Wir brauchen einen besseren Bullshit-Radar für Tiktok

Charli D’Amelio hat als erste Tiktokerin mehr als 100 Millionen Follower*innen. Ihr Beispiel zeigt, dass wir die Plattform genauso skeptisch nutzen sollten wie Instagram.
Von Magdalena Pulz
meine theorie tik tok

Beep Beep Beep Bullshit.

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Charli D'Amelio ist 16 Jahre alt und schon die erfolgreichste Tiktokerin der Welt. Die US-Amerikanerin hat in dieser Woche die 100-Millionen-Follower*innen-Marke überschritten, vor allem dank ihrer Tanzvideos zu viralen Hits. „Leute, ihr habt keine Ahnung, wie viel mir das bedeutet“, kommentierte sie ihren Erfolg. Genau wie dieses Statement wirkt ihr gesamter Account: etwas fad, aber fröhlich. Und das scheint den Menschen zu gefallen.

Während es knapp 14 Jahre gedauert hat, bis der Bollywood-Channel T-Series auf Youtube 2019 als erster die 100 Mille erreicht hat, hat Charli nur etwas mehr als ein Jahr dafür gebraucht. Generell gibt es – egal in welchem sozialen Medium – gar nicht so viele Accounts, denen über Hundert Millionen Menschen folgen. Auf Instagram etwa sind es 22, auf Twitter drei, bei Youtube nur zwei (Stand 24. November 2020). Das zeigt auch: Tiktok ist längst nicht mehr nur die Vorband, Tiktok ist ein Main Act der digitalen Sphäre. Und obwohl Tiktok auf den ersten Blick nicht so oberflächlich erscheint wie etwa Instagram, müssen wir als Nutzer*innen lernen, nicht nur mit der Plattform, sondern auch ihrem Content kritisch umzugehen, kurz: unseren Tiktok-Bullshit-Radar verbessern – gerade auch wegen Tiktoker*innen wie Charli D'Amelio.

Tiktok wird kritisiert – aber eher nicht wegen der Inhalte

So ganz angekommen ist die Dringlichkeit, sich richtig mit der Wirkung von Tiktok zu befassen, bei den meisten Menschen in Deutschland noch nicht. Wundert nicht, denn Tiktok ist hier bislang verhältnismäßig nicht sehr verbreitet (nur neun Prozent der 14 bis 29 Jahre alten Menschen sollen die Plattform überhaupt benutzen). Es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Plattform sich im deutschen Sprachraum durchsetzt. Weltweit ist Tiktok mit insgesamt 800 Millionen Nutzer*innen nach Facebook, Youtube und Instagram inzwischen die viertgrößte Social-Media-Plattform (wenn man primäre Chat-Programme wie Whatsapp oder das chinesische Pendant WeChat ausklammert).

Dabei ist es nicht so, dass Tiktok nicht auch kritisiert wird, gerade im Hinblick auf den  Umgang mit persönlichen Daten wird die chinesische Videoplattform immer wieder bemängelt. Worüber jedoch bisher wenig gesprochen wird, ist, inwiefern Tiktok der Psyche und dem Selbstwert junger Menschen schaden kann. Grundsätzlich können soziale Medien, neben den ebenfalls belegten positiven Effekten, etwa auf Freundschaften, auch negative Folgen für den Selbstwert von Heranwachsenden haben und etwa Depressionen verstärken. Dazu gibt es inzwischen einen Haufen Studien. Gerade Instagram wurde in den vergangenen Jahren (mit Recht!) dafür kritisiert, dass die Fotoplattform auch aufgrund von Bildbearbeitungen junge Menschen negativ beeinflussen kann.

Im Gegensatz zu Tiktok funktioniert unser Bullshit-Radar bei Instagram inzwischen recht zuverlässig. Während man sich 2017 noch von Prosecco-trinkenden Menschen in der Abendsonne beeindrucken ließ, sind die meisten inzwischen Photoshop-Philipp genug, um zu wissen, wie leicht sich etwa Haut und Körper mit Filtern und Verzerrungseffekten manipulieren lassen. Die Entzauberung von Instagrammer*innen ist schon eine eigene kleine Kunstform geworden, ganze Accounts befassen sich damit.

