Nein, wir müssen jetzt nicht das Beste aus der Situation rausholen

Die viele Zeit daheim verspricht ganz neue Möglichkeiten. Aber Corona-To-Dos sind mehr Selbstbetrug als Selbstoptimierung.
Von Leonie Sanke
selbstoptimierung corona

Foto: go2 / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Ich habe eine Liste, die mich tagtäglich begleitet. Jeden Tag schiebe ich darin Bullet Points hin und her, die ich heute aber wirklich mal abhaken will. Endlich mal Fotos für die leeren Bilderrahmen aussuchen, endlich mal den uralten Laptop ausmisten, endlich mal den Fahrradsattel richtig einstellen. Dazu noch unerfreulichere Dinge, die man als erwachsener Mensch eben zu erledigen hat. Und obwohl ich es längst besser wissen sollte, habe ich mir immer wieder eingebildet, die halbe Liste an einem Tag abarbeiten zu können. Aber man hat ja auch noch einen Job und ein Leben und dann war die Woche auch schon wieder vorbei.

Dann kam die Corona-Krise, der Shutdown, Social Distancing – und die Erkenntnis, dass man die nächsten Abende nicht mit Freund*innen in Restaurants und die Wochenenden nicht in den Bergen oder mit Besuchen in anderen Städten verbringen wird. Was erst mal vor allem nach Einschränkung klang, begannen die ersten (kinderlosen) Menschen schnell als Chance zu sehen: So viel freie Zeit! So viel Zeit für mich! Wie Schulkinder vor den großen Ferien standen wir da und machten Pläne. Wir richteten unser Isolations-Luftschloss wahlweise mit Yogamatten, einer umfassenden Bibliothek, Hanteln, Vorräten für vegane israelische Rezepte und einer einladenden Kreativ-Ecke ein. Und auch ich ergänzte meine Liste ganz optimistisch um Punkte, die sich unter der Kategorie „Selbstoptimierung“ zusammenfassen lassen.

Überall Listen voller Corona-To-Dos

Inspirationen für solche Corona-To-Dos muss man nicht lange suchen. Von den Filmen und Serien, die wir jetzt dringend mal schauen, den Büchern, die wir endlich mal lesen sollten bis zu DIY-Projekten und den besten Sport-Apps, die uns vom Sofa holen sollen: Für all das gibt es eine ganze Liste voll mit Listen. Ganz zu schweigen von den vielen Wegen, über die man sich jetzt sozial engagieren könnte. Und den vielen Menschen, mit denen man jetzt dringend telefonieren sollte. Auch wir bei jetzt haben solche Möglichkeiten und guten Vorsätze gesammelt – in der Hoffnung, dass wir und andere in dieser verrückten Zeit etwas Raum für Sinnvolles und Wohltuendes finden.

Tatsächlich erzählen mir Freund*innen, dass sie jetzt nähen lernen und in die Masken-Produktion einsteigen, im Home-Office drei Mal am Tag eine Runde Yoga machen oder ihren Balkon bienenfreundlich gestalten. Und auch ich stehe jetzt regelmäßig mit zwei Bierflaschen als Kurzhantel-Ersatz vor meinem Laptop und lasse mir von Caro, Chris und Chris zeigen, wie ich mich damit „richtig in Form bringe“. Ich verabrede mich mit Menschen im Videochat, die ich auch vor Corona schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe, und schaue mir meine Kochbücher nicht nur an, sondern koche tatsächlich was daraus. Aber am Ende des Tages fühle ich mich nicht erfüllt und selbstoptimiert, sondern vor allem kaputt. Und das, obwohl ich keine Kinder habe, die ich bespaßen und versorgen muss, gesund bin und einen Job habe, den ich auch unter den aktuellen Bedingungen ausüben kann. Das privilegierteste Problem, seit es Corona gibt.

Gerade in der Corona-Krise sollten wir nicht zu viel von uns selbst erwarten

 

Ich könnte jetzt auf die sozialen Medien schimpfen und die Menschen, die dort ihre scheinbar perfekte Shutdown-Welt in Posts und Storys verpacken. Aber im Prinzip hat sich am Insta-Game nicht viel verändert, außer dass das Avocado-Brot jetzt mit #StayHome gepostet wird und Influencer*innen nun eben in Rückblicken an instagrammable Orte reisen. Trotzdem, glaube ich, lassen wir uns jetzt noch mehr von alldem beeindrucken als sonst. Wir hätten doch jetzt schließlich auch mal Zeit für Selfcare, oder? Oder zumindest für einen schlauen Tweet zu Solidarität in Krisenzeiten? Obwohl uns klar sein sollte, dass die Menschen, die gerade zum Teil beeindruckend kreative Dinge posten, sonst vielleicht auch nichts Nennenswertes auf die Reihe bekommen und sich ähnlich ungenügend fühlen wie wir, lassen wir uns von all dem blenden, holen uns zur Beruhigung ein Stück Schokolade und gehen zurück aufs Sofa. Und da sollten wir auch einfach mal bleiben und überlegen, was uns gerade wirklich gut tun würde. Und das müssen nicht gleich zehn Dinge sein, die wir unbedingt abhaken müssen.

Vielleicht sollten wir stattdessen besser Listen mit Dingen füllen, die wir geschafft haben. Frisch geduscht im Home-Office erscheinen zum Beispiel oder nach Feierabend zumindest noch spazieren gehen. Schließlich sind die meisten von uns, ob bewusst oder unbewusst, immer noch dabei, sich an diese völlig neuen Umstände zu gewöhnen. Alte Gewohnheiten, die unseren Alltag strukturiert haben, fallen weg und neue einzuüben fällt uns viel schwerer, als wir denken. Gerade in dieser unsicheren, unwirklichen Zeit sollten wir also eher weniger von uns selbst erwarten als sonst. Und: Jetzt gilt noch viel mehr als sonst, dass es Wichtigeres gibt als die Frage, ob das eigene Leben sich gut auf Instagram machen würde.

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