Chris James ist ein Popstar in China – und wusste es nicht

Der Düsseldorfer Singer-Songwriter Chris James
Foto: Pablo Smith

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Eine Polonaise aus Pikachus. Ein Flashmob in einem Einkaufszentrum in Bejing. Oberkörperfreie Chinesen, die ihre Muskeln im Takt vor der Kamera zucken lassen. „Als ich im Frühjahr 2020 ‚Not Angry‘ geschrieben habe, wusste ich nicht mal, was Tiktok ist“, lacht Chris James und scrollt weiter auf seinem Smartphone durch einen endlosen Feed aus Videos auf Douyin, die seinen Song als Hintergrundsoundtrack verwenden. Douyin ist die Ursprungsapp von Tiktok. Mit dem Unterschied, dass gesellschaftskritische Inhalte auf Douyin zensiert werden. Tiktok, wie die optisch und technisch sehr ähnliche App überall sonst auf der Welt heißt, kann in China auch praktisch nicht heruntergeladen werden. Auch wenn Douyin zudem Statistiken geheim hält, legen jedoch Screenshots von erfolgreichen Fan-Covern seines Songs nahe, dass ihn Millionen Menschen so gehört haben könnten, ja dass Chris James einen Welthit geschrieben hat und nichts davon wusste. „Ich bekomme die sweetesten Messages aus China. Die melden sich extra bei Instagram an, um mir zu schreiben“, sagt er kopfschüttelnd, während auf dem Smartphone eine Frau zu seinen Akkorden mit ihren Händen Fische fängt. „Ich hatte ja keine Ahnung, was da drüben abging.“ 

Ende 2021 ist Chris James ein Social-Media-Popstar in China. Wie er sagt, planen Agenturen Touren mit ihm durch ein Land, das er physisch nie betreten hat. Auch wenn er finanziell bislang nicht profitiert und die Verhandlungen um Erlöse für den Song aus China andauern, will er den neuen Fame für Konzerttouren in der Zeit nach der Pandemie nutzen. Lang wusste der Sänger aus einer Kleinstadt bei Düsseldorf aber nichts vom Megahype um ihn.

Ende 2020, als seine Stimme auf chinesischen Pausenhöfen schon aus Smartphones scheppert, ahnt er noch nicht, wie sich „Not Angry“ verselbstständigt hat. Wenige Monate zuvor droppt er das Musikvideo für den Song bei Youtube. Es ist die fünfte Single aus seinem selbst produzierten Debütalbum „The Art Of Overthinking“. Damals hat er keine Plattenfirma. Hinter dem Video, das er mit seinen Geschwistern im Garten der Großmutter dreht, hätte kein großer Plan gesteckt, erzählt er. Irgendwann häufen sich darunter Kommentare mit Herzen und chinesischen Schriftzeichen, die sich Chris James von Google übersetzen lassen muss. „So viele schrieben, dass ich bei Douyin ein Star bin“, erinnert er sich und zeigt die App auf seinem Smartphone her. „Und ich war nur so: ,Was zur Hölle ist Douyin?’“.

Ist der Song ein One-Hit-Wonder?

Einen Fall wie diesen hat Matthias Pasdzierny noch nie gesehen. „Für Chris James habe ich keine richtige Erklärung. Er ist ein One-Hit-Wonder“, sagt der Musikwissenschaftler von der Universität der Künste in Berlin. Seine Arbeit „Make Every Second Count“ über Popmusik auf Tiktok gilt als Standardwerk. Mit Erklärungen für einen deutschen Musiker, der hinter den hohen, digitalen Mauern der Tiktok-Ursprungsapp Douyin viral gegangen ist, tut aber auch er sich schwer. „Ich wüsste von niemandem, der aus Deutschland jemals da gelandet wäre“, lacht er. Als Newcomer bekomme man da zwar einen Startbonus des Algorithmus und hätte vielleicht dadurch kurz ein Momentum, so Pasdzierny, das reiche als Erklärung aber nicht. Alles könnte eher, vermutet er, mit dem Intro des Songs zu tun haben. Da hört man Chris James tief ausatmen. Und ein „Oh Boy“ stöhnen.