Welche Potentiale hat die Plattform?

Tiktok ist anders aufgebaut als etwa Instagram und hat damit ein anderes Potential, auf seine Nutzer*innen zu wirken. Zum einen ist es eine reine Kurz-Video-Plattform (maximal eine Minute), im Gegensatz zu Instagram, bei dem Fotos nach wie vor im Vordergrund stehen. Dabei ist es fraglich, ob und wenn ja, wie Videos anders als Fotos auf die Rezipient*innen wirken. Ist ein Video, das einem das „perfekte Leben“ vorgaukelt, gefährlicher für den eigenen Selbstwert als ein simples Foto? Auf jeden Fall suggeriert ein Video mehr Authentizität und Echtheit als ein Foto. Gleichzeitig gibt es auf Tiktok ebenfalls Beauty-Filter, die die Menschen schöner, dünner und großäugiger machen.

Zum anderen spielt einem Tiktok in erster Linie nicht die Videos von Accounts vor, denen man folgt, sondern Inhalte, von denen der Algorithmus denkt, dass sie einem gefallen. Bei Instagram ist es eher andersrum: Der selbst gestaltete Feed steht im Vordergrund und wer mag, kann noch mehr „entdecken“. Wie Tiktok diese Inhalte auswählt, ist, wie so üblich in den sozialen Medien, nicht transparent. Sicher ist jedoch, dass erfolgreiche Accounts besonders oft in den Feed gespült werden – nach dem Motto: Was so vielen Menschen gefällt, muss auch dir gefallen! 

Und damit sind wir wieder bei der tanzenden Hundert-Mille-Tiktokerin Charli D'Amelio, die „Reigning Queen of Tiktok“, wie sie die New York Times taufte. Wer auf der Plattform unterwegs ist, bekommt ihre Videos im eigenen Feed gezeigt, ob man ihr folgt oder nicht. Dabei ist sie vor allem eines: schöner, graziler, stylischer, dünner und glücklicher als der Durchschnitt – zumindest erweckt ihr Profil den Anschein. Damit ist das Zugpferd der Plattform eine klassische Influencerin, deren Content man auf Instagram eher mit Vorsicht genießen würde. Auf Tiktok dagegen erscheinen ihre Videos nicht ganz so oberflächlich manipulativ wie die „zu schönen“ Fotos auf Insta, obwohl sie die gleiche Wirkung haben dürften. 

Schon bei Facebook und Instagram haben wir zu langsam gecheckt, welchen Schaden diese sozialen Medien anrichten können, wenn man nicht aufklärt. Deswegen müssen wir jetzt lernen, Tiktok-Inhalte besser einzuschätzen, bevor es auch in Deutschland so viel Einfluss hat wie andere Plattformen: Hinter welchem Video steckt wie viel Aufwand? Wie erkenne ich, dass ein Filter benutzt wurde? Oder ob eine Werbe-Kooperation vorliegt? Wie professionell ist ein Tiktok-Video aufbereitet? Wie groß ist der Anteil von Videos, die ein gefährliches Körperbild zeigen? Über solche Themen muss mehr und kritischer berichtet werden. Im besten Falle auf Grundlage von wissenschaftlichen Arbeiten – damit der Bullshit-Radar von uns Nutzer*innen besser geschult wird. Denn mit einem funktionierenden Bullshit-Radar und wenn der Algorithmus erst mal mit den wirklichen eigenen Interessen gefüttert ist, kann die Plattform absolut lustig, cool oder lehrreich sein – je nachdem, was man eben mag.

Auch wir von jetzt sind auf Tiktok vertreten, wo wir versuchen, junge Menschen zu erreichen, zu informieren, und auch zu unterhalten. Mehr Infos dazu findest du hier.

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