„Das meinen wir nicht ironisch. Wir lieben sie alle”

Knapp 500 000 Menschen folgen „Galerie Arschgeweih" auf Instagram. Nun mussten die Betreiber*innen den Namen der Meme-Seite ändern. Warum?
Interview von Niko Kappel
galeria arschgeweih

Foto: dpa, rtl / Stefan Menne; Bearbeitung: jetzt

Jeanette Biedermann, Kader Loth und Naddel – die deutsche C-Prominenz der frühen 2000er-Jahre feiert Erfolge auf Instagram. Nicht unbedingt auf ihren eigenen Profilen, sondern auf der Meme-Seite „Galerie Arschgeweih“. Auf dem Account werden kurze Clips der Promis mit passenden Sprüchen gepostet. Das schauen sich mittlerweile mehr als 450 000 Follower*innen an.

Ende September posteten die Betreiber*innen des Accounts, dass sie verklagt wurden. Ein großer Warenhauskonzern habe ihnen eine Unterlassungsklage geschickt, weil dieser Konzern nicht wolle, dass der eigene Unternehmensname mit „Arschgeweih“ assoziiert werde. Hätte das Kaufhaus Recht bekommen, hätten die Betreiber*innen der Meme-Seite nach eigenen Angaben 250 000 Euro zahlen müssen. Deshalb änderten sie lieber den Namen ihres Accounts. Wir haben bei den anonym auftretenden Betreiber*innen des Accounts nachgefragt, wie es genau zu der Klage kam, warum sie auf Instagram so erfolgreich sind und wie es jetzt bei ihnen weitergeht. Der Konzern war auf Anfrage von jetzt für ein Statement nicht zu erreichen.

jetzt: Woher kommt euer Interesse für vergessene Promis und Popstars, die ihr zu viralgehenden Memes macht?

Galerie Arschgeweih: Unsere Protagonist*innen waren die Idole unserer Kindheit und sind das irgendwie bis heute geblieben. Mit unserem Projekt wollen wir ihnen den Respekt zollen, den sie verdienen und in der deutschen Medienlandschaft leider viel zu selten bekommen. Das ist unser voller Ernst, das meinen wir nicht ironisch. Wir lieben sie alle.

„Warum soll etwas wortwörtlich Müll sein, nur weil es im weitesten Sinne Pop oder Mainstream ist?“

Wer steckt hinter „Galerie Arschgeweih”, was macht ihr im echten Leben?

Wir halten es wie The Masked Singer: Geheimnisvoll ist sexy! Wir sind ein Kollektiv, kennen uns teilweise über Instagram und teilweise aus dem echten Leben. Unsere Liebe zu deutscher Popkultur hat uns zusammengebracht.

Warum lieben die Leute 90er/2000er Trash so sehr? 

Zuerst einmal: Das Label „Trash“ gibt es für uns nicht. Warum soll etwas wortwörtlich Müll sein, nur weil es im weitesten Sinne Pop oder Mainstream ist? Wir glauben, dass unsere FollowerInnen das genauso sehen und sich deswegen so für deutsche Popkultur begeistern, weil uns die nostalgischen Posts direkt in eine Zeit zurückversetzen, als es noch unsere größte Sorge war, wann endlich unser Lieblingsmusikvideo auf „Get the Clip“ läuft. 

Eure Liebe zu Kader Loth, den No Angels und Jeanette Biedermann hat dazu geführt, dass ihr auf 250 000 Euro verklagt wurdet. Wisst ihr, was sich der Gegner von seiner Klage gegen euch erhofft hat?

Das wissen wir leider auch nicht. Im Brief stand nur, der gute Ruf und das Image der Marke würden erheblich darunter leiden.

Habt ihr euch rechtlich gewehrt?

Wir waren natürlich erst mal eingeschüchtert – bei einem Streitwert von 250 000 Euro rutscht einem schon mal das Herz in die Hose. Nach einem ersten kleinen Nervenzusammenbruch haben wir uns schließlich mit einem Anwalt beraten.

Am Ende musstet ihr 2000 Euro bezahlen.

Wir haben eingelenkt und unseren Namen geändert. Wir wollten nicht, dass es zu einem teuren Prozess kommt. Die 2000 Euro waren die Anwaltskosten der Gegenseite, die wir tragen mussten. Gefreut hat uns das natürlich nicht. Vor allem, weil wir bislang kein Geld mit „Galerie Arschgeweih“ verdient haben. Kooperationsanfragen bekommen wir immer wieder, meistens passen die allerdings nicht wirklich zu dem, was auf unserem Kanal passiert. Da sind wir ein bisschen pingelig.

Für wen würdet ihr denn Werbung machen?

Da haben wir keine konkreten Vorstellungen. Das Jamba Sparabo gibt’s ja leider nicht mehr.

„Wir haben viele unfassbar liebe Nachrichten bekommen, als wir die Geschichte öffentlich gemacht haben, auch von Promis“

Ihr habt das Geld für die Anwaltskosten über eine Crowdfunding-Kampagne gesammelt. Die Summe hattet ihr innerhalb einer Stunde zusammen.

Dass das so schnell ging, war wirklich Wahnsinn. Das müssen wir erst noch verarbeiten. Wir haben viele unfassbar liebe Nachrichten bekommen, als wir die Geschichte öffentlich gemacht haben, auch von Promis. Wir verraten nicht von wem, unsere DMs sind top secret. Aber vor allem war es unsere Community, die uns supportet hat und uns zur Seite gesprungen ist. 

Wie kommt ihr auf die Ideen für eure Memes?

Unsere Köpfe sind so voll mit Popkultur-Referenzen, dass viele Sachen eigentlich aus dem Alltag heraus entstehen. Wir brüllen wirklich „VERPISS DICH!” wie Lee von Tic Tac Toe, wenn wir eine Wespe sehen – das wurde dann ein Meme. Oft wühlen wir uns stundenlang durch Material, das besprechen wir dann ganz klassisch im Gruppenchat. Manchmal steht zuerst eine Idee und es dauert ein halbes Jahr, bis wir den richtigen Clip dazu haben, manchmal vergehen von der Idee bis zum Posting zwei Minuten. Einen fixen Prozess haben wir leider nicht. Um es mit DJ Naddel zu sagen: Das ist von Club zu Club unterschiedlich!

Wie geht es jetzt unter dem neuen Namen, „Galerie Arschgeweih“, weiter?

Wir wollen natürlich weiterhin die witzige Nostalgie-Oase sein, wo der Ausdruck „Guilty Pleasure” keinen Platz findet. Wir droppen wir in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder limitierte Shirts, Pullis und Accessoires. Wir sind mega stolz, dass beim ersten Drop unsere zwei größten Ikonen – Kader und Claudia – ihre Finger im Spiel hatten, und hoffen, unsere Ideen kommen gut an.

Mit welchen Promis würdet ihr am liebsten einen Abend verbringen?

Mit Kader Loth, Claudia Obert und allen No Angels. Wir würden französische Limonade saufen, die hohe Kunst der Lotheratur erforschen und dabei gepflegten Jazz („When the Angels Swing”) auflegen.

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