Ich wünsche mir die guten, alten Spam-Mails zurück

Früher stellte man mir darin etwas Gutes in Aussicht, um mir zu schaden – heute arbeiten sie mit meinen Ängsten.
Von Christina Waechter

„Ich weiß, was du gestern Abend getan hast, du Ferkel...“

Foto: Unsplash / Collage: jetzt

Als ich gestern mal wieder meinen Spam-Filter durchschaute, um Mails zu retten, die da nur aus Versehen drin gelandet sind, und dabei all den Dreck scannte, der sich in diesem Postfach in wenigen Tagen angesammelt hatte, überkam mich plötzlich die Erkenntnis: Ich vermisse die guten alten Zeiten der Spam-Mail-Kultur. Als mir noch von den Nachfahren korrupter nigerianischer Prinzen ein Millionen-Guthaben in Aussicht gestellt wurde, sobald ich ihnen ein bisschen Bares vorstrecken würde. Als ich mehrmals täglich über unfassbar große Gewinne informiert wurde, die in dem Moment auf mein Konto überwiesen würden, wenn ich diesen einen Link klickte. Als man mir noch etwas Gutes in Aussicht stellte, um mir zu schaden. 

Diese Zeiten sind vorbei. Die Stimmung ist rauer geworden. Nicht nur in der Weltpolitik, der Liebe oder im Leben ganz allgemein. Auch in der Kultur der Spam-Nachrichten wird seit einiger Zeit mit ganz harten Bandagen gekämpft. Inzwischen spekulieren Spammer nicht mehr auf meine Gier, sondern arbeiten mit meinen nicht gerade wenigen Ängsten und mit meiner Scham. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

- Auf Facebook bekomme ich von (gehackten) Freunden erschrockene Botschaften, wie „Christina! Bist du das???“ (Link zu einem Youtube-Video anbei). Muss ich natürlich sofort anklicken, aus lauter Angst, dass mich irgendjemand in desolatem Zustand gefilmt und auf Youtube geladen haben könnte. 

- Hartnäckige Menschen schreiben mir Mails, in denen sie mich zum letzten, zum allerletzten und zum aller-aller-allerletzten Mal dazu auffordern, endlich meine Rechnung zu begleichen (Link anbei). Sonst bliebe ihnen nichts anderes übrig, als die Polizei zu informieren. Muss ich natürlich gleich nachschauen, was ich da wieder versemmelt habe. 

- Besorgte Mitarbeiter von Geldinstituten informieren mich darüber, dass mein Konto gehackt wurde und geben mir netterweise die Chance, alles wieder zu richten (Link anbei). Muss ich sofort erledigen, sonst: Geld weg. 

- Die schlimmste Gemeinheit aber sind Spam-Mails einer verhältnismäßig neuen Generation. Von denen ich inzwischen auch schon einige erhalten habe. Gestern lag mal wieder so eine im Postfach. Sie stammte von einem Herrn, der sich mir mit Vornamen vorstellte und gleich zur Sache kam: Er habe mein Passwort gehackt (es war ein sehr altes, nicht mehr aktives, aber definitiv eines, das ich einst benutzt hatte) und dabei eine interessante Entdeckung gemacht: Durch sehr raffiniertes Gehacke habe er meinen Rechner so eingestellt, dass er meine Online-Aktivitäten einsehen konnte, und dabei festgestellt, dass ich mir auf einer einschlägigen Seite Pornos angesehen hätte. Er habe zudem die Kamera meines Rechners angezapft und mich beim Masturbieren gefilmt. Diesen Film würde er mir überlassen, wenn ich ihm binnen einen Tages mehrere tausend Euro in Bitcoin überweisen würde. Ich solle ja nicht versuchen, ihn wegen Erpressung bei der Polizei anzuschwärzen, dafür sei er viel, viel, viel zu schlau. Weil er meinen intellektuellen Horizont für eher überschaubar zu halten schien, empfahl er mir noch, zu googeln, wie man Bitcoins einkauft. Sollte ich mich weigern zu bezahlen, werde er das Filmchen all meinen Mail-Kontakten zukommen lassen. 

Die Tatsache, dass viele Menschen das Internet für sehr private Zwecke nutzen, macht Sextortion-Mails so wahnsinnig gemein

Ich bin beileibe nicht der einzige Mensch, der solche Mails erhält. Inzwischen sind sie so beliebt, dass sie einen eigenen Namen bekommen haben: Sextortion – ein Kofferwort aus Sex und extortion (Erpressung). Dieser Begriff beinhaltet zum einen Spam-Mails wie die meine. Doch es gibt auch Fälle, in denen Hacker tatsächlich über kompromittierendes Bildmaterial von Opfern verfügen und sie damit erpressen. Ich gehöre also zu den Glücklichen, die „nur“ gespammt wurden. 

