Gizem Adıyaman will R-Kelly-Konzerte in Deutschland verhindern

Dass sich Veranstalter auf die Unschuldsvermutung berufen, wollen sie und die Mit-Initiatorinnen ihrer Petition nicht gelten lassen.
Interview von Quentin Lichtblau

Gizem Adıyaman, Mit-Initiatorin von #rkellystummschalten

Foto: Maximilian Semlinger

Mehr als 45 000 Unterschriften haben die Initiatorinnen von #rkellystummschalten bereits gesammelt. Ihr Ziel: Die im April anstehenden Deutschland-Konzerte von R. Kelly zu verhindern. Gegen den Sänger wird in den USA derzeit wieder ermittelt, nachdem ihm in einer Dokumentation mehrere Frauen vorgeworfen hatten, sie systematisch unterdrückt und sexuell missbraucht zu haben, viele damals minderjährig. Am Freitag tauchte außerdem ein neues Video auf, das Kelly möglicherweise zusätzlich belasten könnte.

Gizem Adıyaman ist Teil des Party-Kollektivs Hoe_mies und Mit-Initiatorin von #rkellystummschalten. Auch aufgrund des Drucks durch ihre Unterschriften-Aktion wurde ein Konzert in Sindelfingen bereits abgesagt, es soll nun in der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena stattfinden. Ein weiteres Konzert ist in Hamburg geplant. Gizem will diese Konzerte verhindern – im Zweifelsfall auch mit Straßenprotesten.

jetzt: Gizem, bisher sieht es so aus, als würden die zwei R.-Kelly-Konzerte im Hamburg und Neu-Ulm stattfinden. Der Betreiber der Halle in Hamburg gibt an, dass „vertraglichen Verpflichtungen“ nachgekommen werden müsse und daher keine Absage möglich ist. Hältst du das für glaubwürdig?

Gizem Adıyaman: Nein. Für mich ist das echt ein Unding, weil diese Halle vom Bezirk Hamburg Nord betrieben wird und Hamburg eigentlich eine sehr links geprägte Stadt ist. Es wirkt ein bisschen, als hätte soziale Verantwortung dort ein Price-Tag: Wenn es zu teuer wird, dann lässt man sie lieber sein. Das finde ich sehr schade.

Die Arena in Ulm beruft sich wiederum auf die Unschuldsvermutung, die auch für den bisher nicht verurteilten R. Kelly gilt. Ein gutes Argument?

Mir ist es zu bequem, sich allein auf die Unschuldsvermutung zu berufen. Das zeigt für mich, dass sich dort niemand ein eigenes Bild von der Lage gemacht hat und dass finanzielle Interessen im Vordergrund stehen. Die Halle wird vom Arzneimittelhersteller Ratiopharm gesponsert, der auch Medikamente für Trauma-Patientinnen produziert, zum Beispiel für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Gerade deswegen müsste hier mehr Reflexion vorhanden sein. Die Betreiber der Ratiopharm-Arena sprechen in ihrem Statement ja auch von einer Vertragsklausel, laut der sie ihre Haltung überdenken wollen, sollten sich die „neue, nach Einschätzung der Justiz evidente Fakten“ im Fall Kelly geben. Das ist natürlich Bullshit, denn sollte R. Kelly verurteilt werden, könnte er ja sowieso gar nicht erst anreisen.

Gebt ihr euch nun damit zufrieden? Die Unschuldsvermutung ist ja tatsächlich ein hohes Gut.

Wir geben uns damit nicht zufrieden, denn dieses Vorgehen sendet völlig falsche Signale an Betroffene von sexualisierter Gewalt. Unschuldsvermutung schön und gut, aber das Rechtssystem in den USA läuft eben auch etwas anders als hier. Viele Fälle sexualisierter Gewalt werden über außergerichtliche Zahlungen erledigt. Im Fall von R. Kelly ist genau das mehrfach geschehen. Außerdem wurde er 2002 für den Besitz von Kinderpornografie-Fotos festgenommen, das wurde dann allerdings fallengelassen, weil Beweismittel ohne korrekten Durchsuchungsbefehl beschafft worden waren. Mit solchen Tatsachen haben sich die Hallenbetreiber offenbar nicht auseinandergesetzt. Oder sie waren ihnen egal.

„Wir verlagern den Druck auf Öffentlichkeit und Politik“

Wie wollt ihr nun weiter vorgehen? Die Unterschriftenaktion hat ja zur Durchsetzung eures Ziels offenbar nicht ausgereicht.

