Alle auf den Alman

Witze über Deutsche gehen im Netz aktuell durch die Decke. Warum eigentlich?
Von Martina Kind

Illustration: Julia Schubert

Es gibt da dieses Buch von Noah Sow mit dem Titel „Deutscher Humor: Eine Sammlung der besten Beiträge“. Der Klappentext verspricht: „Eigens für diese Anthologie wurden in jahrelanger Forschungsarbeit die Meilensteine des typisch deutschen Humors zusammengetragen.“ Man schlägt das Buch auf, blättert durch. Und sieht auf jeder Seite das Gleiche – nichts. Das gesamte Buch ist leer. Zugegeben, die Pointe ist nicht übel. Aber steht es denn wirklich so schlecht um den deutschen Humor? Über die vermeintlichen deutschen Eigenheiten wird im Netz ja aktuell viel gelacht.  

Das sieht man an Instagram-Seiten wie „Alman_Memes2.0“ (350 000 Follower*innen  und „Deutsche Dings” (67 000 Follower*innen), die sich über vermeintliche deutsche Tugenden lustig machen. Zur Erinnerung: „Alman“ ist das türkische Wort für „deutsch“, und seit ein paar Jahren dient es zur liebevollen (Selbst-)Verspottung des Ur-Deutschen. Typische „Almans“ sind Prinzipienreiter*innen, die besonderen Wert auf Pünktlichkeit, Disziplin, Fleiß und Ordnung legen. „Almans“ gelten als die klassischen Vertreter des deutschen Spießbürgertums – und lassen sich daher ganz wunderbar persiflieren.

Die erste Alman-Witze-Seite wurde gemeldet

Was das konkret bedeutet, wissen der 26-jährige Marius Notter und die 28-jährige Sina Scherzant wohl am besten. Im April dieses Jahres haben sie „Alman_Memes2.0“ gegründet, der Vorgängeraccount „Alman_Memes“ wurde 2017 von Instagram gelöscht. „Weil sich ein paar Deutsche natürlich gleich diskriminiert gefühlt und die Seite gemeldet haben“, sagt Marius. „Auch so ein typischer Alman-Move: Über andere, am liebsten über Minderheiten, lachen, aber gleichzeitig beleidigt sein, wenn man selbst zur Zielscheibe wird“, ergänzt Sina. Auf „Alman_Memes2.0“ erzählen die beiden täglich Anekdoten von „Alman-Achim“ und „Alman-Anette“. Achim versteht sich beispielsweise als Hüter des Gesetzes, der bei jedem Falschparker zum Telefon greift, seine Ehefrau Anette – natürlich mit Kurzhaarfrisur – lässt sich indes keine Tupperparty entgehen und schunkelt am liebsten zu Helene Fischer.

Die Inspiration für ihre Memes nehmen sie dabei aus ihrem Alltag. Der allseits beliebte „Mahlzeit“-Gruß im Pausenraum zum Beispiel, die johlende, Prosecco-trinkende Ü50-Frauengruppe im Zug, oder das Alman-Ehepaar im Auslandsurlaub, das sich jeden Tag ein Wiener Schnitzel mit Pommes bestellt und fünf Stunden vor dem Check-in nervös zum Schalter am Flughafen eilt. Zwischen 200 und 300 Nachrichten landen laut Marius täglich in deren Instagram-Postfach. „Von Followern, die uns von ihren Erfahrungen mit Almans am Arbeitsplatz oder aus ihrem Familien- bzw. Bekanntenkreis erzählen.“ Darin sieht Sina auch einen Grund für den Erfolg des Accounts: „Es geht uns darum zu zeigen, dass wir alle diese nervigen deutschen Attitüden kennen und darüber staunen“ – ob man nun mit der deutschen Kultur aufgewachsen sei oder nicht. Jeder kenne eben einen klassischen Alman-Achim oder eine Alman-Anette.

„Eigenschaften und Verhaltensweisen, die nicht cool sind, werden hier aufgespießt“

„Deutsche Dings“ macht sich dagegen eher über die „typisch deutsche“ Lebensart und ihre Vertreter lustig – über Lebensmittel zum Beispiel, die auf keinem deutschen Esstisch fehlen dürfen, wie das Mettwurstbrötchen („Deutsche Sushi“) und Maggi („Deutsche Sojasauce“). Die „deutschen Dings“ werden dabei internationalen Produkten oder Persönlichkeiten gegenübergestellt, und schneiden in diesem Vergleich natürlich nur mittelgut ab. So bilden Michael Wendler und seine 28 Jahre jüngere Freundin Laura etwa das deutsche Äquivalent zum einstigen (vermeintlichen) Hollywood-Traumpaar „Brangelina“. „Eigenschaften und Verhaltensweisen, die nicht cool sind, werden hier aufgespießt“, fasst der Tübinger Psychologe und Kommunikationswissenschaftler Steffen-Peter Ballstaedt diese Art von Humor zusammen.

