Sind Podcaster*innen die neuen Stars?

Sie werden im Netz und auch außerhalb gefeiert. Was hat es mit dem Podcast-Fantum auf sich? Eine Spurensuche.
Von Patricia Friedek

Cover: David Daub/WILDFOX RUNNING (Fest und Flauschig), Spotify (Herrengedeck), Marvin Ruppert (Gemischtes Hack), Jakub Cezary Kaliszewski (Beste Freundinnen) Bearbeitung: jetzt

Cover: David Daub/WILDFOX RUNNING (Fest und Flauschig), Spotify (Herrengedeck), Marvin Ruppert (Gemischtes Hack), Jakub Cezary Kaliszewski (Beste Freundinnen) Bearbeitung: jetzt

Aufwändige Fanseiten, ausverkaufte Live-Shows, Autogramm- und Fotosessions nach den Auftritten. Genau so könnte ein Text über Justin Bieber oder Robbie Williams in seinen besten Jahren anfangen. Aber hier ist die Rede von Podcastern wie Tommi Schmitt und Felix Lobrecht von „Gemischtes Hack“, Ariana Baborie und Laura Larsson von „Herrengedeck“ oder Max und Jakob von „Beste Freundinnen“, die eigentlich anders heißen aber ihre Podcasts unter diesen Pseudonymen aufnehmen.

Doch während Musikstars singen, tanzen oder in Videos posen, sind Podcaster normale Menschen, die wöchentlich miteinander über ihren Alltag, ihre Sorgen oder das aktuelle gesellschaftliche Geschehen sprechen. So machen es Comedy-Autor Tommi Schmitt und Comedian Felix Lobrecht in „Gemischtes Hack“ mit immer wiederkehrenden Kategorien, oder die Moderatorinnen Laura Larsson und Ariana Baborie in „Herrengedeck“, nachdem sie zu Beginn jeder Folge einen Kurzen getrunken haben. Als „Beste Freundinnen“ wurden Max und Jakob bekannt, weil sie in ihrem Podcast offen über Liebe, Sex und Beziehungen quatschen. Sie alle werden von ihren Hörern im Netz und außerhalb gefeiert wie Stars. Warum ist das so?

Vor ein paar Tagen hat Spotify die dort weltweit meist gestreamten Podcasts 2019 bekanntgegeben. „Gemischtes Hack“ und „Fest und Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz gehören dabei zu den meistgehörten Podcasts auf Spotify, „Herrengedeck“ schafft es unter die Top fünf der meistgehörten Podcasts in Deutschland, „Beste Freundinnen“ unter die Top ten. Diese Liebe zu Podcasts spiegelt sich auf den Fanseiten im Netz wieder: Die Page von „Fest und Flauschig“ auf Facebook hat rund 30 000 Abonnenten, die Instagramseite „Gemischtes Hack Hackis“ etwa 80 000 Follower.

Carlotta, 22, kommt aus NRW, studiert Digital Management und arbeitet nebenher für verschiedene Fernsehproduktionen. Sie betreibt die Seite für „Gemischtes Hack“ und postet regelmäßig, wenn eine neue Folge erscheint, es Live-Auftritte, Merchandise oder andere Neuigkeiten zum Podcast gibt und bearbeitet die Beiträge im Hackfleisch-Look. „Ich würde mich nicht als ,Creep’ bezeichnen, wie das mal in einer Folge von Gemischtes Hack spaßeshalber aufkam. Ich führe ein ganz normales und auch stressiges Leben“, sagt Carlotta. Die Fanpage für Gemischtes Hack sei spontan entstanden: „Ich fand den Podcast einfach cool und fand, dass Tommi und Felix das verdient haben. Sie sind lustig, bodenständig und ehrlich in dem was sie machen. Das macht sie für mich so sympathisch.“

Eng vernetzt ist Carlotta auch mit der Instagramseite „Lifehacks Gemischtes Hack“ von Theresa, 29, die circa 50 000 Abonnenten hat. Theresa studiert BWL und arbeitet in der Finanzbuchhaltung und im Marketing. „Erstmal habe ich die Lifehacks, die im Podcast jede Woche besprochen werden, für mich selbst gesammelt, als Hilfe im Alltag. Irgendwann habe ich es einfach online gestellt - vielleicht gibt es ja auch andere Hörer, die das nützlich finden. Und jetzt ist da so eine Sache draus geworden.“

Dass ihre Fanseiten so erfolgreich sind, liegt unter anderem an dem Podcast selbst. Die Podcaster erwähnen sie gelegentlich. Carlotta sieht ihren Erfolg aber auch darin begründet, dass es – anders als bei vielen anderen Podcasts – keine eigene Seite gibt, die von den Podcastern selbst geführt wird. „Sehr viele denken, dass die Seite von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt selbst betrieben wird, obwohl in der Beschreibung der Seite steht, dass es eine Fanpage ist. Dann schreiben mich Leute mit ‚Hey Felix, Hey Tommi‘ an.“  

Aber warum betreibt sie überhaupt den Aufwand? „Natürlich tut es auch gut, wenn man Lob dafür bekommt und wenn ich von den Podcastern selbst positive Resonanz bekomme. Oft rufen sie uns auf, etwas in der Story zu teilen oder Umfragen zu machen. Das gibt einem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, weil man der Community und den Podcastern hilft“, sagt Theresa.