Wir verlagern den Druck, den wir auf die Hallenbetreiber gemacht haben, nun auf Öffentlichkeit und Politik. Wir wollen auf die Straße gehen und aktiv protestieren. Wir sind da ja in ganz Deutschland im Austausch, haben einige Aktionen geplant, teilweise auch guerillamäßig, weswegen ich noch nicht so viel erzählen kann. Außerdem stehen wir natürlich auch mit unseren Kolleginnen in den USA in Verbindung, eine davon wird nach Deutschland kommen, um uns zu unterstützen. In Australien haben Politikerinnen bereits zusammengefunden, um ein Einreiseverbot zu fordern. Ich frage mich, warum das in Deutschland so schwer sein soll?

Auch wenn die Dokumentation „Surviving R. Kelly“ natürlich hochaktuell ist, stehen die Vorwürfe gegen ihn schon lange im Raum. Warum kommt deiner Meinung nach diese Debatte erst jetzt in Fahrt? Wäre es genau so gelaufen, wenn die Dokumentation – sagen wir mal – 2012 erschienen wäre?

Die #metoo-Bewegung hat da sicher eine große Rolle gespielt. Die Bereitschaft, über bestimmte Dinge wie Machtmissbrauch oder sexuelle Nötigung zu sprechen sowie darüber, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um ein ganzes System handelt, die ist neu. R. Kelly wurde lange von seinem Umfeld geschützt, es wurde viel geschwiegen. Und lange hat auch niemand bei seinem Konsumverhalten Konsequenzen gezogen. Im #metoo-Kontext ist diese Dokumentation natürlich sehr gut aufgehoben und hat eine riesige Reichweite bekommen. In Deutschland soll sie ja erst im Mai ausgestrahlt werden – was schade ist, weil nach der Ausstrahlung sicher auch die Diskussion um anstehende Konzerte anders verlaufen würde.

„Auch als Fan trägt man Verantwortung“

Inwiefern sollten ein Kelly-Fan sein Konsumverhalten überdenken?

Er sollte sich bewusst werden, dass er durch sein Verhalten – also das Streamen oder Kaufen von Musik oder Konzertkarten – auch Menschen Macht verleiht. Das ist keine reine Privatsache, auch als Fan trägt man hier eine Verantwortung.

In einem anderen Interview sagstest du ja, dass diese Macht R. Kelly erst dazu befähigt hätte, die ihm vorgeworfenen Taten auszuführen. Lassen sich da die Privatperson und ihr künstlerisches Werk überhaupt noch trennen?

Nein, ich finde, da muss man viel mehr reflektieren. Auch was die Inhalte von Kellys Texten betrifft. Wenn man weiß, dass dieser Mensch vermutlich mit Minderjährigen schläft, finde ich seine Lieder über Liebe und Sex absolut problematisch. Wenn man sich anhört, wie er mit der damals minderjährigen Aaliyah „Age ain't nothing but a number“ singt, wie soll man das dann noch von den Vorwürfen trennen?

Auch andere Stars haben mit minderjährigen Frauen geschlafen, von Elvis Presley über David Bowie bis zu Iggy Pop. Letzterer gibt sich heute feministisch, hat aber 1996 noch über seinen Sex mit einer 13-Jährigen gesungen. Sollten all diese Fälle nun auf den Tisch?

Auf jeden Fall sollte man auch über diese Fälle sprechen. Aber Presley und Bowie sind ja bereits tot, vieles liegt weit zurück, dementsprechend ist es wahrscheinlich schwierig bis unmöglich, hier noch alle zur Rechenschaft zu ziehen. Aber wir können das jetzige Momentum zu nutzen, um uns die aktuellen Künstler anzusehen. 

Welche aktuellen Fall hältst du außer R. Kelly für diskussionswürdig?

Der Veranstalter des R.-Kelly-Konzerts in Neu-Ulm, Thomas Bernard von Invaders Entertainment, wollte im Januar auch Tekashi 6ix9ine buchen, einen verurteilten Sexualverbrecher. Das Konzert konnte nicht stattfinden, weil er nun wieder wegen einer anderen Geschichte im Knast sitzt. Daraufhin hat Bernard Tyga gebucht, ebenso problematisch, weil der wegen sexueller Nötigung bei einem Videodreh angezeigt wurde, damals gab es eine außergerichtliche Einigung durch eine Zahlung von 50 000 Dollar. Ich finde es sehr eigenartig, dass sich dieser Veranstalter demonstrativ hinter solche Künstler stellt.

Sollten die Konzerte von R. Kelly trotz eures Engagements stattfinden, wäre euer Protest dann gescheitert?

Klar wäre es ärgerlich, wenn die Konzerte stattfänden, aber ich finde es viel wichtiger, dass wir mit der ganzen Kampagne überhaupt eine Debatte angestoßen haben. Es wurden bereits ein Haufen Artikel zum Thema veröffentlicht, es wird über die Trennung von Künstler und Werk diskutiert, gerade auch innerhalb der Hip-Hop-Szene. Und allein das Zeichen, dass wir solchen Menschen keine Bühne mehr geben möchten, ist wichtig für alle Betroffenen weltweit.

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