„Ich kann nicht weiterkiffen wie bisher“

In unserer neuen Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben mit Cannabis. Folge zwei: erwischt von den Eltern.
Protokoll von Niko Kappel

Foto: Photocase/axelbueckert Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland etwa 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis.

„Bei Drogen hat jeder Mensch Stereotypen im Kopf. Und wenn es um die eigenen Kinder geht, sind die Vorstellungen meist besonders schlimm. Deshalb kann ich meine Eltern verstehen. Sie gehen immer gleich vom Schlimmsten aus. Hätte ich als deren Tochter zu früh zu viel getrunken, hätten sie mich wohl sofort als Pennerin unter der Brücke enden sehen. Wegen des Kiffens sehen sie mich als verpeiltes Mädel mit Dreadlocks und Bong, das nur Zuhause rumsitzt, raucht und nichts gebacken kriegt.

Ich kriege aber Sachen gebacken. Ich habe meine Schule fertig gemacht, habe schon immer eigenes Geld verdient, studiere und bin von zuhause ausgezogen. Trotzdem hat es sehr lange gebraucht, bis meine Eltern dieses Klischee-Bild von der vercheckten Kifferin losgeworden sind. Teilweise haben sie es heute noch und dabei wissen sie seit acht Jahren, dass ich kiffe. Meine Eltern sind sehr konservativ. Ich kann es ihnen daher nicht mal verübeln – denn mein Lebensstil ist einfach zu konträr zu allem, was sie selbst für richtig und normal halten.

Als mich meine Eltern zum ersten Mal beim Kiffen erwischt haben, war ich 16 und habe schon gut zwei Jahre regelmäßig geraucht. Es war immer das gleiche Ritual: Ich saß beim Abendessen mit meiner Familie und habe nur darauf gewartet, nochmal raus zu gehen, um einen zu rauchen. Darauf habe ich mich den ganzen Tag gefreut. Egal wie stressig es war – und es war stressig, ich war ein pubertäres Mädchen – ich wusste, dass ich abends in Ruhe einen Joint rauchen kann. Das ist noch heute so, am Ende eines harten Tag sehe ich Gras als Belohnung.

„Er fing stumm an, im Gras herumzusuchen und ich saß daneben“

Meine Eltern sind nicht blöd, sie haben sich irgendwann gewundert, warum ich jeden Abend immer um die gleiche Zeit nochmal raus gehe. Ich saß gerade auf meiner Parkbank, ganz bei uns in der Nähe, auf der ich zwei Sommer lang jeden Abend gesessen habe und gekifft habe. Es war ein lauer, schöner Sommerabend, der Joint war gerade angehauen, da kam auf einmal mein Vater um die Ecke. Er war mir gefolgt.

Ich warf den Joint weg, irgendwo ins Gebüsch, und wurde panisch. Er fing stumm an, im Gras herumzusuchen und ich saß daneben. Er fand den Joint schnell und roch daran – die Enttäuschung, die er in den Augen hatte, werde ich nie vergessen. Vielleicht habe ich das falsch in Erinnerung, aber in seinem Blick sah ich vor allem eine Frage: Was habe ich als Vater verkackt, dass meine Tochter Drogen nimmt?

Natürlich war ich erstmal geschockt. Aber wenn ich heute rückblickend ehrlich zu mir bin, dann bedauerte ich vor allem diese Erkenntnis: „Ich kann nicht mehr so weiterkiffen wie bisher.“ Mein Alltag würde sich ab diesem Moment krass verändern und davor hatte ich unglaubliche Angst, viel mehr Angst als vor einer Strafe. Und die sollte ich bekommen, das wusste ich schon in diesem Moment auf der Parkbank.

Viele Jugendliche werden von ihren Eltern bei etwas erwischt. Bei mir war das aber etwas anderes, als wenn man beim Klauen oder so erwischt wird. Denn mir lag ja etwas am Kiffen, anderen liegt eher nichts am Klauen. Mein Safe-Space, das, was mich damals in der Pubertät durch den Tag brachte, wäre auf einmal weg. Vielleicht ist das auch irgendwelches Kiffer-Geschwätz, aber ich bin mir heute noch sicher, dass es mir dabei nicht nur darum ging, high zu sein. Für mich war Kiffen meine Art von Rebellion. Wie jeder Teenager wollte ich cooler sein als alle anderen und vor allem wollte ich anders sein als meine Eltern. Das Kiffen war meine Methode, mich von ihnen abzugrenzen und mein eigenes Ding zu machen. Und die war in diesem Moment auf der Parkbank auf einmal weg.“

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt, für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig.

  • teilen
  • schließen