Der Musikproduzent Nick Sylvester aus Los Angeles arbeitet seit Jahren mit Tiktoker:innen. Sein Label „Godmode Music“ hat sich auf Künstler:innen spezialisiert, die bei der Plattform erfolgreich sind. „Boyfren“ von Loveleo, einen der Tiktok-Pophits, hat er produziert. Und auch er sagt jetzt im Skype-Interview, dass solche scheinbaren Nebensächlichkeiten, solche Irritationen im Soundbild wie Chris James’ „Oh Boy“ oft in Tiktok-Hits auftauchen. Sowas könnte eine Echtheit, eine „Dirtyness“ schaffen, die es braucht. Alles, so Sylvester, müsste zufällig aussehen, alles Glattpolierte würde bei den User:innen durchfallen. Das gehauchte „Oh Boy“ von Chris James mache ihn „relatable“. Ein „Oh Boy“, das Chris James zuvor nicht auf dem Song haben wollte. Erst im letzten Moment, erst auf Zuraten seines jüngeren Bruders hin, hätte er das Seufzen drin gelassen. „Eigentlich“, schmunzelt James, „wollte ich das rausschneiden. Gut, dass ich auf meinen Bruder gehört habe.“

Trotzdem: Wie „Not Angry“ ein solcher Hit in China werden konnte, lässt sich nur schwer erklären. Der tiefenlastige, vibige Sound könnte in der ASMR-Community Views gesammelt, James’ Arbeit als Co-Songwriter für „Life Goes On“ von BTS könnte ihm im asiatischen Raum einen Namen gemacht, die thailändische Content-Creatorin Zheng Naixin könnte mit dem Song in einem ihrer Schmink-Tutorials zu diesem Buzz beigetragen haben. Könnte. Könnte. Könnte. Vielleicht auch nicht. „Jeder, der dir sagt, er könnte erklären, warum etwas viral geht“, fasst Nick Sylvester das weltweite Rätseln nach „der einen Formel“ zusammen, „lügt.“ Und wenn er selbst wüsste, wie man sowas bei Tiktok oder Douyin aus dem Nichts entstehen lassen kann, würde er es sicher niemandem verraten.

Immer wieder werden Menschen auf Tiktok über Nacht zum Star

So reiht sich Chris James' Geschichte ein in viele dieser Über-Nacht-zum-Star-Geschichten, die sich immer wieder auf Douyin und Tiktok ereignen sollen: eine singende Babysitterin, eine 110-jährige Großmutter, ein schottischer Postbote, dessen Seemannslied 2021 zehn Wochen lang die deutschen Single-Charts anführt. Natürlich beherrschen große Labels mit großen Budgets heute die Plattform, natürlich werden solche scheinbar zufälligen Underdogstorys heute künstlich hergestellt. Wie Nick Sylvester sagt, garantiere aber kein Geld der Welt, ob so eine Kampagne von der Community angenommen werde. Tatsächlich scheint auf sozialen Netzwerken auch der Zufall eine Rolle zu spielen. Denn, die Frage, was viral ginge, das erklärt Matthias Pasdzierny von der Universität der Künste in Berlin, hinge davon ab, was im Backend der Plattformen, was im Code, was im Maschinenraum der Netzwerke passiere. „Da sieht keiner rein. Was bei US-Anbietern wie Instagram oder Youtube allerdings auch nicht anders ist.“

Die Irrationalität des Internets in diesen Momenten, der himmelhohe Zufall, dass auch jemand wie Chris James zwischen gekauften Likes und manipulierten Klicks existieren kann, ist ein Glücksfall, ein Lottogewinn in China ohne ausgefüllten Tippschein. Oder doch eine Strategie der Plattform? Eine Verjüngungskur eines alternden Netzwerks? Gar eine PR-Strategie, um die Zensur auf der Ursprungsapp Douyin mit Tiktok-Fame-Geschichten zu verschleiern? Der Musikwissenschaftler Matthias Pasdzierny glaubt, dass solche Geschichten die beste Werbung für Tiktok sein könnten. „Möglich wäre, dass der Algorithmus random auch Dinge pusht oder ein Team durch redaktionelle Entscheidungen solche Phänomene wie Chris James gezielt erschafft“, spekuliert er. „Vielleicht gibt es eine Art kuratierten Zufall – ich würde Tiktok das jedenfalls zutrauen.“

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