Als ich zum ersten Mal eine solche Mail im Postfach hatte, war ich mit den Nerven am Ende. Obwohl ich das große Glück hatte, sofort zu wissen, dass das nicht stimmen konnte. Denn ich gehöre zu den altmodischen Menschen, die „so etwas“ nicht machen. Nicht, weil ich es verwerflich fände, es ist nur einfach nicht mein Ding, Pornos machen mir keine Freude. Alle Menschen, die ihre Sexualität gesund ausleben und dabei niemandem schaden, sollen sich natürlich gerne und ausführlich zu Internet-Pornos die Schlange würgen oder den Pelz polieren, so lange und so viel sie wollen. Und wenn mich nicht alles täuscht, tun sie das auch ganz ohne meine Erlaubnis – Pornhub zum Beispiel hatte eigenen Angaben zufolge im Jahr 2017 täglich etwa 81 Millionen Besucher.

Und genau diese Tatsache, dass nämlich sehr viele Menschen das Internet für diese ausgesprochen privaten Zwecke nutzen, macht solche Sextortion-Mails so wahnsinnig gemein. Wie wir nämlich unsere Sexualität leben, ist ungemein intim – und niemand will, dass sämtliche Freunde, Bekannte und Kollegen davon erfahren, welche Spielarten einen besonders anmachen. Geschweige denn, dass jene Menschen das auch noch in einem Film zu sehen bekommen. 

Wenn sogar ich bei solchen Mails panisch werde, obwohl ich ja genau weiß, dass das völliger Humbug ist, wie ergeht es dann Menschen, die tatsächlich manchmal auf Pornhub surfen, wenn sie sich entspannen wollen? Ich kann es mir kaum vorstellen. 

Selbst, wenn wir uns zu 99 Prozent sicher sind, dass es sich um Spam handelt, nagt das eine Restprozent Zweifel weiter an uns

Das Schlimme ist: Die Taktik, Menschen Angst einzuflößen und sie zu beschämen, scheint aufzugehen. Unter Spammern und Hackern ist Erpressung zu einem sehr beliebten Weg geworden, Geld zu verdienen. Der ist anscheinend viel profitabler als die bisherigen Gewinnversprechen. Das liegt zum einen daran, dass Pornografie im Internet so leicht zu haben ist, und daran, dass wir immer mehr Informationen über uns im Netz, besonders in den sozialen Netzwerken, hinterlassen. Und offenbar sind wir  an angebliche Millionengewinne mittlerweile so gewöhnt, dass wir uns davon nicht mehr verleiten lassen, auf irgendwelche Links zu klicken. Auf fiese Erpressungsversuche dagegen fallen wir leichter rein, selbst, wenn wir uns zu 99 Prozent sicher sind, dass es sich um Spam handelt. Denn das eine Restprozent Zweifel nagt weiter an uns. Leider ist diese Erkenntnis auch zu den bösen Menschen durchgedrungen. 

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch hier eine dicke Hornhaut zuzulegen und die Erpressungsversuche an uns abtropfen zu lassen. Dennoch trauere ich den guten alten Zeiten nach, als eine Spam-Mail noch Gutes versprach und ich für ein paar Sekunden nur einen Mausklick von allen Reichtümern dieser Welt entfernt war. Bevor meine Vernunft wieder einsetzte. 

P.S.: Solltest auch du Opfer von Sextortion sein, empfiehlt sich folgendes Vorgehen: Nie, nie, niemals irgendwelche Anhänge öffnen oder Links anklicken. Und natürlich auch keinen Cent bezahlen. Die Mail auch nie beantworten, sondern Anzeige bei der Polizei erstatten. Die wird zwar aller Voraussicht nach nichts tun können, aber dein Fall geht in die Statistik ein. Außerdem: Keine Fotos von dir verschicken oder hochladen, die du nicht auch auf dem Schwarzen Brett deiner Firma oder Uni sehen wollen würdest, immer schön den Virenscanner auf dem aktuellen Stand halten und die Kamera abkleben. Dann kannst du getrost wieder auf allen Seiten herumsurfen, die dich interessieren, du Ferkel.

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