„Bilder von Schwerverletzten sollte man auf keinen Fall teilen“

Nach dem Anschlag in Wien verbreiteten sich Schreckensbilder und Gerüchte im Netz. Medienethikerin Jessica Heesen erklärt, was davon ethisch vertretbar ist und was nicht.
Interview von Lara Thiede
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Nach dem Terroranschlag in Wien verbreiteten sich Videos und Bilder von Schießereien und verletzten Menschen. Ist das ethisch in Ordnung?

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

In der Nacht von Montag auf Dienstag verbreitete sich unter dem Hashtag #Wien sehr viel Schrecken: Hunderte teilten Bilder und Videoaufnahmen vom islamistischen Anschlag am Schwedenplatz sowie weiteren Tatorten, viele Menschen spekulierten außerdem über mögliche Opfer, Täter und Hintergründe. Auch einige Medien teilten solche Inhalte. Die Polizei forderte die Menschen immer wieder dazu auf, Hinweise lieber direkt an sie zu schicken.

Welchen Effekt hat die Aufregung auf Social Media während eines Terroranschlags? Legt sie falsche Spuren und verstärkt Ängste? Oder ist der Austausch dort wichtig, damit Menschen sich schnellstmöglich über die Geschehnisse informieren können? Wo verlaufen die Grenzen? Ist es moralisch geboten oder verwerflich, Eindrücke aus der Nacht weiterzuverbreiten?  Dr. Jessica Heesen ist Philosophin und Medienethikerin, sie forscht und lehrt an der Universität Tübingen. Im Telefongespräch mit jetzt erklärt sie, welche Rolle soziale Netzwerke in solchen Notlagen spielen und wie man sie als Bürger:in ethisch korrekt nutzen kann.

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Jessica Heesen leitet den Forschungsschwerpunkt Medienethik und Informationstechnologie an der Universität Tübingen.

Foto: privat

jetzt: Frau Heesen, in sozialen Netzwerken verbreiteten sich gestern Nacht schreckliche Bilder und Videos aus Wien. Einige Menschen hatten beispielsweise die Schießerei am Schwedenplatz oder blutende Menschen gefilmt. Wie bewerten Sie das?

Jessica Heesen: Ich möchte niemanden pauschal dafür verurteilen, dass er in solchen Momenten filmt. Es ist nicht so, dass alle nur aus voyeuristischen Motiven filmen würden. Es kann beispielsweise sein, dass man einfach mitfilmt, weil man es selbst ja kaum fassen kann. Vielleicht will man damit sogar bei den Ermittlungen helfen. Der nächste Schritt ist aber natürlich die Frage: Was macht man damit? Muss man das unbedingt mit anderen teilen? Und wenn ja, wo?

Gibt es Dinge, die man auf keinen Fall filmen oder teilen darf?

Man darf erstmal alles teilen, das fällt unter die Meinungsäußerungsfreiheit. Was aber aus ethischer Sicht nicht geht: Schwerverletzte oder sogar sterbende Menschen zu filmen und das dann auch noch weiterzugeben. Das verbietet der Anstand. Aber auch Täterbeschreibungen sind schwierig, weil sie oft diskriminierend formuliert sind und sogar zu Lynchjustiz führen können.

Und wie reagiere ich als Nutzerin am besten auf Menschen, die pietätlose oder verstörenden Bilder oder Videos teilen? Oder die spekulieren?

Sie können zum Beispiel in den Kommentaren protestieren, schreiben, dass Sie das gar nicht sehen wollen. Wenn das mehrere so machen, kann das ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, zeigen, dass eine ganze Gruppe dagegen ist. Das könnte etwas ändern.

Die Polizei Wien bat grundsätzlich darum, keine Videos oder Bilder von der Tat auf Twitter zu teilen, sondern sich damit direkt an die Polizei zu wenden. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube nicht, dass da die Ethik im Vordergrund stand, sondern der Gedanke, dass die Ermittlungen nicht behindert werden sollen. Auf Twitter soll zum Beispiel kein Täterwissen verbreitet werden. Ich gehe außerdem davon aus, dass die Polizei ein Interesse daran hat, dass die Menschen die Hinweise gezielt mit ihr teilen, sodass sie die Hinweise noch besser kanalisieren und auswerten kann. 

„Menschen haben Angst und Mitteilungsbedürfnis. Die Kombination führt dazu, dass sie öffentlich spekulieren“

Viele Wiener:innen haben versucht, über Social Media ihre Unsicherheiten zu klären. Sie fragten beispielsweise, was los sei, sie hätten Schüsse gehört oder wollten sich einfach gegenseitig über die Geschehnisse informieren.

Das ist überhaupt nicht verwerflich. Soziale Medien sind dafür da, dass man in Austausch treten kann – auch in solchen Notlagen. An dem Punkt wäre es aber natürlich hervorragend, wenn die Polizei ein noch besseres Kommunikationsmanagement hätte.

Wie könnte das aussehen?

Die Situation am Montag in Wien  war natürlich besonders schwierig für die Polizei, sie musste schnell reagieren. Trotzdem wäre es hervorragend, wenn sie sich auf Social Media schnell einschalten und aufklären würde. Als 2016 der Anschlag am OEZ in München war, konnte man gut sehen, wie sehr das hilft. Da hat der Sprecher der Polizei gut reagiert, immer wieder deeskalierend und kompetent zu den Bürgern gesprochen. 

