„Dass es nur männliche Dealer gab, war für mich echt gut“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. Folge 6: die Beziehung zu Dealern.
Protokoll von Niko Kappel

Die Personen auf dem Symbolbild sind weder Mia (die eigentlich anders heißt) noch ihr Dealer.

Foto: dommy.de / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. In der vergangenen Folge erklärte sie, wie sie ihren Konsum finanziert.

„Es fing alles mit einem Schulkamerad an, wir waren beide 16. Ich hatte davor immer bei anderen Leuten mitgeraucht, bis ich so viel wegrauchte, dass ich mein eigenes Zeug holen wollte. Ich schaute mich auf dem Schulhof nach ihm um. Der Typ trug immer schwarze Klamotten, auf denen meistens irgendwo ein grünes Hanfblatt aufgedruckt war. Obwohl er jünger war als sie, hing er oft mit den großen Jungs aus der Kursstufe ab, alle mochten ihn. Irgendwann fragte ich ihn nach Gras. Das war keine große Überwindung, weil der Typ eh kein anderes Thema kannte.

Er war mein erster Kontakt zu einem Dealer und gab mir eine Nummer, ich rief an. Ich sollte in einen Park nahe der Schule kommen, irgendwann mittags nach dem Unterricht. Es war Sommer, ich schwitzte – nicht nur, weil es heiß war, sondern auch, weil ich echt Schiss hatte. Ich ging mit einer Freundin hin, weil ich so nervös war. Der Hanfblatt-Typ hatte mir vorher gezeigt, wie das Ganze laufen würde – in der eigenen Hand einen Zwanziger, Handschlag mit dem Dealer, der gibt dir ein Tütchen mit zwei Gramm Gras. 

Dass es in meinem Stadtteil nur männliche Dealer gab, war für mich echt gut

Das Blöde an dieser Taktik ist, dass man nicht sieht, was einem da in die Hand gedrückt wird. Am Anfang wurde ich ständig abgezogen. Ich öffnete meine Hand, als der Dealer um die Ecke war, und da war nicht annähernd die Menge drin, für die ich bezahlt hatte. Aber so ist das am Anfang. Dealer haben so viel mit Kiffern zu tun, die sehen es einem an, wenn man noch keine Ahnung hat. Ich rannte nie hinterher, wenn mich einer abzog, das sollte man auch echt nicht tun. Bei den meisten Deals im Park, bei denen ich dabei war, standen im Hintergrund einige gefährlich aussehende Jungs rum – vermutlich für den Fall, dass es Stress geben sollte.

Passiert ist mir zum Glück nie was. Ich verlor am Anfang zwar durch meine Unwissenheit einiges an Geld, wurde aber nie ausgeraubt, angefasst oder so. Oft hatte ich sogar Vorteile, weil ich ein Mädchen war. Wenn bei einem Deal mehrere Konsumenten kauften, bekam ich mein Gras deshalb immer zuerst. Das war wichtig, weil der Ticker nicht immer genug für alle dabei hatte.

Dass es nur männliche Dealer gab, war für mich echt gut. Ich flirtete manchmal, um bessere Kurse zu bekommen. Trotzdem hatte ich noch nie was mit einem Dealer. Ich lernte, dass man sowas am besten rein geschäftlich hält. Auch Freundschaften sind schwierig, obwohl man sich mehrmals die Woche sieht. Aber am Ende wollen die nur mein Geld und ich ihre Drogen. Keine gute Basis für eine zwischenmenschliche Beziehung. 

Es ist echt entwürdigend, in der Kälte auf einen Typen zu warten, der nicht kommt

Dealer haben ihre Kunden komplett in der Hand. Sie wissen, dass die Kiffer sowieso auf sie warten, weil sie Gras brauchen. Deswegen tauchen sie auf, wann sie wollen, oder verkaufen ihr Gras viel zu teuer. Zudem sind sie in den allermeisten Fällen auch selbst Kiffer – und daher ziemlich unzuverlässig. Es ist dementsprechend scheiße, wenn dein Wohlergehen von einem Typen mit Hanfblättern auf den Klamotten abhängt, der immer zu spät kommt. Im Sommer ging das immer klar, aber im Winter war es beschissen. Ich wartete oft bei Minusgraden anderthalb Stunden vor einer Parkbank. 

Es ist echt entwürdigend, in der Kälte zu stehen und auf einen Typen zu warten, der ewig nicht kommt. Das waren auch oft die Momente, in denen ich meinen Konsum reflektierte und mir dachte, dass das Ganze schon armselig ist. Aber irgendwann kam dann der Dealer und ich bekam mein Gras, war high und vergaß alles andere.

Außerdem wäre ich in meiner Schulzeit sowieso nicht darum herumgekommen, mich mit Dealern im Park zu treffen. Die meisten waren in meinem Alter und wohnten noch bei ihren Eltern. Man lernt also, mit dieser Abhängigkeit umzugehen.

Weiß der Geier, wie oft ich schon mit fünf anderen Kiffern irgendwo in einem Park stundenlang auf einen Ticker wartete. Weil wir alle kifften, wurde dann irgendwann aus Langeweile ein Joint gebaut und geraucht. Wenn dann endlich der Dealer kam, zogen wir oft mit dem auf seine Kosten nochmal einen durch. Dann war irgendwann der Tag vorbei, ich saß fünf Stunden mit fremden Leuten auf einer Parkbank rum und war oft viel zu breit, um noch irgendwas zu tun.

Sie wussten, dass ich sowieso sitzen bleibe und zuhöre, weil ich ihr Gras brauche

Die meisten, die ich kennenlernte, machten den Dealer-Job meiner Meinung nach eher weniger wegen des Geldes. Klar stiegen einige ein, um sich ihren eigenen Konsum zu finanzieren. Vielen ging es es aber auch um den Stellenwert und um die Leute, die sie durch das Dealen um sich herum hatten. Ich hatte immer das Gefühl, dass die meisten meiner Dealer es genossen, dass Leute von ihnen abhängig waren. Einige waren narzisstische Arschlöcher, die mir eine Stunde lang von ihren Problemen erzählten und mich ausnutzten, weil sie wussten, dass ich sowieso sitzen bleibe und zuhöre, weil ich ihr Gras brauche. Viele meiner Dealer haben außerhalb ihres Kundenstamms wenig menschliche Kontakte, da dealen sehr zeitaufwändig ist. 

Ich habe heute zwei Stammdealer, die ich einmal im Monat zu Hause besuche. Die sind beide sehr nett und immer fair. Oft komme ich dann rein, rauche noch einen Joint mit ihnen, mache Smalltalk und haue dann mit meinem Tütchen wieder ab.

Meinen Wunschdealer habe ich leider nie gefunden: Ein älterer, esoterisch aussehender Typ, zu dem man nach Hause kommt, bei ihm riecht es nach Räucherstäbchen. Der hat dann zigtausende Grassorten in schönen Einmachgläsern aufbewahrt, wie in so einem Tante Emma Laden. Diese Vorstellung fand ich immer so geil, weil so ein Eso-Typ ein bisschen das Illegale aus der Sache rausnehmen würde. Bei einem älteren Yogalehrer-Dealer käme ich mir weniger kriminell vor. Also, wer so einen Typen kennt: Bitte gib mir seine Nummer!“

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber  ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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