„Ich bin nicht der Amokläufer, ich bin Schauspieler“

Wie schnell man im Netz massiv verunglimpft werden kann, musste der 25-jährige Tobias Ludloff erfahren.
Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

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Gegen 13 Uhr vibriert Tobias Ludloffs Handy zum ersten Mal. Ludloff, 25, kommt gerade von seiner Mittagspause in der Nähe von Karlsruhe, als ein Unbekannter einen Post auf Instagram mit ihm teilt. Darauf ist ein kniender Mann in Militäruniform zu sehen, in der rechten Hand hält er eine Gasmaske, in der linken ein riesiges Maschinengewehr. Ludloff kennt den bewaffneten Mann auf dem Foto: Es ist er selbst. 

Das Foto zeigt den Schauspieler, wie er bei einem Filmdreh einen Scharfschützen spielt. Davon wird in dem Post, der auf Twitter wohl zuerst von einer nicht-identifizierbaren Person unter dem Pseudonym Der letzte gute User verbreitet worden ist, allerdings kein Wort verloren. Über dem Foto steht: „Der Täter wurde als der 23-jährige Tobias Ludloff identifiziert.“ Ludloff hat zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass es einen Amoklauf gegeben hat und was der Post soll. Erst als in den nächsten Minuten immer mehr Nachrichten in seinem Postfach landen, versteht er, dass im Netz das Gerücht umgeht, er sei der Amokläufer von Heidelberg. 

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Kurz nachdem dieser Post abgesetzt worden ist, gingen bei Tobias Ludloff die ersten Kommentare ein.  Inzwischen ist der Original-Post aber nicht mehr auffindbar.

Screenshot: Twitter

Nach bisherigen Erkenntnissen ist es zu diesem Zeitpunkt keine halbe Stunde her, dass in einem Hörsaal an der Universität Heidelberg ein junger Mann um sich geschossen hat. Zwei Studentinnen und ein Student wurden leicht verletzt, eine 23-jährige Frau starb an den Folgen der Schüsse. Nach dem Angriff soll sich der Täter vor dem Hörsaalgebäude selbst erschossen haben. Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass es sich bei dem Täter um einen 18-jährigen Deutschen handelte, der als Biologie-Student an der Universität Heidelberg eingeschrieben war. 

Twitter sperrt den Account, der das Bild von Ludloff verbreitet hat, innerhalb weniger Stunden – doch zu spät. Der Schaden ist angerichtet, Ludloffs Gesicht und Name wird im Internet unter dem Label „Täter“ verbreitet. Und weil Tobias Ludloff auf Instagram zu finden ist, bekommt er die Reaktionen direkt ins Postfach. „Ein paar dumme Kommentare gehören im Internet dazu“, sagt Ludloff. „Aber das war etwas ganz anderes.“

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Eigentlich arbeitet Ludloff als Schauspieler und Buchautor.

Foto: privat

Nicht nur für Ludloff ist dieses Eigenleben von falschen Informationen im Internet ein Problem. Auch die für die Ermittlungen hauptverantwortliche Polizei Mannheim berichtet, dass „bewusst gesteuerte Fehlinformationen“ die Ermittlungen erschwerten. Wie schwerwiegend die Folgen solcher Fake News sein können, hat der Terroranschlag in München 2016 gezeigt. Nach dem Attentat, das sich eigentlich auf ein Einkaufszentrum beschränkte, stand die gesamte Stadt für mehrere Stunden still, weil im Netz Gerüchte über angebliche Täter und verschiedene Tatorte kursierten. Sie sorgten dafür, dass die Ermittlungen der Polizei behindert wurden und Menschen in Panik ausbrachen. Aber warum geht nach Anschlägen und Amokläufen im Netz immer gleich die Suche nach den Täter:innen los? Und was machen die Gerüchte mit denen, die verleumdet wurden?

„Es soll hier nicht um mich gehen, sondern um die Opfer“

Am Morgen nach dem Amoklauf schaut Tobias Ludloff mit müden Augen in die Handy-Kamera. Den gestrigen Tag bezeichnet er als „die totale Überforderung“. So viel Hass habe er noch nie erlebt. Dabei ist Ludloff Hass im Netz eigentlich gewöhnt: Er ist nicht nur Schauspieler, sondern hat auch ein Buch über sein Leben mit Autismus geschrieben, redet auf seinem Youtube-Kanal über Veganismus. Seit 2019 kursieren im Netz immer wieder Hasskommentare und Memes, die ihn persönlich beleidigen und seinen Lebensstil lächerlich machen.

