„Ich habe eine Mauer um mich gebaut, ohne es zu bemerken“

Unser schwuler Autor schreibt Briefe an sein jüngeres Ich. In seiner letzten Folge geht es um Einsamkeit.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten. Mit diesem Brief endet Davids Kolumne.

Davids Tagebucheintrag von damals:

„Allgäu, 2005

Wieso kann ich als 18-jähriger Typ nicht einmal spüren, dass ich irgendwie gebraucht oder gewollt werde?

Wieso muss ich als 18-jähriger Junge so oft weinen?

Wieso kotzt mich mein Leben schon wieder sowas von an, dass ich mich fühle wie Dezember?

Ich will nicht, dass ich den ganzen Scheiß nochmal haben muss. Ich will’s einfach nicht.

Aber ich glaube, das Beschissenste ist, dass ich immer wieder realisiere, dass ich im Endeffekt, obwohl ich so unglaublich viele Menschen kenne, doch allein bin und keine Ahnung habe, ob sich das mal ändert.“

Davids heutiger Brief an sein altes Ich:

„Köln, 2019

Lieber David,

die gute Nachricht zuerst: Ja, das wird sich ändern. Du wirst realisieren, dass du nicht alleine bist. Aber weil dieser Brief etwas kurz wäre, wenn diese Erkenntnis einfach angeknipst werden könnte, konfrontiere ich dich sofort mit dem größten Problem des Sich-alleine-fühlens: Es ist wie „How I Met Your Mother“. Es kommt immer und immer wieder – und egal wie unerträglich es gegen Ende wird, irgendwie bleibst du selbst an der 37. Wiederholung hängen.

Du steckst gerade in der Phase, die viele LGBT-Jugendliche kennen. Mitten in der Pubertät hast du bemerkt, dass du und deine Freunde immer weniger gemeinsam habt. Sie gehen feiern, machen gemeinsame Urlaube, verlieben sich zum ersten, zweiten, dritten Mal und teilen ihre Erfahrungen miteinander. Typisches Teenager-Leben eben. Du hingegen steckst tief in der Selbstverleugnung und hast dich in eine Parallelwelt aus Manga, Musik und Internet abgekapselt. Dort triffst du viele, die deine Erfahrungen teilen und dich scheinbar verstehen. Ein schönes Gefühl. Leider muss ich dir sagen: Du stehst still und entwickelst dich – im Gegensatz zu deinen Pokémon – nicht weiter. Die meisten dieser Freundschaften haben keinen Bestand, egal wie sehr du dich reinhängst. Irgendwann wirst du verstehen, dass bis auf ein, zwei Ausnahmen alle diese Beziehungen wenig tiefgründig waren. Aber die Einsamkeit, oder wie du es empfindest, das Verlassenwerden, spürst du gerade akut. Es schmerzt wie Sau.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch dein Leben. Du bist ein offener, kommunikativer, lustiger Mensch, lernst überall schnell Leute kennen. Aber selten wirst du das Gefühl von wirklicher, gegenseitiger Liebe spüren, ob nun platonisch oder romantisch. Wenn wir ehrlich sind, enden fast alle deine zwischenmenschlichen Beziehungen mit der Erkenntnis, dass du Personen zu Prioritäten machst, für die du nur eine Option bist.  Auch wenn du weißt, dass das alles auch etwas überdramatisiert ist, fällt es dir trotzdem Jahr um Jahr schwerer, dich neuen Menschen richtig zu öffnen.

Denn da ist sie wieder, die Angst vor dem Verlassen werden und der Einsamkeit

Eigentlich sollte es in der schwulen Welt besser funktionieren. Immerhin verbindet dort eine gemeinsame Lebensrealität. Aber die Suche nach tiefgehenden Verbindungen fällt dir hier nicht leichter. Dein Standardproblem: Du hast nie gelernt, wie man im Real Life Verbindungen aufbaut oder flirtet. Angesprochen wirst du auch nie. Es dauert ewig, bis du die Spielregeln einigermaßen verstehst. Männer lernst du meist online kennen. Da wird aber eher sekundär nach Freundschaften gesucht.

Wenn du dann mal einen Mann toll findest und dir nur der Hauch von Gegenseitigkeit entgegenweht, unterwirfst du dich regelrecht und lässt dich demütigen. Selbst wenn er ganz unverhohlen mit dir spielt, lässt du das mit dir machen, einfach nur, um zu gefallen, um nicht allein gelassen zu werden. Denn da ist sie wieder, die Angst vor dem Verlassen werden und der Einsamkeit.

