Die Playstation ist die ideale Weggefährtin durch die Corona-Krise

Denn gerade jetzt kann sie den Alltag weniger grau erscheinen lassen, Freundschaften aufrecht erhalten und sogar Beziehungsprobleme lösen.
Von Raphael Weiss
plaedoyer zocken

Illustration: FDE

Versteckt hinter dem Fernseher lugt es hervor. Ein schwarzes Viereck, elegant, symmetrisch. Ein Monolith. Ein Heilsbringer. Eine Wunderbox. Ein sanfter Druck auf die Taste, die Playstation beginnt zu leuchten und mit einem tiefen Surren öffnet sich das Tor zu einer neuen Welt. Raus aus dem Einheitsbrei, der unser Alltag geworden ist, seit wir daheim festsitzen. Fort vom immer selben Weiß der Wände, dem träge schaukelnden Baum vor dem Fenster, dem hirnzermarternden Gequengel der Laubsäge des Nachbarn, der seit Tagen nicht anderes zu tun hat, als von morgens bis abends, penibel die Mittagspausen einhaltend, seine Hecken zu trimmen. Schon den achten Tag in Folge. Gott, was für ein Arschloch.

Doch kaum bist du in der anderen Welt, tritt dieser Feind in den Hintergrund. Er wirkt unbedeutend, ja lächerlich. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um irgendwelche Nachbarschaftsfehden. Dein Antagonist ist nicht mehr Herr Hornstetter, der kurzärmelige Karohemden trägt und dir deinen Nachmittagsschlaf zerstört. Nein. Deine Feinde wollen die Weltherrschaft an sich reißen, dir deinen großen Bankraub versauen oder dich um deinen wohlverdienten Weltmeistertitel in der Formel 1 bringen. 

Lasst euch nicht in den neokapitalistischen Selbtomptimierungs-Strudel ziehen! 

Seit das Coronavirus ganz Deutschland in das eigene Zuhause gedrängt hat, hat die Playstation in meinem Leben wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Spielkonsolen waren schon immer ein Teil davon. Begonnen hat alles, als mein Vater vor vielen, vielen Jahren einen Super Nintendo mit nach Hause brachte und ich mit meiner Schwester jahrelang versuchte, „Super Mario World 2: Yoshi’s Island“ durchzuspielen. Seitdem hatte ich eigentlich immer irgendeine Konsole bei mir zu Hause. Doch je älter ich wurde, desto weniger benutzte ich sie. Seit ich mit meiner Freundin zusammengezogen bin, spiele ich fast gar nicht mehr an der Konsole. Prioritäten verschieben sich eben. Doch jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um die Prioritäten neu zu verteilen. Und die heißen jetzt: Super Mario.

Klar könnte ich während der Corona-Krise in den neokapitalistischen Kanon der sozialen Netzwerke einsteigen und mich in irgendeiner sinnlosen Form selbst optimieren. Um mein Gewissen damit zu beruhigen, dass ich diese komische Zeit auch wirklich genutzt und meinen imaginären Marktwert gesteigert habe. Oder ich kann einfach Spaß haben. Ohne Druck. Ohne Ziel. Einfach wie früher, als wir als Kinder unbeschwert das taten, was uns Freude machte, ohne an die Konsequenzen zu denken. Maximal daran, dass unsere Augen tatsächlich ein bisschen viereckiger werden könnten, so, wie es unsere Eltern prophezeit hatten. Und für diejenigen, die immer noch einen Kloß im Hals haben und sich unbedingt selbst optimieren wollen, hier ein paar Argumente mit hochwissenschaftlicher Basis, die selbst euch überzeugen könnten: Zocken verbessert das logische Denken, die Team-Fähigkeitund erhöht das Selbstvertrauen. 

Ein weiteres Corona-Krisen-Problem, das die Playstation löst: Freund*innen treffen. Persönlich treffen geht nicht mehr. Zoom-Chats sind schön und gut, aber ganz ehrlich, wenn mehr als drei Personen beteiligt sind, werden Video-Chats einfach nur noch anstrengend und meistens ist nach spätestens einer Stunde alles gesagt, weil zurzeit eh niemand mehr irgendetwas erlebt. Oder die Internet-Verbindung nervt so sehr, dass sich alle Chat-Teilnehmer*innen nur noch danach sehnen, endlich wieder alleine auf ihr Handy starren zu dürfen.

Komplett anders ist das bei der Playstation. Je nachdem, wie regelmäßig ich mit meinen Freunden spiele, ist der Smalltalk schnell abgefrühstückt. „Na, was haben denn alle heute so gemacht?“ „Spazieren.“ „Aha.“ „Selbstgemachte Pasta.“ „Nicht schlecht.“ „Gearbeitet.“ „Ok.“  Und schon planen wir zusammen Bankraube, kämpfen um die Meisterschaft in der 3. Liga bei Fifa oder fahren Rennen gegeneinander und schießen uns mit irgendwelchen Bomben ab. Pausen zwischen den Spielen können ideal genutzt werden, um über die wenigen echten Neuigkeiten im Leben zu sprechen, über Corona-Coping-Strategien oder darüber, bei wem schon die Kurzarbeit zugeschlagen hat.

Die Playstation als Beziehungs-Retter

Nicht nur deshalb ist die Playstation das ideale Mittel gegen Corona-bedingte Einsamkeit. Auch ist sie die ultimative Lösung gegen Langeweile und Lagerkoller. Denn nichts und niemand schlägt so effektiv die Zeit tot wie die Playstation. Vier Stunden fühlen sich wie 30 Minuten an, wenn du dir gerade einen unauffälligen Weg durch die Zombiepokalypse zu bahnen versuchst. 

Und auch als Pärchen hilft die Playstation dabei, den Tag zu strukturieren und für nötige Auszeiten zu sorgen. Wer durch die Weiten der amerikanischen Wüste streicht, vergisst schnell, dass er mit einer anderen Person seit Wochen auf 45 Quadratmetern zusammengepfercht ist. Wenn eine*r von beiden nicht Playstation spielt und sich, aus welchen Gründen auch immer, selbst um diesen großartigen Zeitvertreib bringt – perfekt. Jede*r hat Zeit für sich und beide gehen sich ab und an mal zwei, drei Stunden aus dem Weg. Wenn beide Partner*innen zocken. Noch besser. Was könnte Konflikte um den Haushalt besser lösen? Diskussionen, wer heute dran ist, mit Wäsche aufhängen? Klären wir das mit einer Runde Mario Kart! Wer darf heute an die frische Luft und einkaufen gehen? Eine Partie Fifa wird die Antwort bringen.

Doch der vielleicht größte Vorteil ist, dass die kleinen, alltäglichen Probleme wieder die Bedeutung bekommen, die ihnen zusteht. Wenn du gerade virtuell den Weltuntergang aufgehalten hast, wirkt der Endgegner Herr Hofstetter mit seiner Laubsäge nicht mehr ganz so problematisch und furchteinflößend. Vielleicht geben einem die Erfolgserlebnisse an der Konsole ja sogar den Mut, auch dieses Problem anzugehen. Mit Worten natürlich und nicht mit den gleichen Methoden wie bei Tekken. 

plaedoyer zocken
  • teilen
  • schließen