In Wien teilten – wie damals anfangs auch in München – viele Menschen Gerüchte und Spekulationen, beispielsweise über vermeintliche Explosionen oder Todesopfer. Warum geben Menschen während solcher Anschläge unbestätigte Informationen weiter?

Menschen haben Angst und Mitteilungsbedürfnis. Die Kombination aus beidem führt dazu, dass sie öffentlich spekulieren. Manche haben dabei wirklich keine Ahnung und twittern irgendwas, weil sie nichts mehr so richtig einschätzen können. Andere sind überzeugt davon, dass stimmt, was sie schreiben. Da passiert viel im Affekt, man wird da sehr schnell von der allgemeinen Panik mitgerissen. Dazu kommt natürlich noch, dass vor allem diejenigen Aufmerksamkeit bekommen, die sensationelle Bilder oder Videos haben – da nimmt man es manchmal nicht ganz so genau mit der Wahrheit.

Wie kann ich als Bürgerin sichergehen, dass die Information, die mir gerade zugespielt wird, wahr ist?

Sie können sich eigentlich nie ganz sicher sein. Sie können überlegen, ob die Information plausibel ist, von wem sie kommt – aber in so viel Wirrwarr ist das oft schwierig. Vermutlich empfiehlt es sich, dann auf etablierte Medien zu vertrauen, die die Dinge zumindest nochmal überprüfen. Aber das dauert natürlich länger, als wenn man sich über Social Media direkte Eindrücke holt. Man kann außerdem immer auf Twitter nach der Polizei suchen. Die werden in der Kommunikation immer schneller und besser. 

„Niemand möchte dabei gefilmt werden, wie er schwerverletzt auf der Straße liegt“

Auch einige Medien, wie beispielsweise die Bild-Zeitung, ignorierten die Bitte der Polizei und verbreiteten Videos, die auf Social Media geteilt worden waren.

In Deutschland gibt es einen Pressekodex. Daraus geht hervor, dass man nicht alles, was man als Journalist oder Journalistin sieht, ungefiltert in die Öffentlichkeit bringen soll. Zum einen, weil manche Menschen keine Bilder von Anschlägen sehen wollen, Kinder sollten sie beispielsweise nicht sehen. Zum anderen muss man aber auch einfach an die Betroffenen denken: Niemand möchte dabei gefilmt werden, wie er schwerverletzt auf der Straße liegt. Die Bild-Zeitung hat dennoch gezeigt, wie Menschen erschossen werden. Der Anschlag wird so sensationalistisch präsentiert. 

Damit war sie aber ja nicht die Erste – die Bilder gingen ja zuvor schon durchs Netz, verbreitet von Privatleuten. Sind die also mitverantwortlich?

Da gibt es einen Unterschied: Das sind keine professionellen Journalistinnen und Journalisten, die das zunächst im Netz verbreitet haben. Von ihnen kann man nicht erwarten, dass die reflektierter sind als manche etablierten Medien. Manche Medien, vor allem die „Yellow Press“, stacheln solche Menschen ja oft sogar noch an, dass sie ihr Material herausgeben sollen. 

„Hätten Attentate nämlich nicht so eine große Öffentlichkeit, würden sie vielleicht gar nicht stattfinden“

Also muss man sich als Bürger:in auf Social Media nicht an dieselben ethischen Standards halten wie Journalist:innen bei der Berichterstattung?

Es wäre immer wünschenswert, dass man genau überlegt, was jetzt ethisch korrekt ist oder nicht. Aber das ist oft kaum zu bewältigen, in solchen Augenblicken.  

Die österreichische Zeitung Falter hat schon wenige Stunden nach dem Anschlag erste Angaben zum Täter veröffentlicht, darunter seinen Namen und ein Foto von ihm. Auf Social Media werden diese Informationen geteilt. Manche kritisieren die Aufmerksamkeit für den Täter.

Ich sehe das auch als problematisch an. Denn so kann der Täter zu Ruhm kommen. Das ist das Verführerische an den sozialen Medien: dass bisher Unbekannte sehr schnell bekannt werden können. Es gibt durchaus radikalisierte Gruppen, die durch diese Infos weiter befeuert werden könnten. Das sieht man beispielsweise daran, dass Anders Breivik (Anm. d. Red.: rechtsextremistischer Attentäter und Massenmörder  aus Norwegen) viel Fanpost ins Gefängnis bekommt.

Man hilft den Attentätern also womöglich ungewollt damit?

Ja, man macht sich zum Steigbügel. Die Berichterstattung sollte in solchen Fällen eigentlich immer möglichst zurückhaltend sein. Hätten Attentate nämlich nicht so eine große Öffentlichkeit, würden sie vielleicht gar nicht stattfinden. Das ist ja die Strategie der Attentäter:  Ihre Taten sollen auch mit wenigen Opfern ein großes Gefühl von Unsicherheit schaffen. Natürlich gibt es die Pflicht und das Bedürfnis, darüber zu berichten – aber man sollte immer abwägen, wie viel und was man dazu veröffentlicht.

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