hatten, setzten sie sich stattdessen mit Drinks vor ihre Laptops – und hatten eben so Spaß. Daher seine Idee: Warum eigentlich keine Onlinebar aufmachen? Er erstellte eine Webseite und nannte sie „Teledrinkingbar“, verbreitete den Link dazu im Netz. Im Moment ist die Bar quasi die Stammkneipe für Martin und seine Freund*innen, zu der aber jeder dazustoßen kann. „Menschen rund um die Welt können sich hier zufällig treffen – wie in einer echten Bar eben“, sagt Martin. Letztens, sagt er, habe er in der Bar zufällig einen sechzigjährigen Franzosen getroffen.

Wenn der Bartresen der eigene Schreibtisch ist

Mal sehen, wen ich an meinem Abend in der Online-Bar treffen werde. Ich tippe „teledrinkingbar.com“ in die Suchleiste meines Browsers. „Enter the Teledrinkingbar“ steht auf der Seite. Ich habe eine Kerze angezündet und ein Bier aufgemacht – wie in einer Bar eben. Das hier muss gar nicht so seltsam werden, denke ich. Auf der Seite drücke ich Enter. Eintreten.

Ich bin skeptisch. Denn ehrlich gesagt kann ich mich noch nicht ganz damit abfinden, wegen des Virus zu Hause trinken zu müssen. Zigarettenqualm, klebrige Cocktailkarten, Urinlachen neben dem Klo – das sind Dinge, die ich daheim nicht haben will, die ich an Bars aber doch liebe. Richtige Bars sind Startrampen für eine Partynacht. Wie das eine Mal, als ich mit einem Freund ins „Ficken3000“ in Berlin gegangen bin. Wir haben eine Gruppe von spanisch sprechenden Leuten kennengelernt, die das Ambiente dort ähnlich fragwürdig fanden wie wir, und sind mit ihnen in eine Karaokebar abgehauen. Gut, da sind wir auch wieder weitergezogen, bevor wir „Baby One More Time“ singen konnten. Der Punkt ist aber: Wohin soll ein Kneipenabend führen, wenn der Bartresen der eigene Schreibtisch ist und man seine Wohnung nicht verlassen kann?

„Ich weiß nicht, ob du uns in einer Bar angesprochen hättest“

An meinem Laptop ploppen mehrere Fenster auf. In einem sitze ich. Links oben sitzt ein Mann mit Kappe, unter dessen Fenster „Paul“ steht. Rechts unten sitzen eine Frau und ein Mann, die Maren und Timo heißen. „Hallo“, sage ich und ziehe das O lang. Sich einander vorzustellen, heißt in Zeiten von Corona folgende Fragen zu behandeln: Wie geht es dir damit, daheim bleiben zu müssen, in welcher Stadt sitzt du am Laptop und was hat dein Leben ausgemacht, bevor alles Corona wurde? Ich erzähle von mir und merke direkt, dass etwas anders ist, als ich es von Kneipenabenden mit Freund*innen kenne. Alle hören mir zu. Geht nicht anders. In einer Bar kann man sich aus Gesprächen ausklinken und mit anderen Personen am Tisch quatschen. Aber hier spricht eine Person, der Rest hört zu.

Außer mir kennen sich in der Online-Bar anscheinend alle über einige Ecken. Maren, im Fenster rechts unten, sagt, sie sei hier, um sich zu vergewissern, dass es den anderen gut gehe. Sie sagt: „Außer zum Einkaufen verlassen wir die Wohnung nicht.“ Das ist zu streng, denke ich. Ich gehe joggen, erlaube mir Spaziergänge und möchte eigentlich auch noch ein, zwei Menschen im echten Leben begegnen. Zweifel an meiner Haltung kommen mir später, vielleicht zu spät, um den Abend zu retten.

Wenn ich meinen Laptop und die Verbindungsfehler ausblende, könnte ich mich fast wie in einer Bar fühlen. Da ist Paul, der Gin Tonic mit einem pinken Strohhalm schlürft und viel spricht. Timo, neben Maren, lässt die anderen sprechen. Zwischendurch kommt Stefan reingeschneit, der sich direkt wieder verabschiedet, weil er noch etwas vorhat, der aber trotzdem kurz „Hi“ sagen wollte. Paul sagt: „Ich weiß nicht, ob du uns in einer Bar angesprochen hättest.“ Wahrscheinlich hat er recht. Ich hätte mich wohl kaum zu einer Gruppe Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, auf eine Sitzbank gequetscht. Hier sitze ich seit einer halben Stunde mit Fremden zusammen und eigentlich läuft es ganz gut. Immerhin ist noch keiner offline gegangen.