Lisa Leander ist akademische Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie und beschäftigt sich in ihrer Dissertation intensiv mit Podcasts.  „Das Podcast-Fantum ist mit dem allgemeinen Podcast- und Audiotrend gekommen. Ich glaube, dass diese Fanbase viel damit zu tun hat, wie man in einem Podcast interagieren kann. Hörer konsumieren den Podcast nach der Aufzeichnung, sie können also nicht währenddessen mit den Podcastern kommunizieren, so wie man zum Beispiel während einer Liveshow im Radio anrufen kann. Das lagert sich dann auf die sozialen Medien aus“, sagt sie.

Leander sieht die Podcaster, die in Deutschland gefeiert werden, aber eher als Ausnahme. „Es gibt Podcasts wie ,Serial’ aus den USA, die einen regelrechten Boom ausgelöst haben und ein Millionenpublikum erreicht haben. Viele Podcaster haben hier hingegen eine kleine, aber durchaus treue Community, für die sie auch sowas wie Stars sind.“

„Ich bin davon begeistert, was diese Personen machen, deswegen möchte ich viel über sie wissen und sie live sehen“

Zu dieser Community zählt sich Theresa und sieht durchaus Parallelen zu Stars in Felix Lobrecht und Tommi Schmitt:  „Ich bin davon begeistert, was diese Personen machen, deswegen möchte ich viel über sie wissen und sie live sehen.“ Carlotta hingegen betont, dass die beiden Podcaster für sie nicht wie Musikstars seien. „Das ist eine andere Ebene: Man weiß viel mehr über die Podcaster, weil sie viel von sich preisgeben, es ist emotionaler.“

Die Fanseiten von Carlotta und Theresa sind außergewöhnlich groß. Etwas kleiner geht es bei Johanna, 15, zu: Sie betreibt eine Fanpage mit etwa 2300 Abonnenten für den Podcast „Herrengedeck“ und postet dort immer mal wieder Videos oder Fotos, in denen sie Inhalte über die beiden Podcasterinnen zusammenschneidet, oder ihre Gesichter in Bildercollagen verarbeitet. „Ich habe die Seite eröffnet, weil ich den Kontakt zu anderen Hörern gesucht habe“, sagt sie. „Ich kann mich mit Laura und Ariana identifizieren, auch wenn sie älter sind als ich. Oft vertreten sie genau meine Meinung.“ Ob die beiden für sie Stars seien? „Wenn ich sie auf der Straße treffen würde, würde ich hingehen und ein Foto mit ihnen machen. Sie stehen im Kontakt mit den Hörern, das macht sie nahbarer“, sagt Johanna. Einmal war Johanna bei einem Liveauftritt. Und: „Ich besitze ein T-Shirt von Herrengedeck“, sagt sie.

Das Geschäftsmodell, das um den Podcast herum aufgebaut werde mit T-Shirts, Büchern und Liveauftritten, pushe das Fantum zusätzlich, sagt Lisa Leander. „Mit Podcasting allein kann man in Deutschland kaum Geld verdienen.“ Bei Podcasts wie „Fest und Flauschig“ erkläre sich die große Fangemeinde natürlich auch dadurch, dass die Macher schon vorher bekannt waren.

Bei Max und Jakob von „Beste Freundinnen“ ist das anders. Sie waren vorher nicht bekannt. Und trotzdem sind ihre Live-Shows zu einem großen Teil ausverkauft, sie haben Bücher geschrieben, die sie für ihre Fans signieren. „Wir sagen nie ,Fans’ - wir sagen immer ,Hörer’. Fans klingt so komisch, als ob der eine über dem anderen steht“, sagt Jakob. In den rund vier Jahren, in denen der Podcast existiert, hätten Max und Jakob schon über 10 000 Hörermalis bekommen, von denen sie einen Teil im Podcast selbst vorlesen. „Ich glaube, es entsteht das Gefühl einer digitalen Freundschaft, wenn man einen Podcast hört“, sagt Jakob. Bei ihren Live-Shows hätten die Hörer dann die Möglichkeit, wirklich mit den Podcastern zu interagieren, sagt Max, deshalb würden so viele dorthin kommen.

„Wir fühlen uns nicht wie Stars. Wenn wir Live-Shows geben, sehen wir zwar, dass es einige gibt, die unseren Podcast hören, aber wenn wir in unserem Kämmerlein verschwinden um unseren Podcast aufzunehmen, wird auch für uns abstrakt, dass uns so viele zuhören“, sagt Max. Am Ende einer Show zu sagen, dass die Hörer gleich zu ihnen kommen können um sich eine Widmung in ihre Bücher schreiben zu lassen, sei Max und Jakob eher unangenehm. „Aber wir haben das Gefühl, dass die Leute das erwarten.“ Manche von den Hörern zeigten in solchen Momenten sogar körperliche Reaktionen, sie seien richtig aufgeregt. Auch das sei für Max und Jakob komisch: „Wir sehen uns einfach als zwei Dudes, die in ein Mikrofon sprechen. Aber ich glaube, am Ende haben die Hörer wahrscheinlich eine größere Vorstellung davon, was es wirklich ist.“

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