„Du fühlst dich wie ein runzeliger Nacktmull unter Halbgöttern“

Unser schwuler Autor schreibt Briefe an sein jüngeres Ich. Diesmal: über Schönheitsideale und Selbstzufriedenheit.
Von David Würtemberger

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Davids Tagebucheintrag von damals:

„Augsburg, 2011

Ich fühle mich nur noch schrecklich hässlich. Wobei, hässlich stimmt nicht. Es ist eher völlige Unattraktivität. Oder besser: Attraktivitätslosigkeit. Ich fühle mich wie ein Es. Zwar da und sichtbar, aber irgendwie ohne Wertung.

Ganz ehrlich, das ist doch nicht mehr im Rahmen des ‚Normalen‘ (was ist schon normal blabla BLA), dass ein 25-jähriger die sexuelle Aktivität von … Baumrinde hat!?”

Davids heutiger Brief an sein altes Ich:

„Köln, 2019

Lieber David,

Sixpack, definierte Arme und, ganz wichtig, diese Muskellinien Richtung Schambein, wegen denen sich offenbar die halbe Welt lustvoll auf die Unterlippe beißt. Auf Dating-Plattformen wie PlanetRomeo, Grindr und den restlichen schwulen Einwohnermeldeämtern strahlt dir eine Armada von Astralkörpern entgegen. Oft sind es genau genommen Astraloberkörper ohne sichtbares Gesicht. Und zwischen diesen Profilen erscheinst auch du: Schlacksig, Puddingbody, Streberlook. Ohne Gym-Selfie, so denkst du, hast du keine Eintrittskarte zum Gay-Club. Du fühlst dich wie ein runzeliger Nacktmull unter Halbgöttern. Damit begehst du den größten Fehler überhaupt: Du vergleichst dich mit anderen. Das setzt den Beziehungsstatus zwischen dir und deinem Körper auf „Es ist kompliziert“.

Dieses Gefühl kommt nicht aus dem Nichts. Dir haben Männer gesagt, du seist zu dick, zu dünn, zu groß, zu untrainiert, zu behaart, zu wenig behaart, zu bleich, zu dunkel, zu südländisch, zu europäisch. Deine Frisur sei komisch, deine Klamotten merkwürdig, deine Brille hässlich, dein Bart zu viel, dein Bart zu wenig. Du bekommst diese Bewertungen einfach so und ungefragt, in Bars, Clubs und online, meist sogar ohne Interesse oder Kontaktaufnahme deinerseits. Was das soll? Ich kann es dir auch heute nicht sagen. Besondere Empathie-Champions schreiben direkt in ihren Profiltexten, dass Männer ohne Herkuleskörper keine Kerle seien und sich die Kontaktaufnahme sparen sollten. Geschmückt wird das mit der Finest Selection an Schimpfwörtern für über- oder untergewichtige Menschen – und wenn es noch widerlicher sein soll, wird auch mal mit Rassismus, Misogynie oder Homophobie nachgelegt. Du bist immer wieder schockiert und verstört, wie viel Hass Menschen wegen Äußerlichkeiten versprühen.

Makellosigkeit so weit das Auge reicht 

In unserer Gesellschaft existiert ein starres Ideal von Schönheit, das eigentlich kaum zu erreichen ist. Das erzeugt einen omnipräsenten Druck, vor allem auf Frauen. Aber auch für Männer gilt das immer mehr. Groß, symmetrisch, markante Gesichtszüge, volles Haar, muskulös. Mittlerweile könnten zwar auch immer mehr Heteros ihren Zweitwohnsitz im Fitnessstudio anmelden, aber für dich scheint der Körper in der Schwulenwelt deprimierend oft als noch wichtiger als alles andere bewertet zu werden. Auf Party-Flyern, in Szenezeitschriften, in Dating-Apps, auf Blogs oder Instagram – Makellosigkeit so weit das Auge reicht. Schau dir die Darsteller in Pornos an. Die sehen aus wie Klone eines Alpha-Mannes. Sogar ihre Ohrläppchen wirken durchtrainiert, bestückt und potent sind sie wie ein Deckhengst.

