„Meine Joints sind manchmal 30 Zentimeter lang“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben mit Cannabis. Folge 17: die Dosis.
Protokoll von Niko Kappel
kifferin doeisrung

Foto: Kemedo / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

„Ich verwende Gras als Rauschmittel und Medizin gleichzeitig, es hilft mir gegen mein ADS und meine Menstruationsschmerzen. Die Droge gibt mir deshalb ein Gefühl von Sicherheit. Ich werde automatisch nervös, wenn ich kein Gras daheim habe. Ich stelle mir vor, dass es anderen mit Schmerzmitteln vielleicht ähnlich geht: Viele Menschen haben immer so was wie Ibuprofen oder Aspirin daheim. Einfach nur zur Sicherheit, falls man mal krank wird. Ich dagegen muss immer Gras auf Vorrat dahaben. Ich vergleiche meinen Dealer deswegen auch immer zum Spaß mit einem Arzt. Man muss sich auf ihn verlassen können. Blöd also, dass Cannabis eine illegale Droge ist und ich es nicht einfach so im Laden oder der Apotheke kaufen kann. 

Ich rauche gerade 20 Gramm Marihuana im Monat. Im Vergleich mit den Kiffern, die ich so kenne, ist das schon verdammt viel. Das war nicht immer so, mit 16 hat mir ein Gramm für eine Woche gereicht. Ich hatte früher nur so kleine Plastiktütchen mit Gras daheim. Heute steht hier neben meinem Bett ein großes Marmeladenglas voll mit Knollen. Denn bei Gras ist es wie bei allen Drogen, man entwickelt mit der Zeit eine Toleranz. Mittlerweile brauche ich diese 20 Gramm, um durch den Monat zu kommen. So eine Toleranz ist schon frustrierend, vor allem, was das Geld angeht. Früher kam ich mit 50 Euro im Monat locker aus. Heute sind es 200. Manchmal krieg ich diese Menge auch nicht weggeraucht, aber das ist nicht schlimm. Gras wird ja nicht schlecht. Und dann habe ich schon was über für kommenden Monat oder kann was verkaufen. Das mache ich aber nur bei guten Freunden.

„Ich drehe meine Joints mit Endlesspapes, nicht mit normalen Longpapes“

Ich deale nicht, obwohl ich das mit solchen Menge natürlich könnte. Auf das Geld bin ich nicht angewiesen, ich habe ja einen Job. Außerdem will ich mein Geld nicht mit etwas verdienen, das illegal ist. Wenn ich von meinem Dealer so große Mengen hole, dann ist das aber natürlich trotzdem ein Risiko, dessen bin ich mir bewusst. Wenn ich mit 20 Gramm in der Tasche erwischt werde, dann wird das strafrechtlich verfolgt. In Bayern sind Menschen für 20 Gramm schon ins Gefängnis gekommen. Aber mit den Jahren wird man da gelassener. Ich bin schon so oft mit so viel Gras durch die Stadt spaziert und nie ist was passiert.

Es ist schwer zu sagen, wie viel Gras ich genau in einen Joint packe. Ich drehe meine Joints mit Endlesspapes, nicht mit normalen Longpapes. Das ist Drehpapier auf einer Rolle, man kann sich das ein bisschen wie Klopapier vorstellen. Ich reiße mir einfach so viel Papier ab, wie ich will. Manchmal baue ich aus einem Gramm drei Joints und manchmal kommt ein Gramm in einen einzigen Joint. Da diese Blättchen nicht vorgeschnitten sind, sind meine Joints manchmal 30 Zentimeter lang. Wenn zum Beispiel bei einer Party viele Leute mitrauchen, dann bringt mir ja so ein kurzer Stümmel nix. Ich will ja auch high werden. Alle Kiffer, die das hier lesen, werden jetzt bestimmt merken: Ja, ich kann ziemlich lange Joints bauen! Die sehen aus wie Zauberstäbe aus Harry Potter, echt schick. 

bild von ios 5

Mit der Zeit ist nicht nur Mias Konsum gewachsen, sondern auch ihre Joints.

Foto: privat

Früher hatte ich in meinen Joints noch sehr viel Tabak. Zur Einordnung für Leute, die nicht kiffen: In einen Joint mischt man Gras und Tabak, je nachdem, wie arg man high werden will. Ich mische meistens fifty-fifty. Ich rauche mit Tabak, weil ich pures Gras in Joints im Hals unangenehm finde. Ich muss da immer husten. Vom Bong rauchen – also Gras pur durch eine Wasserpfeife – bin ich kein Fan, weil man es schwerer dosieren kann. Man raucht einen Bongkopf und ist danach komplett aus dem Leben geschossen. Ein Joint ist viel portionierter, das mag ich daran. Außerdem sind pure Joints Grasverschwendung, weil man gar nicht so viel inhalieren kann, wie in einem puren Joint verbrennt.

Ich rauche also schon sehr lange sehr viel – trotzdem hat sich etwas verändert. Ich gebe mich heute mit einem anderen Rauschzustand zufrieden als früher. Während der Schule habe ich gekifft, um mich bewusst rauszuknallen. Ich nutzte Gras so, wie viele Menschen Alkohol nutzen: Sie haben Bock auf Rausch. Ich hatte Bock, bekifft zu sein. Heute ist das anders. Ich kiffe eher, weil ich schlafen will, weil ich meine Ruhe haben will und nicht, um Party zu machen. Ich benutze die Droge bewusster. Wenn ich heute nach zwei Zügen high bin, dann höre ich einfach auf zu rauchen. Früher habe ich jeden Joint zu Ende geraucht, egal ob ich danach zu nichts mehr zu gebrauchen war. Ich bin froh, dass sich dieses Mindset mittlerweile geändert hat. Obwohl ich noch gleich viel rauche, finde ich, dass ich heute ein gesünderes Verhältnis zu Gras habe, weil ich es bewusster einsetze.“

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber  ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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