Ludloff glaubt, die Verantwortlichen dieser Posts zu kennen. „Fünf bis sieben Leute haben es sich seit 2019 zur Lebensaufgabe gemacht, sich über mich lustig zu machen“, erzählt er. „Ich bin sowas wie der Drachenlord für die.“ Der Youtuber „Drachenlord“, der mit bürgerlichen Namen Rainer Winkler heißt, wird seit Jahren von einem Internetmob bedroht und belästigt. Er wehrte sich körperlich – und wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und anderer Straftaten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Anders als der „Drachenlord“ konnte Ludloff mit den Provokationen bis jetzt immer gut umgehen. Doch am Montag war er am Anfang völlig überfordert von dem Shitstorm. Dann nahm er auf Instagram eine Story auf, in der er sich deutlich zu den Vorwürfen positioniert: „Ich bin nicht der Amokläufer, ich bin Schauspieler“, ruft er darin der Community zu. Er postet das Video auf Instagram – und hofft, dass sich die Leute wieder beruhigen.

In den sozialen Medien jagt zur selben Zeit ein Gerücht das nächste. Neben Fotos von Tobias Ludloff werden auf Facebook, Twitter und Instagram wie schon bei vorherigen Anschlägen und Amokläufen eben auch Fotos vom „Drachenlord“ geteilt und dieser als Täter diffamiert. Impfpflichtgegner:innen und Verschwörungsgläubige stellen einen Zusammenhang zwischen dem Angriff und der Corona-Politik der Bundesregierung her. Und obwohl man eigentlich nur einmal etwa das vielgeteilte Foto vom „Drachenlord“ googeln muss, um herauszufinden, dass der immer wieder verleumdet wird, teilen viele User:innen die Falschnachrichten in den sozialen Netzwerken. 

Nicht alle Fake News werden absichtlich verbreitet – aber manche

Die Medienpsychologin Sabine Trepte von der Universität Hohenheim hält es zunächst für einen verständlichen Reflex, dass Menschen nach extremen Ereignissen Aufklärung benötigen. „Viele Menschen suchen in Krisensituation nach Orientierung, um ihre Sicherheit abschätzen zu können.“ Das betreffe Studierende in Heidelberg, genauso wie beispielsweise Studierende in den Niederlanden, die sich jetzt um ihre eigene Sicherheit am Campus Gedanken machen. Allerdings gebe es immer auch Menschen, die in solchen Situationen einfach nur nach Aufmerksamkeit suchen – und absichtlich Fake News verbreiten. 

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Sabine Trepte ist Medienpsychologin und arbeitet an der Universität Hohenheim.

Foto: Anton Ohler 2021

So wie es ja auch im Falle Tobias Ludloff abgelaufen ist. Das Original des Fotos findet man auf seinem Instagram-Account, hochgeladen am 16. Januar. Darunter steht: „Heute habe ich einen Sniper gespielt.“ Und in seiner Bio steht auch ganz deutlich: „Actor“ – Schauspieler. Sabine Trepte sagt, dass es genau wegen solchen Fällen umso wichtiger sei, als User jede Quelle genau zu prüfen, bevor man sie mit anderen teile.  

Nachdem er auf Instagram das Video gepostet hat, muss Tobias Ludloff nicht lange auf die Reaktion der Community warten. Die Story wurde innerhalb eines Tages etwa 7500 Mal gesehen. Er bekommt hunderte Nachrichten, die meisten sind positiv. „Lass dich nicht unterkriegen“, schreibt ihm ein User. „Wehr dich!“, ein anderer. Ludloff hat inzwischen Kontakt zur Polizei aufgenommen. Er will rechtlich gegen die Verantwortlichen vorgehen. Doch er hat auch nach dem Video noch Hasskommentare bekommen. Und wird mit abstrusen und vermeintlich „witzigen“ Behauptungen weiter gemobbt. Manche User werfen ihm vor, den Amoklauf inszeniert zu haben, um Werbung für seinen Instagram-Kanal zu machen. Ludloff schüttelt den Kopf: „Ich hab nichts gegen Werbung. Aber bitte nicht auf diese Art und Weise.“ Aus diesem Grund will er sich in den sozialen Medien erstmal nicht mehr zu dem Fall äußern. „Es soll hier nicht um mich gehen, sondern um die Opfer.“

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