„Gras ist für meine persönlichen Probleme oft die Lösung“

In unserer neuen Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. Folge eins: der erste Joint.
Protokoll von Niko Kappel

Foto: Photocase/Addictive Stock Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis.

„Also, als erstes will ich sagen, dass ich weiß, dass Gras eine Droge ist. Ich bin keine dieser verblendeten Romantik-Stoner, die glauben, dass Marihuana die Lösung für alle Probleme und Konflikte auf der Welt ist. Gras kann gefährlich sein, das habe ich selbst oft genug erlebt und davon werde ich hier auch erzählen. Nur ist es eben so: Gras ist für meine persönlichen Probleme oft die Lösung. Deshalb kiffe ich, seit ich 15 Jahre alt bin. Heute bin ich 22.

Die Geschichte, wie ich angefangen habe zu kiffen, ist ziemlich basic und langweilig, wahrscheinlich gehört sie aber trotzdem hier her. Ich war 14 oder 15 Jahre alt, das weiß ich nicht mehr so genau. Ich bin in einer deutschen Großstadt aufgewachsen und dort auf das Gymnasium gegangen. Meine Eltern sagen, dass ich ein sehr aktiver Teenager war, immer so ein bisschen klassenclownmäßig unterwegs, ich hatte schon immer viele Freunde. Im Sommer saßen wir alle irgendwann mal abends noch im Park. Einer hatte einen Joint dabei und die Jungs fingen an, ihn zu rauchen. Für mich war das in dem Moment eine Grundsatzentscheidung: Bin ich das coole Girl, das auch mal lässig zieht, oder sage ich ,Nein‘ und bin das Opfer? Natürlich habe ich gezogen.

Bei vielen Leuten passiert beim ersten Mal kiffen gar nichts. Sie rauchen und rauchen und merken nichts und fragen sich dann, warum man um die ganze Sache so einen Aufstand macht. Das hab ich nie verstanden. Mich hat der erste Zug direkt voll weggehauen. Ich hab mich weit weg gefühlt von allem und mir war angenehm warm, auf einmal war ich in diesem Park wie in Watte eingepackt. Obwohl ich in diesem Moment nicht alleine war, war ich doch total bei mir und für mich. Eigentlich versuche ich seit diesem Moment im Park, wieder in diesen Rauschzustand zu kommen. Aber das ist das Problem mit Drogen: Es wird nie wieder so geil wie beim ersten Mal.

„Sobald eine Substanz deinen Alltag bestimmt, hast du ein Problem“

Ich habe quasi ab dem Moment angefangen, jeden Tag zu kiffen. Ich habe Kumpels aus der Schule gefragt, wo sie ihr Gras herbekommen und bin zum ersten Mal mit zu einem Dealer gegangen. Es war so geil, dass ich auf einmal meine Stimmung von außen beeinflussen und sogar kontrollieren konnte. Bei mir wurde als Kind auch schon mal ADS diagnostiziert, ich hab das ,Träumerchen‘-Syndrom. Das heißt, dass ich ein unglaublich aufgeregter und hibbeliger Mensch bin, ich kann mich sehr schwer entspannen oder wirklich auf eine Sache konzentrieren. Ritalin hat einen Scheiß dagegen geholfen, davon wurde es nur noch viel schlimmer. Mit Gras hatte ich das auf einmal viel besser unter Kontrolle – Entspannung und ein gutes Gefühl auf Knopfdruck. Einen rauchen und dann wird alles gut. So naiv ist man als 15-Jährige, ich denke das kann jeder verstehen. Ich war ja irgendwie fast noch ein Kind.

Kiffen ist in dem Ausmaß, in dem ich es in meinem noch jungen Alter betrieben habe, gefährlich. Es nimmt deine Zeit komplett ein, es ist voll das aufwendige Hobby. Du musst dir Gras besorgen, Geld verdienen, rauchen und vor allem bist du die ganze Zeit high. Alleine das nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch. Da fallen andere Dinge, die in dem Alter eigentlich wichtiger sind, gerne mal hinten runter. Schule zum Beispiel oder Freunde oder die erste Beziehung. Das heißt nicht, dass man keinen Spaß haben sollte und nicht ab und zu was kiffen oder trinken darf. Aber sobald eine Substanz deinen Alltag bestimmt, hast du ein Problem. Wie das bei mir zum Problem geworden ist, warum ich immer noch kiffe und was sich durch Gras in meinem Leben verändert hat – davon werde ich hier die nächsten Wochen erzählen.“

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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