Später erlebst du immer wieder, dass Männer an dir interessiert sind, sich aber nicht für dich interessieren. Schon bei den ersten fünf Sätzen bemerkst du, dass du gerade nicht an einem Kennenlernen teilnimmst, sondern an einem Casting für den potenziellen neuen Partner – oder Bettgefährten. Wirkliches Interesse an dir als Mensch spürst du selten. Je älter du wirst, desto weniger erträgst du diese Gespräche. Manchmal fragst du dich, ob du als schwuler Mann wählen musst zwischen einsamer Wolf, der sich nicht festlegen kann, oder Beziehungs-Känguru, das von Beziehung zu Beziehung hüpft.

Mit 26 schaffst du es plötzlich, dein Muster zu brechen. Du triffst deinen ersten Freund und verstehst auf einmal, dass alles, was du vorher für Liebe und Zuneigung gehalten hast, nichts anderes als Unwissenheit und mutiertes Wunschdenken war. Du fühlst dich das erste Mal in deinem Leben nicht mehr unvollständig und erlebst, wie es ist, jemanden zu lieben und genauso geliebt zu werden. Endlich verstehst du, warum Liebe als erfüllend bezeichnet wird. Diese Liebe ist die schönste Erfahrung deines Lebens und eine der prägendsten.

 

Du schläfst zwar mit vielen Männern, zwischenmenschliche Verbindungen lässt du aber nicht zu

Nach etwas mehr als vier Jahren wirst du dann aber vom wichtigsten Menschen in deinem Leben betrogen und alles ist kaputt. Du bist wieder Single. Ein Jahr später streifst du Trauer und Wut ab. Du verstehst, dass das Ende richtig und nötig war. Aber diese Art des Verlassenwerdens hat dich verändert. Wo du vorher unermüdlich zu viel gegeben hast, bist du jetzt knauserig und ungeduldig, regelrecht misstrauisch. Du willst dir selbst genug sein – und bist es auch lange. Du schläfst zwar mit vielen Männern, zwischenmenschliche Verbindungen lässt du aber nicht zu. Immer schön unverfänglich. Wenn dir doch jemand nahekommt, fühlst du dich bedrängt und verspürst einen Fluchtreflex.

Wird das alles wieder besser? Und was rate ich dir jetzt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es ist 2019. Ich habe hart und viel an mir gearbeitet. Ich kann seit zwei, drei Jahren endlich sagen: Ich finde mich richtig gut, so wie ich bin. Ich bin so zufrieden wie noch nie in meinem Leben. Aber immer noch erlebe ich Tage und Wochen, in denen ich im Bett liege und mich die Einsamkeit so überkommt und zerreißt, dass ich sie sogar physisch spüre. Ich bin in eine neue Stadt gezogen und schaffe es nicht, einen richtigen Freundeskreis aufzubauen. Der alte ist schneller verkümmert als Zimmerpflanzen, weil ich einseitige Freundschaften nicht mehr pflege. Mein Liebesleben liegt brach. Und über die Wochen und Monate, in denen ich dir geschrieben habe, wurde mir eines klar: Ich habe eine Mauer um mich gebaut, ohne es zu bemerken. Jetzt sitze ich da in meinem kleinem Schlösschen und spreche es laut aus: Ich fühle mich allein und einsam.

Ich habe dir lange Briefe geschrieben mit vielen Ratschlägen. Und ich wünschte, du hättest sie wirklich bekommen. Denn ich weiß, sie hätten dir geholfen. Aber lass uns ehrlich sein: Es wäre komisch, wenn man mit 33 schon das komplette Leben durchgespielt hätte und erleuchtet wäre wie eine Supernova. Klar wäre es schön, würde ich jetzt einen Brief von David aus der Zukunft bekommen, der mich berät. Aber durch meine Briefe an dich habe ich erkannt, dass ich in den vergangenen 15 Jahren unglaublich gewachsen bin und darauf bin ich stolz. Jedes Hindernis war eine Frage der Perspektive. Also, ich versprech’s dir: Ich sehe die Einsamkeit nicht mehr als ausweglos. Und ich fange an, meine Mauer Stein für Stein abzubauen. Danke, dass du mir das gezeigt hast.

Denk an den französischen Film: Zusammen sind wir weniger allein.

Dein David“

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