trink kolumne kater
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Es ist das am wenigsten geheime Geheimnis eines Genusstrinkers: Das ultimative Rezept gegen einen Alkohol-Kater ist mehr Alkohol. Das Konterbier, die Bloody Mary, die Weinschorle, relativ egal. Mehr von dem Gift, das einen quält. Wer sich durch den Sonntag gekämpft hat, mit Kopfschmerzen und Übelkeit bis zum ersten Glas, oder gar direkt nach dem bleischweren Aufstehen dem inneren Schweinehund zuprostet, erlebt eine Wunderheilung.

„Soft landing“, nennen das die Profis. „Corpse Reviver“ oder „Pick-me-ups“ taufen sie die entsprechenden Drinks. Aber sind die wirklich ratsam?

Bedingt. Denn in dieser „Feuer-mit-Feuer“-Taktik steckt der Kern des Alkoholismus. Der Kreislauf aus Rausch, Kater und dann möglichst schnell wieder Rausch, damit es mir weniger elend geht – das ist die Definition von Sucht. Also sollte man die Konter-Trinkerei genau dosieren. Und wissen, wie sie funktioniert.

Der Kater wird ja meistens erst dann richtig schlimm, wenn der letzte Rest Alkohol abgebaut ist. Mit ein paar Zehntelchen Promille im Blut lässt es sich fröhlich über den Abend schwadronieren, Pläne schmieden, die Leber loben. Dann kommt der Einbruch. Auf einmal wird mir sterbensschlecht, Kopf aua, Laune auf null. Logisch, dass die Anhebung des Alkoholspiegels da hilft. Denn Alkohol ist erstens ein Schmerzmittel.

Zweitens, Chemie-Grundkurs: Beim Abbauen spaltet ein Enzym im Körper das Methanol des Alkohols (das böse Zeug!) in Ameisensäure und Formaldehyd. Beide Stoffe sind, kurz gesagt, schlecht für den Körper und tun weh. Um diesen Methanolabbau zu verhindern, hilft es, Alkohol zu trinken. Der „gute“ Alkohol namens Ethanol nämlich braucht für seinen Abbau dasselbe Enzym wie das böse Methanol. Aber: Ethanol wird bevorzugt. Erst wenn es nicht mehr aus Bier, Wein oder Schnaps nachfließt, kommt das Methanol an die Abbaureihe. Bis dahin sammelt es sich an. Und tut mir erst einmal nichts.

Es wird aber noch besser in der körpereigenen Chemieküche

Wer nun morgens in Maßen wieder Alkohol trinkt, kann den Methanolabbau hinauszögern. Es wird aber noch besser in der körpereigenen Chemieküche: Bleibt Methanol auf Dauer im Körper, verzichtet jener irgendwann auf das Spalten des Stoffs und scheidet ihn einfach über Atem und Urin aus. Die Gifte Ameisensäure und Formaldehyd entstehen gar nicht erst. Diese Methode wirkt so gut, dass Ärzte Ethanol gezielt bei einer Methanolvergiftung durch gepanschten Alkohol einsetzen.

Man kann also den Körper austricksen, oder besser: den Kater hinausschieben. Gesund ist das nicht. Und manchmal, vielleicht sogar meistens, lohnt es sich zu leiden. Die Katharsis des Katers, dieser Ablasshandel, bei der die Sünde teuer bezahlt wird, gehört zum Menschsein dazu. Der Preis des verdorbenen Tages steigert den Wert der wilden Nacht. Man verdient sich den Rausch nachträglich, wird quitt mit der Welt. „Nie wieder Alkohol“, denkt man, und auch wenn dieser Schwur durchschnittlich nur drei Tage besteht, hält er uns von größeren Dummheiten ab.

Wann ich mir das Gegengift erlaube

Manchmal, und das gebe ich gerne zu, erlaube ich mir jedoch das Cheaten mit Konter-Alkohol. Für mich ist das Gegengift in zwei Szenarien legitim: Einmal im Urlaub. Schließlich habe ich jede Minute teuer bezahlt. Und mir ein wenig Unvernunft verdient. Zweitens: Wenn es mir wirklich so hundeelend geht, dass ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin. Wenn ich wie ein eingesperrter Tiger zwischen Bett und Toilette herumstreife, immer bereit, das bisschen Wasser, was ich runterbekommen habe, wieder abzugeben, während ich meine Freunde beschimpfe und meine Existenz verfluche. Wenn also der Stress und die Schmerzen mehr in Körper und Seele anrichten würden, als ein, maximal drei Gläser Bier zu deren Abstellung.

Aber ich nutze diese Abkürzung ausdrücklich nicht, wenn es um funktionieren, arbeiten, performen geht. Eine „um-zu“-Logik sollte nicht der Grund für Alkohol sein. Sie ist es ja schon oft genug. Um zu feiern, zu tanzen oder Sex anzubahnen, trinken wir uns locker. Geschenkt. Dann aber am nächsten Tag weiter zu trinken, nur um sich wieder der Funktionslogik des Systems zu unterwerfen, die uns erst in den Rausch getrieben hat – das wäre fatal.

Das Geheimnis einer perfekten Bloody Mary ist übrigens neben dem Wodka vor allem der frische Stangensellerie, zum Knabbern. Damit man sich nicht ganz so ungesund vorkommt.  

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