Du machst dir oft Gedanken, ob auch du dein komplettes Leben auf die Jagd nach einem solchen Traumkörper ausrichten solltest. Denn du würdest lügen, wenn du sagen würdest, dass solche Männer nicht schön anzusehen wären. Bist du womöglich einfach neidisch? Vielleicht tatsächlich irgendwo. Oft denkst du, dass sich dein Leben auf allen Ebenen exorbitant verbessern würde, könntest auch du als hypermaskuliner Alpha-Kerl durch die Welt stampfen. Je mehr Anmachen, desto mehr Sex-Appeal, desto mehr Selbstsicherheit und als Endresultat mehr Glück. Du weißt, dass dieser Gedanke Quatsch ist. Und trotzdem wabert er in deinem Bewusstsein.

Die Benchpress trainiert nicht dein Selbstbewusstsein

Aber jetzt verrate ich dir etwas: Selbst perfekt scheinende Menschen können unsicher sein. Du wirst einmal Sex haben mit einem Bodybuilder. Es wird dich überraschen, dass dieser Typ sich überhaupt für dich interessiert. Aber anstatt sich beim Sex dem Moment hinzugeben, performt er währenddessen eine Choreografie für eine nicht vorhandene Kamera. Er wirft sich von einer künstlichen Porno-Pose in die nächste und verzieht sein Gesicht zu affigen Mackerfratzen. Das Merkwürdigste an dem Treffen ist aber, dass er dich von Anfang an immer wieder fragt, ob er dir denn überhaupt gefalle. Als du fragst, was er damit meine, druckst er, er sei doch so viel kleiner als du. Dir wird klar: Unsicherheit und Selbstzweifel lassen sich nur bedingt mit Muskeln kompensieren. Egal was uns noch so viele Fitness-Influencer verkaufen wollen – die Benchpress trainiert nicht dein Selbstbewusstsein, das Laufband nicht deine Zufriedenheit. Komplexe und Selbstzweifel können sich hinter jeder noch so perfekt scheinenden Fassade verstecken.

Übrigens ist es auch überhaupt nicht schlimm, sich von einem bestimmten Typ Mann angezogen zu fühlen. Jeder findet sexy, wen und was er nun mal sexy findet. Ein Mann mit rundem Bauch macht dich zum Beispiel oft mehr an als einer mit Sixpack. Für dich gibt es vor allem ein besonders schönes und erotisches Körperteil bei einem Mann. Nennen wir es beim Namen: Du hast einen Gesichtsfetisch. Spricht dich das Gesicht an, ist dir der Körper ziemlich egal. Und so wirst du großartigen Sex mit dicken wie dünnen Männern haben, großen und kleinen, jungen wie alten.

Was ist überhaupt schön?

Es ist die übertriebene Idealisierung und andauernde Bewertung von Körpern, die nervt. Und die fußt schlicht auf der einfachen Frage: Was ist überhaupt schön? Der Punkt, den du irgendwie erreichen solltest, ist zu verstehen, dass de facto niemand äußerlich hässlich ist, weil Schönheit eine zutiefst subjektive und individuelle Wahrnehmung ist. Deswegen kannst auch du ganz objektiv weder schöner noch hässlicher sein als irgendjemand sonst.

Natürlich sollte deshalb niemand total selbstverliebt sein und ein Ego bis zum Mond haben, aber das Leben ist so viel einfacher, wenn man sich nicht die ganze Zeit fertig macht, weil man nicht einem bestimmten Bild entspricht. Zufriedenheit und Entspanntheit mit dir selbst und deinem Körper ist der Schlüssel. Hör auf, dich an anderen Maßstäben zu messen als deine Umwelt. Sobald du beginnst, milde und entspannt mit deinem Aussehen umzugehen, strahlst du das auch nach außen aus. Erst das macht dich dann richtig attraktiv. Also in einem Wort: Bodypositivity. Die gilt nämlich für uns alle.

Verstehe mich nicht falsch: Wenn du wirklich nicht zufrieden mit deinem Körper bist, versuche etwas zu ändern. Sport zum Beispiel ist super und auch sinnvoll für dich. Er kann sogar glücklich machen und Ausgleich sein. Aber frag dich immer: Mache ich das, weil ich es wirklich möchte und es mir gut tut – oder weil ich möglichst vielen andere Menschen gefallen möchte? Sollte Letzteres der Fall sein, möchte ich dir eine nüchterne Gleichung präsentieren: Wenn dich 99 Prozent der gesamten Menschheit unattraktiv finden, dann finden dich aktuell 77 Millionen Menschen auf diesem Planeten geil. Das sollte reichen. Und hey, da sind durchaus genügend Männer dabei, bei denen das auf Gegenseitigkeit beruht. Versprochen. Ich hab’s getestet.

Ganz besonders schöne Grüße

David“

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