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Dass das nicht alle lustig finden, wundert den Experten nicht. Es habe noch keinen Humor gegeben, der nicht auch als diskriminierend empfunden wurde: „Guter Humor ist immer ein gewisser Tabubruch“, sagt Ballstaedt. „Die Witzchen über den Alman tun aber niemandem ernsthaft weh, sie bedienen die üblichen nationalen Klischees wie Pünktlichkeit und Pingeligkeit.“ 

Haben wir gerade erst gelernt, über uns selbst zu lachen, oder warum gehen die Alman-Witze gerade so durch die Decke? „Diese Umkehrungsperspektive, also der verhältnismäßig präzise Blick aus der Perspektive des Fremden auf die eigenen Schwächen, ist in der Geschichte des deutschen Humors nichts Neues“, sagt der Bremer Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann. „Loriot zum Beispiel hatte doch immer den Spießbürger im Fokus, den er aus der Perspektive des Gleichaltrigen verspottete, und das stets sehr höflich.“ Später seien Otto und Harald Schmidt in dessen Fußstapfen getreten, vor allem Letzterer sei damit außergewöhnlich erfolgreich gewesen: „Schmidts jahrelange TV-Show ersetzte den Deutschen das Nachtgebet. Zum Abschluss des Tages lachte man über das eigene Land.“ Große Komik funktioniere immer über Selbstironie, erklärt Stollmann. Das prominenteste Beispiel sei der jüdische Humor, der den selbstironischen Witz perfektioniert habe. 

Prinzipiell unterscheidet Steffen-Peter Ballstaedt zwischen zwei Formen des Humors: „Ein Mensch hat Humor, wenn er albern ist und Witze erzählt, das ist alltäglicher, schlichter Humor. Die zweite Form ist die anspruchsvollere: Humor hat man, wenn man sich über schwierige Situationen erheben und trotzdem lachen kann, vor allem über sich selbst.“ „Alman_Memes2.0“ und „Deutsche_Dings“ würde er irgendwo dazwischen ansiedeln: Als „Spiegel für die Deutschen, der aus einer Außensicht vor allem von Menschen vorgehalten wird, die sich mit der deutschen „Leitkultur“ auseinandersetzen“, sei der Humor zwar sympathisch, sagt Ballstaedt. Gleichzeitig werde ein Prinzip hier auch sehr rasch zu Tode geritten. „Insgesamt sind die Scherze recht harmlos: Blutwurz für Ramazotti oder das Nibelungenlied für Game of Thrones, solche Vergleiche lassen sich für jedes Land finden. Hübsch, aber harmlos.“

„Solange wir Migranten haben, die sich mit unseren Werten und Verhaltensweisen auseinandersetzen, wird es Alman-Witze geben“

Dementsprechend haben auch diese Witze aus Ballstaedts Sicht ein Verfallsdatum: „In den 1950er Jahren, als die ,Gastarbeiter’ zu uns kamen, gab es zahlreiche Witze über faule Italiener und ihre lockeren Lebensgewohnheiten.“ Sie seien verschwunden, seit jeder zu „seinem“ Italiener Pizza essen gehe; vielmehr sei die italienische Lebensart inzwischen zu einem Vorbild für die wenig genussfreudigen und arbeitsamen Deutschen geworden. „Solange wir Migranten haben, die sich mit unseren Werten und Verhaltensweisen auseinandersetzen, wird es diese Alman-Witze geben“, prognostiziert der Kommunikationswissenschaftler.

Dabei könnten die Alman-Witze auch eine Antwort sein auf die angespannte politische Lage, vor allem in Ostdeutschland, und deshalb so gut ankommen. „Viele Deutsche haben immer noch einen ausgeprägten Ordnungszwang, der sich unter anderem darin äußert, dass sie Ausländer im eigenen Land als Bedrohung ansehen“, konstatiert Stollmann. Durch die Alman-Witze, mit denen die Perspektive umgedreht werde, distanziere man sich von diesen Menschen – stattdessen sehe man sich praktisch selbst als Ausländer an. „Ich glaube nicht, dass AfDlern diese Seiten gefallen“, so Stollmann. 

Bleibt die Frage, inwiefern sich Deutsche zur (Selbst-)Verspottung besonders gut eignen. „Viele Klischees haben durchaus ihre Berechtigung, der deutsche Ernst zum Beispiel, für den wir international bekannt sind”, sagt Stollmann – ein Relikt aus der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik, die in keinem Land so identitätsstiftend gewesen sei wie in Deutschland: „Die Hochkultur des 19. Jahrhunderts hat dem Deutschen das Lachen entzogen; in der zeitgenössischen Musik, Philosophie und Literatur, die Weltruhm erlangte, pflegte man stattdessen die Innerlichkeit, die Sehnsucht und den Weltschmerz.“ Ein expressives Gefühl wie das Lachen sei dagegen verpönt gewesen.

Das Bild des ernsten Deutschen, der sich selbst das Lachen verbiete, hat laut Stollmann an Gültigkeit nicht wirklich eingebüßt. So gebe es hier im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Deutschland noch immer eine strikte Trennung zwischen Hochkultur/Ernst und Unterhaltungskultur/Komik, was mitunter den infantilen Humor vieler Unterhaltungsprogramme im deutschen Fernsehen erkläre. „Man müsste den Ernst und Humor in Deutschland stärker miteinander mischen. Ein Beispiel aus den USA: Dort werden angehende Hochschuldozenten bei einem Bewerbungsgespräch auch danach gefragt, ob sie einen Sinn für Humor hätten. Für deutsche Verhältnisse undenkbar.“ Humortechnisch hätte man hierzulande also noch immer eine Menge nachzuholen, findet Stollmann: „Deutsche sind immer noch zu ernst und zu ängstlich. Insofern würde ich sagen: Ja, verspottet zu werden, so wie „Alman_Memes“ es gerade vormacht, haben sie absolut verdient“.

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