Was hat dein Leben ausgemacht, bevor alles Corona wurde?

Ein neues Fenster ploppt auf, darin sitzt Denny. Er trinkt einen Erdbeershake ohne Alkohol. Er erklärt, er sei die letzten Tage mehrmals hier gewesen und wolle es mal ruhiger angehen lassen. Timo und Maren verabschieden sich. Fabian kommt in die Bar und ich komme langsam durcheinander. Was das Kind gerade mache, fragt Denny Fabian. „Wird gerade gewickelt“, sagt Fabian, der etwas zerzaust aussieht. Fabian gießt sich Rum ein. Wir heben unsere Gläser, um lautlos anzustoßen. Ich fühle mich als Teil der Gruppe. Der Moment hält nicht lange.

Morgen sei hier mehr los, sagt Denny, das solle ich mir ansehen. Ich sage, da sei ich schon verabredet. Plötzlich zögern die beiden. „Verabredet?“, sagt Fabian oder Denny, ich weiß es nicht genau. Ich komme in Erklärungsnot. Es sei ja nur eine Person, die ich treffen wolle, sage ich. „Finde ich nicht gut“, sagt Fabian. Sein Stirnrunzeln hat etwas Niederschmetterndes. Ich versuche mich zu rechtfertigen. Ich arbeite in einer Bäckerei. Es ist für mich schwer, mich in der Arbeit weiterhin vielen Menschen aussetzen zu müssen, aber privat niemanden treffen zu dürfen. Meine Erklärungen laufen ins Leere. Denny versucht es zwar noch verständnisvoll, aber aus Fabians Gesichtsausdruck interpretiere ich, dass er mich als verantwortungslos abgeschrieben hat.

Fabian geht offline. Ich sitze allein mit Denny in der Bar. Wann ist Paul eigentlich abgehauen? Wäre ich in einer richtigen Bar, wäre das der Moment, in dem ich bemerke, dass die Musik aufgehört hat zu spielen und dass das Personal die letzten Gäste endlich loswerden will. Ich glaube, die anderen vertrieben zu haben, und als auch Denny sich verabschiedet, starre ich auf meinen Laptopbildschirm. Fabians Stirnrunzeln geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Nur knapp eine Stunde war ich in der Bar, bevor alle abgehauen sind. Mein Bier ist nur zu einem Drittel leer – und das, obwohl ich die ganze Zeit nervös daran genuckelt habe. Ich fühle mich schlecht, weil ich morgen verabredet bin.

Videochats können echten Kontakt wohl kaum ersetzen. Aber vielleicht sind sie gerade die einzige Möglichkeit, sich mit Freund*innenn zu verabreden, ohne das Virus potenziell zu verbreiten. Es gibt zahlreiche Angebote, sich mit Freund*innen zu vernetzen, wie zum Beispiel mit der Houseparty-App. Martin, der Erfinder der Teledrinkingbar, erklärt am Telefon, er will Menschen motivieren, eine eigene Bar zu eröffnen und auch Fremde einzuladen. Man könne auch Kochkurse anbieten, Workouts – alles, was man brauche, sei eine beliebige Seite für Videokonferenzen.

Noch am selben Abend sage ich dem Freund, den ich am nächsten Tag treffen wollte, ab. Er wirkt erleichtert, er schreibt, er sei sich auch nicht sicher gewesen, ob es gut gewesen wäre, sich zu sehen. Mir geht es damit auch besser. Ich versuche das jetzt so zu sehen: Es ist nicht leicht, so viel daheim bleiben zu müssen. Aber ich bin gesund. Ich kann kann selbst dafür sorgen, dass sie ein bisschen wie ein Ferienlager wird. Für die nächsten Tage plane ich Videochats mit Freund*innen, Bastelstunden und Workouts – und, wer weiß, vielleicht mache ich ja bald meine eigene Bar auf. Da gibt es dann Karaoke.  

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